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Der Islam und der Westen

Verständigungsschwierigkeiten


Von Munir D. Ahmed



Nicht erst seit dem 11. September 2001 gibt es zwischen der islamischen Welt und dem Westen Verständigungsschwierigkeiten.  Aber erst seit dieser Zeit wird im Westen die Frage gestellt: „Warum hassen sie uns“? Bemerkenswert an der bislang geführten Diskussion ist, dass man glaubt, es seien Freiheit, Demokratie, Menschenrechte, die westliche Lebensart und nicht zuletzt die Moderne, welche von den Muslimen abgelehnt und deshalb bekämpft werden. Aus der Tatsache heraus, dass an den genannten Anschlägen in den USA kein Palästinenser beteiligt war, wird gefolgert, dass der Konflikt zwischen den Palästinensern und Israel bei dieser Sache keine Rolle gespielt hat. Aus meiner Sicht liegt hier ein Wahrnehmungsfehler vor, der dringend korrigiert werden sollte.

Die Beziehungen zwischen dem Islam und dem Westen waren nicht immer so angespannt wie zurzeit. Während des Kalten Krieges galt die islamische Welt als ein treuer Verbündeter des Westens, weil gerade der Islam in Asien als Bollwerk gegen den Kommunismus angesehen wurde. In dieser Zeit waren sogar die religiösen Gruppen, die heute als „Fundamentalisten“ beschrieben werden, die bevorzugten Partner der US-Geheimdienste. Sie wurden über Jahrzehnte von Washington hofiert und finanziert. Bei der Einkreisungsstrategie des Westens gegenüber den kommunistischen Ländern in Osteuropa und Zentralasien spielten die Türkei, der Irak, Iran und Pakistan eine zentrale Rolle. Sie wurden als Mitglieder in den Verteidigungspaktsystemen (NATO, CENTO und SEATO) aufgenommen und man schätzte und lobte ihren Beitrag bei der Verteidigung der freien Welt.

Als die sowjetischen Truppen im Dezember 1979 zur Rettung des kommunistischen Regimes nach Afghanistan ein marschierten, war es Pakistan, das materiell und personell den Widerstand der afghanischen Mudschahidin dagegen organisierte. Im Gegensatz dazu brauchte der Westen mehrere Jahre, um die einmalige Chance zu ergreifen, die sich angeboten hatte, um der sowjetischen Hegemonialmacht eine schwere Niederlage beizubringen. Auch während des afghanischen Widerstandes zwischen 1979 und 1992, der durch die afghanischen Kämpfer über Jahre hinweg bewerkstelligt und mit finanzieller und materieller Unterstützung aus den arabisch-islamischen Ländern, aber auch teilweise aus den USA durchgeführt wurde, gab es ein Einvernehmen mit dem Westen.

Sogar die Taliban, die sich vorwiegend aus den afghanischen Schülern der religiösen Medressen in Pakistan rekrutierten, genossen anfänglich Washingtons Wohl wollen. Man war froh über ihr Erscheinen, weil sie potentiell in der Lage zu sein schienen, dem Bürgerkrieg ein Ende zu setzen, auch weil sie die Heroinproduktion in Afghanistan zu stoppen versprachen. Erst ihr rigides Islamverständnis, das übrigens auch in der islamischen Welt auf breite Ablehnung stieß, brachte die Weltöffentlichkeit gegen sie auf. Zudem beherbergten sie Osama Bin Laden und die Al-Qaida, eine Organisation von arabischen Freischärlern, die von Verbündeten der USA im afghanischen Widerstand zu Feinden des westlichen Welt mutiert war.

Um Missverständnisse vorzubeugen, muss man betonen, dass weder die Taliban noch die Al-Qaida als Repräsentanten des Islams angesehen werden können. Die Taliban sind eben Schüler und keine ausgebildeten und fertigen Kleriker, für die sie von vielen fälschlicherweise gehalten werden. Ihr Islamverständnis entspricht dem eines Dormullahs, der die Sitten und Bräuche seines Volkes, zum Beispiel in Bezug auf die Frauen, für die Lehren des Islams hält und dieser mit Gewalt durchsetzen will. Und die Al-Qaida ist eine terroristische Organisation, die in erster Linie gegen die Führung des saudischen Staates und weiterer arabischer Regime agiert. Der Westen geführt durch die USA, wird als Unterstützer und Erhalter dieser Regime angesehen. Daher gilt ihr Bestreben, die Regierungen in ihren Heimatländern zu stürzen. Den Islam benutzen sie als Waffe, um die Sympathien des Volkes zu erheischen.

Was nun die generelle Kritik aus der islamischen Welt gegen den Westen anbelangt, muss man wissen, dass dies nichts damit zu tun hat, dass der Westen die demokratische Staatsform bevorzugt oder die Meinungsfreiheit  hochhält. Weder die Menschenrechte stellen in den Augen der Muslime einen Grund dar, sich vom Westen abzuwenden, noch ist es die Technologie oder die Moderne per se, die die Muslime ablehnen. Was ist es dann, würden Sie fragen, wenn all die aufgezählten Dinge dabei keine Rolle spielen?  Meiner Meinung nach ist es die Doppelmoral der westlichen Welt, die nicht danach handelt, was sie den anderen predigt. Nehmen wir die Menschenrechte, deren Einhaltung vom Westen als Maßstab bei seinen Beziehungen zu den islamischen Staaten erklärt wird. Haben etwa die Palästinenser keinen Anspruch auf  Menschenrechte und Gerechtigkeit? Deren Behandlung durch Israel unter Missachtung der Genfer Menschenrechtskonventionen wird von den Staaten der westlichen Welt fast kritiklos hingenommen. Israel ist seit 1967, also seit 37 Jahren, eine Besatzungsmacht, die sich trotz mehrerer UN-Beschlüsse sich weigert, sich aus der Westbank und dem Gazastreifen zurückzuziehen. Darüber hinaus werden laufend neue Siedlungen in den besetzten Gebieten errichtet, die laut UN-Beschlüssen illegal sind. Es gab 1994 beim Abschluss der Friedensvereinbarungen von Oslo zwischen Israel und der PLO 93.000 illegale Siedler in den besetzten Gebieten. Diese Zahl ist mittlerweile auf etwa 400.000 angestiegen. Nicht weniger als 42 Prozent des Bodens in Westbank und Gazastreifen ist bereits durch die Errichtungen von Siedlungen und dafür benötigten Straßen beschlagnahmt worden. Die Führungsmacht der westlichen Welt, die USA,  hält ihre Hand über Israel und denkt nicht daran, die Politik des Verbündeten durch ein Machtwort zu unterbinden.

 Kann man es in anbetracht dieser Sachlage der islamischen Welt verdenken, das Gerede um Gerechtigkeit und Menschenrechte durch den Westen für eine Heuchelei zu halten? Abgesehen davon, hat es die islamische Welt nicht überwunden, dass Israel im Herzen der arabischen Welt etabliert wurde und Millionen Palästinenser aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Die vertriebenen Palästinenser dürfen nicht in ihre Heimat zurückkehren, aber Juden aus der ganzen Welt haben das Recht nach Israel einzuwandern. Premierminister Ariel Scharon hat bereits angekündigt, eine weitere Million Juden aus Rissland nach Israel holen zu wollen. Dies bedeutet, dass wiederum  die Palästinenser für sie Platz machen müssen. Der israelische Publizist und Träger des Karlspreises, Uri Avnery,  hat kürzlich geschrieben, dass Scharon den Job beenden will, der 1948 begonnen wurde, nämlich das richtige Israel zu gründen. Dieser Staat soll sich vom Mittelmeer bis zum Jordanfluss erstrecken und nur von Juden bewohnt sein. Avnery wirft Scharon vor, alle Palästinenser aus dem heiligen Land vertreiben zu wollen.

Was Menschenrechte anbelangt, sollte man wissen, dass auch der Islam für sie eintritt und zwar als Gebot Gottes, deren Einhaltung eine religiöse Pflicht ist. Dem Menschen stehen Rechte zu, die niemand befugt ist, ihnen vorzuenthalten. Sowohl die Gemeinschaft, als auch der Einzelne ist angehalten, dies zu respektieren. Es gibt zwar unterschiedliche Vorstellungen in der islamischen Gesellschaft und im Westen hinsichtlich des Ursprungs von Menschenrechten, aber grundsätzlich gibt es keinen Zweifel, dass auch der Islam eine Vorstellung von Menschenrechten hat, egal wie man sie begründet, als Gebot Gottes oder als Naturrecht.

Alle islamischen Staaten, bis auf Saudi-Arabien, haben die UN-Menschenrechtscharta unterzeichnet. Die Meinungsverschiedenheit betrifft den Tatbestand der Apostasie (Abfall vom Glauben), die nach Auffassung konservativer islamischer Theologen mit der Todesstrafe geahndet werden muss. Dies ist ein Relikt aus der Zeit des Absolutismus, als auch in Europa Menschen auf Geheiß der Amtskirche wegen des Abfalls vom Glauben gerädert und gevierteilt wurden. In England gibt es beispielsweise immer noch den Tatbestand der Apostasie im Strafgesetzbuch. In der In der islamischen Welt finden darüber heftige Diskussionen zwischen Islamisten und liberalen Muslimen statt. Die letzteren fordern nicht nur Toleranz gegenüber Angehörigen anderer Religionen, sondern sind bereit, im Sinne der Gewissens- und Glaubensfreiheit auch den Abfall vom Islam hinzunehmen.

In Zusammenhang mit den Menschenrechten bedeutet die Stellung der Frau in der islamischen Gesellschaft eine heikle Angelegenheit. Die liberalen Muslime wissen, dass man sich in dieser Sache bewegen muss, um mit der Zeit Schritt halten zu können. Es reicht nicht aus, mit den Fingern auf den Westen zu zeigen – eine von den konservativen islamischen Klerikern bevorzugte Methode – und vor der Frauenemanzipation zu warnen, die zu Verhältnissen führen würde, die im Westen zu beobachten sind. Unabhängig davon ist die Ablehnung der im Westen vorherrschenden Moral in der islamischen und darüber hinaus in der Dritten Welt anzutreffen. Es existiert eine regelrechte Phobie gegen die Modewelt, Filmindustrie und Lebensweise des Westens. Auf der anderen Seite ist die Jugend verrückt nach dem westlichen Lebensstil, wodurch sich die Sache enorm verkompliziert. Die Verbreitung der Informationstechnologie ist dabei, eine neue Gesellschaft zu schaffen, die keine Grenzen kennt. Der islamischen Gesellschaft wird es deshalb schwer fallen, sich abzuschotten.

Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass die islamische Welt Angst vor der Demokratie hat. Der Koran schreibt keine spezifische Regierungsform vor. Daher gibt es keinen Ausschluss der Demokratie als eine mögliche Alternative. Der Grundgedanke der Demokratie ist die institutionalisierte Konsultation, an der jeder Staatsbürger beteiligt werden soll. Der Koran fordert die Gläubigen auf, die Angelegenheiten der Gemeinschaft in Konsultation untereinander zu regeln (Koran 42:38). Genau das will auch die Demokratie.

Man muss aber die Frage stellen, warum gibt es keine Demokratie in der islamischen Welt? Die Gründe dafür sind vielfältig und es würde den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen, wollte man danach im Einzelnen forschen wollen. Lassen Sie uns die Frage anderes formulieren: würden die USA gern sehen, wenn z. B. Saudi-Arabien, Kuwait, Jordanien, Marokko, Bahrain, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate, Oman und Jemen Demokratien wären?  Die Antwort aus Washington würde Nein lauten. Es ist nämlich viel leichter mit den Scheichs, Prinzen und Regenten umzugehen als mit den demokratischen Staaten. Genau hier liegt der Hund begraben. Man predigt zwar Demokratie, will sie aber nicht fördern. Algerien könnte hier als Testfall genannt werden, wo im Dezember 1991 ein sicherer Wahlsieg der religiösen Islamischen Heilsfront (FIS) durch ein Präsidentendekret annulliert wurde. Man hatte zwar Demokratie gewollt, war aber nicht bereit, das Votum des Volkes zu respektieren.

Die Führer der islamischen Staaten sind durchweg Klienten des Westens. Sie müssen im Sinne der USA funktionieren, ansonsten laufen sie Gefahr, wie Saddam Hussein oder Muammar al-Qaddafi behandelt zu werden. Die islamische Revolution in Iran ist deshalb in Washington verhasst, weil sie Schah Reza Pahlavi gestürzt hat. Dieser fungierte als Staathalter des Westens in der Region. Übrigens war auch der Schah kein Demokrat. Seine Nachfolger in Teheran haben immerhin eine Regierungsform eingeführt, die sie als „islamische Demokratie“ bezeichnen. Trotz erheblicher Vorbehalte gegen die dort geltenden Spielregeln, muss man zugeben, dass die Machthaber in Teheran durch die Abhaltung von mehrmaligen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen eine neue Ära eingeleitet haben. Daraus könnte sich eines Tages eine demokratische Tradition entwickeln.

Präsident Bush hat mit seiner Proklamation: „If you are not with us you are against us“ einen Unilateralismus eingeleitet, der Militäraktionen gegen eine ganze Reihe von Staaten zufolge haben könnte. Nach Einschätzung des Vizepräsidenten Dick Cheney könnte deren Zahl zwischen 40 bis 50 Staaten betragen. Die islamischen Staaten würden darunter die Mehrheit bilden. Von den drei Staaten, die Präsident Bush zur „Axe des Bösen“ zugehörig bezeichnete, sind zwei, Iran und Irak, Muslimstaaten. Der Irak wurde bereits durch die USA angegriffen und besetzt. Für Saddam Hussein gibt es keine großen Sympathien in der islamischen Welt, aber man hat nicht einsehen, dass die irakische Bevölkerung nach den Jahren der Entbehrungen und Härte wegen des UN-Embargos, das zwölf Jahre andauerte, auch noch bombardiert wurde. Dahinter vermutet man ein Komplott zwischen Israel und den USA, um der arabischen Welt zu signalisieren, dass es anderen Staaten ähnlich ergehen würde, wenn sie sich weigern sollten, die Existenz Israels anzuerkennen. Ansonsten reicht der Vorwurf, wonach der Irak bestrebt war, Massenvernichtungswaffen zu beschaffen, für einen militärischen angriff nicht aus. Abgesehen davon, dass man im Irak keine solcher Waffen gefunden hat, besitzt doch Israel atomare und andere Massenvernichtungswaffen und hat sich bislang geweigert, den Atomsperrvertrag zu unterzeichnen oder Kontrollen seiner Atomanlagen und Laboratorien durch die UN-Waffenkontrolleure zuzulassen.

In der islamischen Welt wird die These von Samuel Huntington, wonach der Welt ein Kulturkampf bevorsteht, der vor allen Dingen zwischen der westlichen und der islamischen Welt ausgetragen wird, wenig Glauben geschenkt. Denn Kulturen haben sich nie gegenseitig bekämpft, eher befruchtet und bereichert, wie die uns die Geschichte lehrt. In der heutigen Informationsgesellschaft, die über grenzüberschreitende elektronische Kommunikationsmittel verfügt, ist es absurd, in den Kategorien des Kalten Krieges zu denken. Die Welt wird eher einen Wettkampf der Ideen erleben, als einen Krieg der Ideologien, die ohnehin auf dem Rückzug sind.

Man muss Angst vor dem Anwachsen der Fundamentalisten in allen großen Weltreligionen haben. Denn sie sind rückwärtsgerichtet, kennen keine Zweifel und sind selbstgerecht. Es ist ein Alarmzeichen, wenn ein US-Senator, wie kürzlich geschehen, den Propheten Muhammad in beleidigender Art und Weise versuchte in den Schmutz zu ziehen. Die religiösen Sensibilitäten der Menschen dürfen nicht verletzt werden, weil sie darauf mit Zorn und Härte zu reagieren pflegen. Es ist an der Zeit, dass man die Gemeinsamkeiten der drei abrahamitischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – betont, weil sie der gleichen Quelle entspringen und die Emanzipation des Menschen zum Ziel haben. Der Islam ist eine friedliche Religion, die den Terror missbilligt und den Selbstmord generell verabscheut. In der islamischen Gesellschaft wird für en Selbstmörder weder ein Gottesdienst abgehalten, noch wird er auf dem Gemeindefriedhof beerdigt.

Der Weltgemeinschaft droht unerwarteter Weise Gefahr aus einer anderen Seite. Sie geht von der Globalisierung aus, die die gegenwärtigen Ökonomischen Realitäten auf den Kopf stellen wird. Die internationalen Großkonzerne sind dabei, ihre „Claims“ abzustecken und die Welt unter sich aufzuteilen. Sie kennen keine Skrupel in Umgang mit Völkern und Gemeinschaften. Humanität oder Nächstenliebe sind für sie Fremdwörter. Sie gehorchen nur den Regeln des Marktes und lassen sich weder von den jeweiligen nationalen Regierungen noch von den internationalen Institutionen in ihre Karten schauen. Nicht nur die islamische Welt sondern die gesamte Dritte Welt blickt gebannt nach Westen und hofft auf Hilfe und Führung durch die unipolare Macht USA. Ob von dort Erlösung kommen wird ist fraglich, denn auch sie gerät immer mehr in die Fänge der Großkonzerne. Zudem ist Präsident Bush alles andere als der von allen drei abrahamitischen Religionen erwartete Messias.


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