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DIE DEUTSCHEN UND DIE MUSLIME
- DETERMINANTEN DES ZUSAMMENLEBENS -

Munir D. Ahmed


 


Goethes Verehrung für den Koran

Auf meinen Reisen in den Orient werde ich oft gefragt, wie die Deutschen den Islam, die Muslime und die islamische Welt sehen. Ich versuche, diese Frage nicht pauschal, sondern differenziert zu beantworten. Den gebildeten Zuhörern zum Beispiel erzähle ich von Goethe, der von den Gedichten des Mystikers und Dichters Hafis beeindruckt war und selber versuchte, in seinem Stil zu dichten. Meine Gesprächspartner kennen meistens Goethe und haben vielleicht das eine oder andere Gedicht von ihm gelesen. Viele erzählen mir von Goethes Gedicht über den Propheten Muhammad, in dem er ihn in höchsten Tönen gepriesen hat. Dieses Gedicht schrieb er übrigens als Dreiundzwanzigjähriger. Manche kennen sogar seinen West-östlichen Divan, der zu seinen Spätwerken zählt, und zitieren Goethes Vierzeiler:

                                               “Herrlich ist der Orient,
                                               übers Mittelmeer gedrungen;
                                               nur wer Haus liebt und kennt,
                                               weiß was Calderon gesungen.“

Aber kaum einer von meinen Gesprächspartnern weiß, daß Goethes Verehrung für den Propheten Muhammad und den Koran viel weiter ging. In der von ihm selbst verfaßten Ankündigung seines West-östlichen Divans steht: Der Verfasser lehne "den Verdacht nicht ab, daß er selbst ein Muselmann sei."

Goethe bekannte in aller Öffentlichkeit, daß er sich mit dem Gedanken trage, “ehrfurchtsvoll jene heilige Nacht zu feiern, wo der Koran vollständig den Propheten von obenher gebracht ward“. Die Muslime feiern diese Nacht hingebungsvoll und drücken ihre Freude darüber aus, daß Gott der Menschheit den Koran geschenkt hat. An anderer Stelle erläutert Goethe die Botschaft des Islam als Ergebung in den Willen Gottes und sagt: “Im Islam leben und sterben wir alle.‘

Nur wenige wissen, daß manche berühmt gewordene Verse von Goethe aus dem Koran entliehen sind. Dazu gehört der Vierzeiler:

                                                “Gottes ist der Orient!
                                                Gottes ist der Okzident!
                                                Nord- und südliche Gelände,
                                                Ruht im Frieden seiner Hände.“

Die ersten beiden Verse sind wörtliche Übersetzung aus der Sure 2, Vers 109 des Korans. Aus der ersten Sure ist folgender Vierzeiler entliehen:
 

                                                 “Mich verwirren will das Irren;
                                                  Doch du weißt mich zu entwirren.
                                                  Wenn ich handle, wenn ich dichte,
                                                  Gibst du meinem Weg die Richte.“

Dieser Vers wird von jedem Muslim täglich im Gebet rezitiert und heißt:

“Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen du Gnade erwiesen hast, nicht derer, die deinem Zorn verfallen sind und irregehen!‘

Meine pakistanischen Gesprächspartner erzählen mir voller Stolz, daß ihr Nationaldichter und geistiger Vater ihres Staates, Muhammad lqbal, der 1908 an der Universität München promovierte, unter dem Titel “Die Botschaft des Ostens‘ ein Gegenstück zu Goethes "West-östlichem Divan" verfaßt habe. Darin preist er Goethes Hochachtung für den Geist des Orients und drückt seinerseits Bewunderung für den persischen Dichter Hafis aus.

Wer Leibnitz, Lessing und Herder aufmerksam gelesen hat, wird wissen, daß alle drei sich bemühen, dem Islam im Sinne einer humanen, aufgeklärten Gesinnung Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Auch Nietzsche, der den Tod Gottes proklamierte, fand Bewunderungs- und Hochachtungsworte für den Islam und für die islamische Kultur.

Mangelnde Kenntnisse über den Islam

Leider kennt die Allgemeinheit in Deutschland weder die Beschäftigung seiner hervorragenden Literaten mit der islamischen Kultur, noch weiß sie, daß einstmals auch der Adel ganz verrückt nach den Waren aus dem Orient war. Und wer etwas auf sich hielt, kleidete sich nach muselmanischer Mode. Man kennt leider nur noch die Kreuzzüge, die angeblich zur Befreiung des heiligen Landes geführt wurden, oder die Tatsache, daß die türkischen Heere zum letzten Mal 1683 vor Wiens Toren standen. Vergessen sind die Zeiten, als Botschafter des Abbasiden Kalifen Harun ar-Rashid aus Bagdad im Jahre 807 in Aachen Kaiser Karl dem Großen Geschenke, darunter eine Uhr aus Messing, überreichten. Der Chronist schreibt dazu:

“Und (die Uhr) war mit staunenswerter Kunstfertigkeit zusammengesetzt. Eine Wasseruhr maß den Verlauf der Zwölf Stunden, bei deren Vollendung zwölf Kügelchen herabfielen und durch ihren Fall eine darunter befestigte Zymbel ertönen ließen. Dazu kam noch die gleiche Anzahl von Reitern, die zur vollen Stunde durch zwölf Tore heraussprangen und durch den Schwung ihres Sprunges die Tore schlossen, die vorher offen waren. Aber noch viel anders merkwürdiges war an dieser Uhr zu sehen, was aufzuzählen zu weit führen würde.“

Kaum einer kennt noch die Geschichte des Orienthandels, der vom Kaspischen Meer kommend und entlang der Wolga hoch hinauf die Küsten der Ostsee erreichte. In Ostpreußen, aber auch in Dänemark und Schweden hat man Millionen Silber- und Goldmünzen aus dem islamischen Reich vom 9-11. Jahrhundert gefunden.

So viele Münzen aus dieser Zeit sind im Orient selbst nicht entdeckt worden. Sie gelangten hierher als Erlös für Häute, Felle und Sklaven und waren aus Ermangelung eigener Münzprägungen als Zahlungsmittel im Umlauf. Und es war ein Münzfund in Ostpreußen, der mir zum ersten Mal vor Augen führte, wie wenig selbst gebildete Deutsche über den Islam und die islamische Kultur wußten.

Anfang der sechziger Jahre belegte ich im Rahmen meines Orientalistik-Studiums einen Kurs über die islamische Numismatik. Ein Professor für Vor- und Frühgeschichte von der Universität Hamburg hatte vor dem Krieg wertvolle Münzfunde in Ostpreußen gemacht. Obwohl er kein Fachkenner war, kümmerte er sich um die Sammlung. Er brachte zu seinem Vortrag hervorragende Fotographien und Farbdias von einem Teil des Schatzes mit. Aber bevor er seinen Vortrag über die Entdeckungsgeschichte eröffnete, gab er zum Besten, was er über den Islam und die islamische Kultur wußte. Und es war verdammt wenig, was dieser hochgebildete Professor wußte. Und fast alles, was er wußte, war falsch. Den Propheten Muhammad nannte er einen Geisteskranken, der häufig in Ohnmacht fiel, aus der er mit den Koranversen aufwachte.

In einer im Jahre 1967 veröffentlichten medizinischen Doktorarbeit an der Hochschule Düsseldorf zum Thema “Islamische Krankenhäuser im Mittelalter unter besonderer Berücksichtigung der Psychiatrie steht folgendes:

"Die 'Besessenen' werden im Koran häufig erwähnt und gelten als Gesandte Gottes; ihre Weissagungen bezeichnen kommende Ereignisse. Die Narrheit ist geradezu die höchste Steigerung der Hingabe an Allah, so daß der Narr verehrt wurde wie ja auch Mohammad, der auch an einer Geisteskrankheit litt."

Wenn dies der Kenntnisstand der Gebildeten war und zum Teil noch ist, nimmt es kein Wunder, daß die Bevölkerung den Islam für eine exotische Religion hält, deren Anhänger dem entsprechen, wie sie Karl May alias Kara bin Nemsi porträtierte. Leider stammen die ersten und
häufig die einzigen Kenntnisse über den Islam und die islamische Welt bei der Bevölkerung im deutsch-sprachigen Raum aus den Büchern Karl Mays, der über den Islam fast genausowenig wußte wie wir über den Mars.

Obwohl wir heute im Zeitalter der elektronischen Medien leben und jedes Jahr Millionen Deutsche ins Ausland reisen, wovon nicht wenige in den islamischen Ländern ihren Urlaub verbringen, ist der Kenntnisstand über die dortige Kultur sehr gering. Gelegentlich wird man bei den öffentlichen Vorträgen mit entsprechenden Vorurteilen konfrontiert. Manche Leute sind so sehr von ihrem Wissensstand überzeugt, daß sie sich von ihrer irrigen Meinung nicht abbringen lassen. Daran hat auch die Anwesenheit von über zweieinhalb Millionen Muslimen in der Bundesrepublik nichts ändern können. Im Gegenteil scheinen die Vorurteile gerade durch die Anwesenheit der muslimischen Gastarbeiter zugenommen zu haben. Bevor wir uns aber der Gastarbeiterproblematik zuwenden, will ich einiges Grundsätzliches über den Islam sagen, das jeder wissen sollte, der sich Gedanken über eine Zusammenarbeit mit den Muslimen macht.

Der Islam ist eine semitische Religion, die sich als die Fortsetzung des Judentums und des Christentums begreift. Alle drei haben Gemeinsamkeiten, z.B. ihre Vorstellung Gottes als Schöpfer und Ernährer des Universums. Der Mensch ist Gott gegenüber zum Gehorsam verpflichtet. Was er tun muß, um Gottes Gnade zu finden, wird ihm mitgeteilt. Gott läßt ihn nicht führungslos, sondern sorgt dafür, daß ihm seine Bestimmung klar wird. Dies tut er in mannigfaltiger Weise, wozu insbesondere die Entsendung von Propheten gehört. Das sind Menschen mit besonderen Fähigkeiten und Begabungen. Das Alte Testament nennt viele Propheten namentlich, und die Traditionen sprechen von Hunderttausenden, deren Namen nicht überliefert wurden.

Auch die Schöpfungsgeschichte wird in allen drei Religionen mit fast identischen Worten erzählt. Adam und Evas Vertreibung aus dem Paradies, aber auch die Geschichte Satans, der vom Engel zum Luzifer wurde, wird überliefert. Die Vorstellung der Sünde und die der gottgefälligen Tat stimmt bei allen drei Religionen überein. Auch die Hölle, in die man geworfen wird, um für seine Sünden zu büßen, aber auch die Vorstellung, daß man für seine Wohltaten zur Belohnung ins Paradies kommt, haben sie gemeinsam. Die Gemeinsamkeiten aller drei Religionen werden am konsequentesten vom Islam betont, der in der zeitlichen Reihenfolge als letzte auftrat. Die anderen beiden Religionen haben den Islam lange Zeit, zum Teil bis heute, nicht als eine genuine Religion akzeptiert. Das braucht uns nicht zu verwundern. Dies liegt in der Natur der Sache. Das Judentum, also die älteste der drei semitischen Religionen, hat auch das Christentum bis heute nicht akzeptiert.

Damit wären wir bei den Differenzen, wodurch die drei sich voneinander unterscheiden. Das Judentum hat sich am konsequentesten als eine Religion eines bestimmten Volkes verstanden, eben eines auserwählten Volkes. Es war für Juden unwichtig, was mit der übrigen Menschheit geschieht. Gott hatte die lsraeliten für seine Gnade ausgesucht. Es war sein Volk, und er beschäftigte sich nur mit diesem Volk. Man konnte nur als Jude geboren werden, nicht zum Judentum konvertieren.

Im Christentum war es anders. Jesus Christus wurde zwar als Jude geboren, aber seine Geburt war etwas Besonderes. Er war der Sohn Gottes, der auf die Erde kam, um die Menschen von ihrer Erbsünde zu befreien. Das Heil wird dem Menschen nur durch Jesus Christus zuteil. Das Christentum entwickelte sich zu einer missionarischen Religion, das den Menschen Heil bringen wollte. Die Toleranz gegenüber anderen Religionen und ihren Anhängern scheiterte an seinem Ausschließlichkeitsanspruch.

Eine Religion ohne Amtskirche

Der Islam ist von allen dreien wohl diejenige Religion, die sich mit Recht
als eine universelle Religion begreift. Er ist weder an ein Volk gebunden, noch schließt er aus, daß Menschen ihr Heil auch außerhalb des Islam finden können. Der missionarische Geist steckt auch im Islam, aber er beansprucht für sich die Ausschließlichkeit des Seligmachens nicht. So gesehen ist der Islam eine tolerante Religion par excellence.

Der Islam kennt keine Kirche, und er ist die Religion der Laien. Und dies bedeutet, daß jeder Muslim die Schrift selber auslegen kann. Jeder kann die Gebete leiten, wobei darauf geachtet wird, daß derjenige diese Aufgabe übernimmt, der über die besseren Kentnisse der Schrift verfügt. Daher wird der Vorbeter in jeder Moschee gewählt, es sei denn, daß diese Aufgabe von einem dafür besonders ausgebildeten Menschen wahrgenommen wird. Dadurch ist allmählich auch eine Klasse der Klerikalen entstanden. Trotzdem ist dies kein Ersatz für eine Amtskirche, die es im Islam nicht geben darf.

Im Sozialbereich stellt der Islam ebenso wie die anderen Religionen Normen auf. Zu den Eigenschaften, die ein Muslim haben sollte, zählen z.B. die Wahrheitsliebe und die Wahrhaftigkeit. Der Gemeinschaftssinn wird großgeschrieben. Der pakistanische Dichter Iqbal, von dem vorhin die Rede war, sagt in einem Zweizeiler:

“Das Individuum kann nur in der Gemeinschaft bestehen, nie alleine.
Ebenso wie die Woge nur um Meer ihre Herrlichkeit feiern kann und nicht außerhalb".

Mich hat eine Begebenheit aus dem Leben eines Gelehrten sehr beeindruckt. Er besaß einen Laden im Bazar von Bagdad. Eines Nachts brach im Bazar Feuer aus. Als er die Nachricht bekam, rannte er mit den anderen, um seinen Laden vor dem Feuer zu retten. Unterwegs begegnete er Leuten, die aus dem Bazar zurückkehrten und ihm berichten konnten, daß sein Laden gerettet worden war. Darauf dankte er Gott. Just in diesem Moment fiel ihm ein, daß er Gott dankte, weil sein Laden gerettet worden war. Die Läden anderer Händler waren aber Zerstört worden. Später sagte er:

“Ich habe mich nie für das Wort 'Gott sei Dank' so geschämt wie an jenem Tag".

Er gab seinen Laden auf, weil er keine Ruhe vor seinem Gewissen finden konnte.

Der Islam ist nicht für Askese, aber auch nicht für die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Einen Eckpfeiler seiner Wirtschaftslehre bildet die Absage an den Wucherzins. Die Begründung dafür ist, daß dies schädlich für die Gesellschaft und ruinös für den Einzelnen ist. Die Gemeinschaft hat die Aufgabe, für das Wohlergehen ihrer Glieder zu sorgen. Und dies kann unter Umständen Opfer von allen verlangen. Ein Grundsatz islamischer Lehre besagt, daß es durchaus erlaubt ist, gegen die Grundregeln des Islam zu handeln, wenn dies zur Errettung des Lebens geschieht. Zum Beispiel darf ein Muslim in der Not Schweinefleisch essen oder Alkohol als Medizin nehmen. Ich bringe diese Beispiele, um zu zeigen, daß der Islam eine pragmatische Religion ist, die, wenn es sein muß, über ihren Schatten springen kann.

Der Prophet Muhammad betrachtete die Rechte des Nachbarn für sehr wichtig und bedeutete, daß Gott den Nachbarn fast zum Miterben erklärt hätte. Wenn in der Bundesrepublik Deutschland lebende Türken plötzlich ihre Nachbarn zum Essen oder zu ihren Festen einladen, ist manch einer verblüfft und verunsichert, ob er die Einladung annehmen sollte oder nicht. Die Türken ihrerseits beschweren sich, daß sie kaum Kontakt mit der deutschen Bevölkerung haben und daß sie nie eingeladen oder besucht werden.

Im Islam wird Wert auf die Erfüllung der Verpflichtungen und auf die Einhaltung des gegebenen Wortes gelegt. Muhammad ermahnte zur Arbeitsamkeit und sagte:

“Arbeite für diese Welt, als ob du ewig leben wolltest. Arbeite für das Jenseits, als ob du morgen sterben müßtest. Der Schaffende ist ein Freund Gottes".

Verwandte Andersartigkeit

Diese Ausführungen müßten eigentlich bei den Leser die Reaktion hervorrufen, daß
dies alles doch gar nicht so neu und revolutionär ist. Es ist tatsächlich weder neu noch revolutionär. Denn wir reden von einer religiösen Gemeinschaft, die der christlichen sehr nahe steht. Vor einiger Zeit besuchte uns der Schriftsteller Joachim Seyppel, und als er in meinem Zimmer Bilder sah, die ich von einer Afrikareise mitgebracht hatte, machte er eine Bemerkung, die mich nachdenklich stimmte. Er sagte, für ihn seien Menschengesichter aus dem Orient vertrauter und verständlicher als Gesichter aus Afrika. Was er damit gemeint hatte, wurde mir klar, als ich im Buch eines deutschen Diplomaten las, daß es für ihn und seine Kollegen verhältnismäßig leicht war, die Reaktion eines muslimischen Staates in fast jeder beliebigen Frage im voraus zu berechnen; dieses sei bei den anderen afrikanischen und asiatischen Staaten nicht der Fall gewesen. Der Grund war die religiöse Affinität zwischen dem Morgen- und dem Abendland.

Gelegentlich hört man, daß Europa und Orient so sehr voneinander entfernt sind, daß sie, wie Rudyard Kippling sagte, niemals zueinander finden können. Diese Feststellung beruht auf einem Mißverständnis. Man hat die zivilisatorische Entwicklung der letzten zwei bis drei Jahrhunderte, die tatsächlich in Europa und im Orient verschieden verlaufen ist, für so grundlegend angesehen, als ob der Orient und der Okzident keine Gemeinsamkeit mehr haben. Die unterschiedliche Entwicklung ist in der Zeit des Kolonialismus zum Vorschein gekommen. Im Zeitalter der Entdeckungen und der technologischen Revolution hat Europa eine derart rasante Entwicklung genommen, daß die islamische Kultur, die auf einer agrarischen Stufe stehengeblieben war, nicht schritthalten konnte. Alle Versuche, die technologische Kluft zwischen Europa und Orient zu überwinden, sind gescheitert; ebenso sind alle Versuche, die demokratischen Institutionen in den Ländern des Orients einzuführen, fehlgeschlagen. Wir können hier nicht im einzelnen auf die Gründe eingehen, die dazu geführt haben. Wichtig scheint mir die Feststellung, daß dieser Zu-
stand zusammen mit anderen Ursachen zur Entstehung der Re-Islamisierungs-Bewegung geführt hat.

Diese Bewegung ist in Wirklichkeit in erster Linie nach innen gerichtet, obwohl sie letztendlich dazu beitragen soll, daß die islamische Welt auf dem Parkett der Weltpolitik sich behaupten kann. Dadurch ist sehr viel Unruhe in der westlichen Welt entstanden, insbesondere seit der iranischen Revolution im Februar 1979. Ayatollah Khomeini hat zwar zu seinen Lebzeiten keine Wunder vollbringen oder das Weltgeschehen entscheidend beeinflussen können. Trotzdem hat seine Revolution bei den Muslimen, aber auch in der Dritten Welt einen Bewußtseinswandel hervorgerufen. Seine Parole “Weder Ost noch West“ wird nachhaltig die islamische Welt prägen, obwohl wir heute schon sehen können, daß die Länder der Dritten Welt kaum in der Lage sind, sich von den Machtblöcken völlig unabhängig zu machen. Auch Iran wird es nicht schaffen können, den Wiederaufbau des Landes aus eigener Kraft und ohne ausländische Hilfe zu bewerkstelligen.

Was uns für unser Thema in erster Linie interessiert, ist der Einfluß dieser Re-Islamisierungswelle auf die Muslime in der Bundesrepublik Deutschland. Die über zweieinhalb Millionen Muslime in der Bundesrepublik stellen nach dem Christentum die zweitstärkste Religionsgemeinschaft dar. Dadurch, daß so viele Muslime in den deutschen Städten leben, ist der Islam und ist die Lebensweise der MusIime ins Bewußtsein der Bevölkerung eingedrungen. Die Allgemeinheit weiß wenig über die religiöse und kulturelle Affinität zwischen dem Orient und dem Okzident. Sie stellt lediglich Andersartigkeit der Kleider, Sitten, Eßgewohnheiten und Bräuche fest und ist erfreut oder empört über dies oder jenes.

Diese Reaktion ist keine Eigenheit der Deutschen. Fremden begegnet man überall in der Welt mit Argwohn und Skepsis. Mir fällt ein Beispiel aus Bagdad ein, wo zwei Brüder zur Zeit der Abbasiden sich niedergelassen hatten. Nach dreißigjährigem Aufenthalt in dieser Stadt starb einer der Brüder. Als sein Leichnam zur Beerdigung durch die Straßen geführt wurde, hörte der andere Bruder jemand fragen, wessen Leichnam es sei. Ein anderer antwortete: ‘Eines Fremden.“ Sein Bruder erzählte diese Begebenheit später und faßte den Entschluß zum Verlassen der Stadt, in der man nach dreißig Jahren immer noch als ein Fremder betrachtet wird.

Vielen Ausländern geht es in der Bundesrepublik Deutschland nicht viel anders, obwohl wir heute in einer anderen Zeit leben. Eine Errungenschaft des demokratischen Zeitalters ist eben, daß man vor dem Gesetz gleich ist. Jederman besitzt die gleichen Rechte, wobei mir in den Sinn kommt zu fragen, ob dies im Falle der Bundesrepublik zutrifft. Die Ausländer können nicht mitbestimmen, wer sie regiert und welche Politik gemacht wird - nicht einmal auf kommunaler Ebene, wo es wirklich um Dinge geht, die jeden angehen. Wer die Staatsangehörigkeit erwirbt, kann wählen und gewählt werden.

Man könnte mir vorwerfen, daß ich im Blick auf das Zusammenleben der Deutschen und Muslime auf die Religion zurückgegriffen habe, obwohl die Religion und die religiösen Institutionen hierzulande immer weniger eine Rolle spielen. Ich habe dies bewußt getan, um zu demonstrieren, daß es zwischen uns durchaus Gemeinsamkeiten gibt, die im religiösen und letztendlich im kulturellen Bereich liegen. Die kirchlichen Institutionen beider Konfessionen hierzulande spielen bei der Völkerverständigung zwischen der deutschen Bevölkerung und den Ausländern, auch den Muslimen, eine immens wichtige Rolle. Meine erste Begegnung mit der Evangelischen Akademie in Hamburg war, als man mich zu einem Vortrag über die Frau im Islam einlud. Ich bereitete mich gründlich vor und trug fast alles zu diesem Thema zusammen, was von muslimischer Seite darüber geäußert worden war. Der Vortrag wurde von meinen muslimischen Kommilitonen sehr gelobt, denn ich hatte alles gesagt, was sie hören wollten. Nur mir selber war nicht wohl in meiner Haut. Mir waren Zweifel darüber gekommen, wie dieses Thema von den muslimisehen Apologeten behandelt wurde. Und meine Rede war eine einzige Apologetik des Islam gewesen. In den kommenden Jahren befaßte ich mich mit diesem Thema gründlich und kritisch und kam zu dem Ergebnis, daß die muslimische Gesellschaft den Frauen eine Menge an Rechten vorenthält. Seither habe ich zahlreiche kirchliche Institutionen und Akademien kennengelernt, wo man mir und anderen muslimischen Rednern Gelegenheit gibt, uns über den Islam und andere relevante Themen zu äußern. Ich konnte mitverfolgen, mit welcher Selbstverständlichkeit religiöse Institutionen sich für die Dritte Welt und für die Ausländer hierzulande einsetzen. Daß in letzter Zeit auch einige politische Gruppierungen und Parteien sich in dieser Frage zu engagieren beginnen, ist höchst erfreulich und sehr begrüßenswert.

Ein Zusammenleben erfordert Toleranz gegenüber dem Partner, dem Kollegen, dem Mitbewohner im gleichen Haus, in der gleichen Straße, im gleichen Stadtteil, in der gleichen Stadt, im gleichen Land. Die Toleranz muß von beiden Seiten ausgeübt werden. Sie erfordert eine Akzeptanz des Fremden, des Andersartigen, des Unbekannten. Wie erbärmlich wäre die Welt, wenn alles gleich wäre. Gerade dies lehrt uns das Beispiel der kommunistischen Länder, daß Gleichschaltung in jedweder Art von den Menschen abgelehnt wird.

Die Ausländer und speziell die Muslime haben zur Bereicherung der deutschen Gesellschaft einiges beigetragen - nicht nur den materiellen Wohlstand der Bundesrepublik vermehrt, wie es in den Reden zum Tag des ausländischen Mitbürgers häufig heißt. Sie haben aber umgekehrt sehr viel von der hiesigen Gesellschaft gelernt, und dies trifft nicht nur auf Biergenuß und die Vorliebe für schnelle Automobile zu. Sie haben eine funktionierende Demokratie kennengelernt und erfahren, daß es sich in einer Gesellschaft, wo demokratische Verhältnisse herrschen, sehr bequem leben läßt.
 

Erschienen in: Rissener Rundbrief. Hamburg. 5/1990. S. 143-148.
 

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