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Die Soziologie der Ahmadiyya

Von Munir D. Ahmed

Die Ahmadiyya-Bewegung im Islam wurde 1889 von Mirza Ghulam Ahmad (1855-1908) in Indien gegründet. Anlässlich der Volkszählung des Jahres 1901 gab er seiner bis dahin ohne eine offizielle Bezeichnung (volkstümlich wurde sie als Qadiyai oder Mirzai bezeichnet) existierenden Bewegung den Namen Ahmadiyyat und empfahl seinen Anhängern sich als Ahmadi-Muslims registrieren zu lassen. Die Zahl derer, die sich in die Rubrik "Religion" als Ahmadi eintragen ließen, betrug ca. 50 000. Bis zum Tode von Mirza Ghulam Ahmad (am 27. Mai 1908) sollen über eine halbe Million Menschen dieser Bewegung beigetreten sein. Angaben über die Zahl ihrer Anhänger sind gegenwärtig sehr widersprüchlich. Allein in Pakistan sollen sich laut Bekundungen des Oberhaupts der Ahmadiyya über drei Millionen Menschen zu ihr bekennen. Diese Zahl dürfte weit übertrieben sein. Einige zehntausend ihrer Anhänger leben in Ost- und Westafrika und in Indonesien. Bedeutende Ahmadi-Gemeinden, vorwiegend bestehend aus eingewanderten Pakistanis gibt es gegenwärtig in Großbritannien, in der Bundesrepublik Deutschland und in den skandinavischen Ländern. Trotz einer weltweiten Verbreitung darf nicht übersehen werden, dass die überwiegende Mehrzahl der Ahmadis aus Panjab, also der Heimatprovinz von Mirza Gulam Ahmad, stammt.

Die Frage danach, aus welchen sozialen und religiösen Schichten die Ahmadis stammen, vor allen Dingen diejenigen, die in der Gründungsphase sich dieser Bewegung anschlossen, ist nicht allzu schwierig zu beantworten. Die ersten Adressaten von Mirza Gulam Ahmad waren die Anhänger der Ahl-i Hadith, aus deren Mitte er selber stammte und zu deren Publikationsorganen er Zugang hatte. Aus diesen Kreisen erhielt er auch anfänglich Unterstützung und Ermutigung dafür, daß er die Reihe seiner Schriften fortzusetzen sollte. Gelesen wurden seine Bücher vorwiegend von einer kleinen Gruppe von Muslimen, die gebildet genug waren, um seine recht komplizierte Sprache zu verstehen. Er pflegte von Zeit zu Zeit Wandposter zu verfassen sowie Handzettel verteilen zu lassen. Er bediente sich einer wirksamen Werbemethode des Schockens und Beleidigens. Er griff Hinduautoren und christliche Missionare an und prophezeite ihren unehrenhaften Tod in vorhergesagtem Zeitraum. Dadurch versuchte er sich zum Verteidiger des Islam Nummer eins in Indien zu etablieren. Indem er seine Gegner zu öffentlichen Diskussionen herausforderte, gelang es ihm, die Aufmerksamkeit der Muslime auf sich zu lenken.

Ebenso wirksam war sein anfänglicher Anspruch, ein Erneuerer des Islam (Mudschaddid) zu sein, dem Gott durch zahlreiche Offenbarungen (ilham) in seinem Kampf gegen den Irrglauben zur Seite stand. Mirza Ghulam Ahmad veröffentlichte zu dieser Zeit sein Buch Barahin-i Ahmadiyya in jährlichen Bänden, das unter anderem einige seiner Offenbarungen, die dem Autor zuteil geworden waren, im Wortlaut wiedergibt. Daran nahm niemand Anstoß. Im Gegenteil, diese Tatsache wurde von einigen namhaften Gelehrten aus den Reihen von Ahl-i Hadith besonders hervorgehoben, als ein Beweis dafür, daß der Islam auch heute noch im Stande sei, Menschen hervorzubringen, denen die göttliche Offenbarung zuteil wird.

Die ersten skeptischen Stimmen wurden laut, nachdem Mirza Ghulam Ahmad sich als Mahdi (Rechtgeleiteter) bezeichnete und angeblich auf Drängen seiner Freunde ein Datum festsetzte, um öffentlich die Bai'a (Huldigung) entgegen zunehmen. Am ersten Tag waren es vierzig Personen, die den Akt der Bai’a vollzogen. In Anlehnung an die 313 Geführten des Propheten Muhammads, die bei der Schlacht von Badr mit den Propheten zusammen den angreifenden Mekkanenern gegenüberstanden, legte Mirza Ghulam Ahmad ein Register an, in dem er Namen von besonders wichtigen Persönlichkeiten eintrug, die sich seiner Gemeinde anschlössen. Es handelt sich hierbei nicht um die ersten 313 Personen, die den Akt der Bai’a vollzogen, sondern um Persönlichkeiten der ersten zahn Jahre, die seiner Gruppe beitraten. Ein Blick auf diese Liste zeigt, daß unter den Eingetragenen außer Maulavi Nur al-Din keine Namen von prominenten islamischen Gelehrten zu finden sind. Mirza Ghulam Ahmad unternahm wiederholt Reisen nach Delhi und zu anderen Orten, um namhafte muslimische Gelehrte zur Diskussion aufzufordern, wovon er sich einerseits die Popularität bei den Muslimen versprach, andererseits hegte er die Hoffnung, irgendwelche Gelehrte auf seine Seite ziehen zu können.

Mirza Ghulam Ahmad bezeichnete sich selbst ab 1893 als den Wiedergekehrten Propheten 'Isa (Jesus Christus) Viele Muslime haben zwar tatsächlich auf die Geburt des Mahdi und die Wiederkehr von 'Isa gewartet, aber niemand vor Mirza Ghulam Ahmad hatte ihr Erscheinen in einer Person angenommen. Die Mehrzahl der Muslime hielt damals noch an der Vorstellung fest, dass Gott den Propheten 'Isa vor dem Kreuztod gerettet und ihn zu sich genommen habe, wo er zu seiner Rechten sitze und eines Tages vom Himmel herabsteigen werde. Nachdem Mirza Ghulam Ahmad sich nun die Wiederkehr des Propheten 'Isa genannt hatte, war er gewissermaßen gezwungen, sich auch wie jener als Prophet zu bezeichnen. Damit überschritt er bei den Muslimen die Schwelle des Ertragbaren und wurde fortan von islamischen Gelehrten aus allen Richtungen abgelehnt. Auch diejenigen, die bis dahin ein gewisses Wohlwollen für ihn hegten, gesellten sich nun zu seinen Kritikern.

Mirza Ghulam Ahmad versuchte später seinen Anspruch auf das Prophetentum (Nubuwwa) abzuschwächen, in dem er sich als einen Sekundärpropheten (Zilli Nabiy) bezeichnete, der kein neues Gesetz (Schari’a) verkünden will, sondern voll und ganz die islamische Schari’a anerkennt. Auch dieser Rückzieher konnte die Muslime nicht mehr freundlich stimmen. Es rollte bereits eine Lawine von Fatwas (religiöse Gutachten) gegen ihn und seine Bewegung, worin den Muslimen empfohlen wurde, mit den Ahmadis jeden Kontakt zu vermeiden und die gemeinsame Gebetsverrichtung, bis hin zum Totengebet (Namaz-i Janaza) einzustellen.

Als Antwort darauf erließ auch Mirza Ghulam Ahmad eine Anordnung, durch die er seinen Anhängern verbot, ihrerseits am Gebet teilzunehmen, wenn es von einem Gegner der Ahmadiyya geleitet wurde. Er ging langsam dazu über, alle, die ihm nicht als Imam huldigten, als Kafir (Ungläubig) zu bezeichnen, mit denen ein Ahmadi nichts zu tun haben sollte. Insbesondere war davon der familiäre Bereich betroffen, denn eine Heirat zwischen einer Frau aus einer Ahmadifamilie und einem Nichtahmadi fiel unter dieses Verbot. Mirza Ghulam Ahmad wollte damit wohl die Eingrenzung seiner Gemeinde gegenüber den übrigen Muslimen erreichen, um die innere Bindung der Ahmadiyya zu festigen. Gleichzeitig sollten dadurch Freunde wie Feinde zur Einnahme einer klaren Position im Bezug auf die Ahmadiyya gezwungen werden. Ohne Zweifel wurde dieses Ziel erreicht, aber gleichzeitig wurde durch die strikte Einhaltung des Verbots, die Ahmadiyya in die Isolation getrieben, aus der kein Entrinnen mehr möglich war. Danach entwickelte sich die Ahmadiyya immer mehr in eine Randgruppe des indischen Islam, der die Wahrung der Eigeninteressen oft wichtiger war, als die Belange der Gesellschaft. Man verstand sich zwar weiterhin als ein Teil der muslimischen Gemeinschaft und war auch bereit, mit ihr das politische Schicksal zu teilen, trotzdem wollte und konnte man die Konfrontation nicht abbauen.

Die äußerst gespannte Atmosphäre, die bereits zu Lebzeiten von Mirza Ghulam Ahmad zwischen seiner Gemeinde und den übrigen Muslimen in Indien herrschte, eskalierte sich weiter nach seinem Tod, insbesondere während des Kalifats seines Sohnes Mirza Bashir al-Din Mahmud Ahmad (er wurde im Jahr 1914 als Nachfolger des ersten Kalifen Maulawi Nur al-Din gewählt und bis zu seinem Tod in 1965 dieses Amt inne hatte). Die Ahmadiyya nahm immer mehr die typischen Merkmale einer religiösen Minorität an, was einerseits zur Folge hatte, dass die Ahmadiyya sich in eine ungeheuer dynamische Gruppe verwandelte, die von den Willen getragen wurde, sich zu behaupten. Andererseits gab ihr Sozialverhalten immer mehr Anlass zur Kritik.

Mirza Ghulam Ahmad, der für die Verbreitung seiner Schriften und den Aufbau der Ahmadiyya auf Spenden angewiesen war, die anfänglich sehr sporadisch flossen, verstand es meisterhaft, die wirtschaftliche Basis der Organisation, wie auch die seiner Familie zu festigen. Er ermunterte seine Anhänger, ihren Wohnsitz nach Qadiyan zu verlegen. Dadurch wurde Arbeitspotential und häufig auch Kapital dorthin transferiert. Er hatte selber einen unmittelbaren Nutzen vom Zuzug tausender Familien in seinem Dorf. Die Preise seines Landbesitzes, aus der nun Bauland wurde, stiegen unaufhaltsam. Durch diesen Umstand, aber auch durch die Ausnutzung weiterer finanzieller Möglichkeiten, die später durch die Organisation der Ahmadiyya hinzukamen, konnte die verarmte Familie von Mirza Ghulam Ahmad für sich einen bleibenden Wohlstand sichern.

Mirza Ghulam Ahmad stammte, wie bereits erwähnt, aus der streng puritanischen Richtung der Ahl-i Hadith, die unter anderem gegen vererbbare religiöse Einrichtungen (Gaddi) eingestellt ist. Daher wies Mirza Ghulam Ahmad jeden Verdacht ab, eine vererbbare Gaddi gründen zu wollen. Trotzdem war er vom ersten Tag an bestrebt die Ahmadiyya auf eine dauerhafte Basis zu stellen. Für diesen Zweck entwarf er einen Organisationsplan, der die Errichtung einer zentralen Organisation (Sadr Anjuman Ahmadiyya) vorsah. Sie nahm ihre Arbeit 1906 auf. Zu ihren Aufgaben gehört die Verwaltung von Vermögen der Ahmadiyya, die Herstellung und Verbreitung von Literatur, sowie die Vorbereitung von Missionaren (früher nannte man sie Muballagh, gegenwärtig heissen sie Murabbi) und deren Einsatz innerhalb Pakistans. Dagegen unterstehen Missionare für den Einsatz im Ausland der Anjuman Tahrik-i Jadid, die 1934 vorerst für drei Jahre ins Leben gerufen wurde. Der äußere Anlass war eine Großangelegte Kampagne der Majlis Ahrar-i Islam gegen die Ahmadiyya. Nun wollte die Ahmadiyya ihrerseits ihre Tätigkeit dorthin verlegen, wo sie konkurrenzlos war, also im Ausland. Am Ende der drei Jahre wurde die Frist auf zehn Jahre erweitert. Erst als diese Frist abgelaufen war, wurde Tahrik-i Jadid als eine Dauereinrichtung erklärt, da es sich herausstellte, dass die Missionstätigkeit im Ausland eine länger fristige Angelegenheit war. Wie bereits oben erwähnt, gehört die Inlandsmissionierung zu den Aufgaben von Sadr Anjuman Ahmadiyya, die sich im Wesentlichen damit begnügt, Vorbeter für den Bedarf von städtischen Ahmadi-Gemeinden auszubilden. Da aber die eigentliche Bekehrung in nennswertem Umfang nur noch auf dem Lande stattfand, entschloss man sich 1955 zur Gründung einer weiteren Organisation mit den Namen Waqf-i Jadid. Damit ist gewissermaßen die Inlandstätigkeit zwischen der Sadr Anjuman Ahmadiyya und dem Waqf-i Jadid geteilt. Eine ähnliche Einteilung gibt es seit ein paar Jahren zwischen der Anjuman Tahrik-i Jadid und der neu gegründeten Nusrat Jahan Fund. Es gehört zu den Aufgaben der letztgenannten Fonds, für die Weltweite Verbreitung des Korans zu sorgen. Ein Institution mit ähnlichen Aufgaben, aber mit dem Auftrag die Verständnis des Korantextes in den Ahmadi-Gemeinden innerhalb Pakistans zu fördern, wurde vor kurzem Gegründet und heißt Idara Isha'at al-Qur'an.

In allen Orten, wo mehr als zwei Ahmadis leben, wird eine örtliche Gemeinde (Jama’at) gegründet, die gemeinsam mit anderen ähnlichen Gemeinden in der Distrikt- bzw. Provinzorganisation zusammengefasst wird. Jede Gemeinde wählt aus ihrer Mitte einen Amir, dem es freigestellt ist, seine Mitarbeiter für das Arbeitsvorstand (Majlis-i Amila) zu ernennen. Obwohl der Amir der gesamten Gemeinde vorsteht, wird er faktisch nur von den männlichen Mitgliedern gewählt. Die Frauen beauftragen einen der Männer als Vertreter, der sowohl bei der Wahl des Amirs, als auch bei anderen Gelegenheiten für sie Stimmberechtigt ist. Frauen über 15. Jahren sind in einer Unterorganisation (Ladschna Ama-illah) zusammengefasst. Mädchen bis zur Vollendung des 15. Lebensjahres sind Mitglieder der Nasirat-i Ahmadiyya. Parallel dazu gibt es für Männer drei ähnliche Organisationen. Kinder bis zum 15. Lebensjahr bilden Atfal al-Ahmadiyya, Männer zwischen dem 15. und 40. Lebensjahr gehören der Khuddam al-Ahmadiyya an. Die übrigen Männer über 40 bilden die Ansar Allah.

An der Spitze der Ahmadiyya steht der Kalif, der von den Vertretern der einzelnen Jama’ats gewählt wird. Seine Amtsdauer ist unbegrenzt, weder kann er abgesetzt werden, noch ist die Möglichkeit eines Rücktritts vorgesehen. Er steht über den Organisationen und ist auch nicht verpflichtet, den Rat der einmal jährlich zusammentreffenden Beratungsversammlung (Majlis-i Mushawarat) zu folgen. Die Wahl der Amire in den einzelnen Gemeinden erhält nur durch seine Zustimmung ihre Gültigkeit. Er kann die Amire, ohne die Bekanntgabe von Gründen, absetzen. Seine Entscheidungen sind absolut und können nur von ihm selbst revidiert werden. Seine Stellung innerhalb der Ahmadiyya ist die eines absoluten Herrschers, der noch bis vor kurzem die Ausweisung Missliebiger aus Rawah veranlassen konnte. Gleichzeitig spielt er die Rolle, die traditionell auf den indischen Subkontinent vom Oberhaupt eines Mystikerordens (Pir) wahrgenommen wird. Es wird ebenso um Namensgebung für neugeborene Kinder nachgesucht wie sein Segen bei der Knüpfung der familiären Bande erbeten wird. Es ist sein Privileg in Rabwah das Freitagsgebet zu leiten.

Als Mirza Ghulam Ahmad seinen Organisationsplan entwarf, ging er davon aus, dass jedes Mitglied einen monatlichen Beitrag, entsprechend seines Einkommens zahlen sollte. Darüber hinaus schlug er vor, die Ahmadis sollten zwischen einen zehntel und einen drittel ihres Gesamtvermögens an die Ahmadiyya abführen. Seiner Meinung nach wird diese Übung dazu führen, daß jeweils die nachkommenden Generationen gezwungen sein werden, härter zu arbeiten als die anderen Menschen, um ihren früheren Besitzstand wieder zu erreichen. Sie werden nicht nur dies schaffen, sondern mit ihrem Fleiß größere Reichtümer erwerben als ihre Vorfahren. Je reicher sie aber werden, desto höher wird die Stiftungssumme sein, die sie ihrerseits der Ahmadiyya überlassen werden. In Endeffekt würde die Sadr Anjuman Ahmadiyya sie alle in Besitz- und Reichtum übertreffen. Dadurch würden allmählich auf friedlichem Wege alle Produktionsmittel in die Hände der Gemeinschaft gelangen.

Jeder, der diese Stiftungssumme vollständig entrichtet hat, darf in dem "himmlischen Friedhof" (Bahischti Maqbara) begraben werden. Und alle, die dort begraben werden, würden ins Paradies kommen, dies soll Gott Mirza Ghulam Ahmad zugesichert haben.

Die oben erwähnte allgemeine Subskription (Chanda aam) wird nur von diejenigen bezahlt, die den Stiftungsvertrag noch nicht unterschrieben haben. Wer dies getan hat, bezahlt entsprechend der von ihm selber festgesetzten Höhe. Darüber hinaus werden Ahmadis aufgerufen für die Diversen Organisationen jeweils getrennt zu spenden. Nach einer vorsichtigen Schätzung der Höhe der Spenden, die ein Ahmadi durchschnittlich leistet, soll sie ca. 25 Prozent des monatlichen Einkommens betragen.

Die Notwendigkeit zur Heranbildung eines Berufsstandes, der für die Verbreitung der Lehre von Mirza Ghulam Ahmad eingesetzt werden konnte, wurde bereits sehr früh erkannt. Die ersten Freiwilligen hatten ihre Ausbildung noch in den alten muslimischen religiösen Ausbildungszentren erhalten. Für den Nachwuchs wurde die Madrasa Ahmadiyya gegründet, später erhielt sie den Namen Jami'a Ahmadiyya. In erster Linie werden in dieser Institution die arabische Sprache, die Koran- und Hadithwissenschaften sowie Fiqh (Das islamische Recht) und Ilm al-kalam (Dogmatische Theologie) gelehrt. Für die Ausbildung der Missionare wurde eine zusätzliche Institution (Jamiat al-Mubaschschirin) gegründet, die 1957 mit Jami’a Ahmadiyya zusammengelegt wurde. Ausgebildet werden High School- und Hochschulabsolventen, die freiwillig ihr Leben ausschließlich in die Dienste der Ahmadiyya stellen (Waqf-i zindagi). In den meisten Fällen wird diese Entscheidung von den Eltern getroffen, jedoch meistens ohne die Mitwirkung der Kinder, oft sogar vor deren Geburt. Die Ausbildung dauert fünf bis sieben Jahre, je nach dem, was für eine Schulbildung die studierende mitbringen. Die Absolventen der Jami’a Ahmadiyya werden entweder als Murabbi in den pakistanischen Ahmadigemeinden stationiert, oder als Missionare ins Ausland geschickt. Sie erhalten für diese Tätigkeit einen geringen Lohn. Sie müssen häufig jahrzehntelang von ihren Familien getrennt leben, da im Allgemeinen Frauen und Kinder in Rabwah zurückgelassen werden. Trotzdem hat es zu keiner Zeit an Freiwilligen, die dieses harte Leben auf sich nehmen wollen, gefehlt. Die meisten dieser Leute stammen aus den ländlichen Gemeinden, für die es gewiss ein Fortschritt ist, eine so geachtete Stellung in der Ahmadigemeinde einzunehmen. Der Lohn mag sehr niedrig sein, aber ihre Sozialstellung ist sehr hoch. Trotzdem stellt man fest, dass sehr wenige Missionare ihre Kinder im Dienste der Gemeinde stellen. Auch die Ausfallquote ist verhältnismäßig hoch. Der Standard der Ausbildung ist niedrig. Sowohl das Lehrmaterial als auch die Lehrmethoden sind veraltet. Durch allerlei Zwangsmassnahmen wird versucht zu verhindern, dass Missionare sich weiterbilden und qualifizieren, weil sie dadurch grössere Unabhängigkeit erlangen könnten.

Von den Frauen wird erwartet, daß sie Schleier tragen, woran sich tatsächlich die überwiegende Mehrheit hält, sogar anfänglich in der Bundesrepublik Deutschland. Interessanterweise treten Frauen dem Kalifen gegenüber unverschleiert auf. Die Schleiermode auf dem indischen Subkontinent hat in diesem Jahrhundert einige neue Impulse erhalten, die alle fast ohne Ausnahme von den Ahmadifrauen stammen. Die Zahl der Ahmadifrauen, die nicht lesen und schreiben können, ist minimal, und das in einem Land, wo die Analphabeten ca. 85 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Für die Ausbildung der Ahmadifrauen wird eine Menge getan. Bisweilen wird Klage darüber geführt, daß für Mädchen im heiratsfähigen Alter keine adäquat ausgebildete Ahmadimänner zu finden sind. Studentinnen wird im Allgemeinen nicht gestattet, an den Universitäten Kurse zu besuchen, oder Fächer zu studieren, wo gemischte Gruppen am Unterricht teilnehmen. Häufig verbieten es die Ahmadifamilien ihren weiblichen Mitgliedern die Berufsausübung, insbesondere in Berufssparten, wo sie gezwungen sein könntnen, mit den Männern zusammenzuarbeiten. Partnerwahl liegt weiterhin bei den jeweiligen Familien. In Rabwah gibt es eine Heiratsvermittlungsstelle, die sehr diskret vermittelt. Heiratsanzeigen sind in den Zeitungen der Ahmadiyya eine Seltenheit. Obwohl stetig gegen die auf dem Subkontinent weit verbreitete Unsitte zu Felde gezogen wird, nur Innerhalb der eigenen ethnischen Gruppe (Zat - Kaste)zu heiraten, stellt man fest, daß die meisten Ahmadis weiterhin in erster Linie innerhalb des engsten Familienkreises heiraten bzw. innerhalb der Zat-Verwandschaft. Außer auf diesem Gebiet spielt die Abstammung bei den Ahmadis tatsächlich eine etwas untergeordnete Rolle. Mirza Ghulam Ahmad hatte ein ambivalentes Verhältnis zu dieser Frage. In seinen früheren Schriften erwähnte er voller stolz seine Abstammung aus einer Mogulfamilie, die angeblich mit der Herrscherfamilie verwandt gewesen sein soll. Später wollte er ausgehend aus einer Offenbarung aus persischer Abstammung sein. Man erinnere sich, daß laut einer Überlieferung des Propheten, der Mahdi aus persischer Abstammung sein wird. Noch verwirrender war sein Bestreben unbedingt eine Frau aus einer Familie verehelichen zu müssen, die Muhammad als ihren Urahnen hat. Diese Familien werden im Volksmund Sayyid genannt.  Dies gelang ihm schließlich, als er zum zweiten Mal ein Mädchen aus einer Sayyid-Familie ehelichte. Dadurch sollte wohl sein Anspruch auf das Imamat untermauert werden. Interessanterweise bezeichnen sich seine männlichen Nachfahren weiterhin Mirza, wogegen seine Töchter Sayyida genannt werden.

Ahmadis haben im Allgemeinen einen guten Ruf. Sie befolgen die Lehren des Islam sehr genau. Als Gesprächspartner werden sie sehr geschätzt, aber als Freunde sind sie unbequem. Denn sie nutzen jede sich bietende Gelegenheit, um ihre Gesprächspartner in endlose Diskussionen zu verwickeln. Dank der besseren Schulung und der ständigen Wiederholung der vorgetragenen Argumente können sie die meisten Diskussionsrunden für sich entscheiden, eine Tatsache die häufig dazu führt, daß die Freundschaften mit Ahmadis zwangsläufig zur Konfrontation führen. Es gehört zu den Grundforderungen der Ahmadiyya an ihre Mitglieder, daß sie jedes Jahr mindestens einen Menschen zur Ahmadiyya bekehren müssen. Diese in den fünfziger Jahren aufgestellte Forderung scheint mittlerweile wegen Undurchführbarkeit nicht mehr so ernst genommen zu werden. Ebenso, wie die Ahmadifrauen, die wegen ihrer spezifischen Schleiermode leicht erkennbar sind, kann man häufig auch die Ahmadimänner an ihrem Spitzbart erkennen. Sehr viele tragen einen Ring aus Silber mit der Aufschrift alais Allahu bikafin ’abdahu (Genügt Gott seinen Diener nicht?). Diese Tatsache führte dazu, daß bei den Unruhen von 1950-51 und 1974 die Ahmadis wegen ihres Äußeres von weiten erkannt wurden und angegriffen.

Die Befolgung der Vorschriften des Islam und die Einhaltung der Anweisungen dar Gemeinde werden sehr streng überwacht. Verstöße gegen diese werden mit Strafen, wie etwa sozialer Boykott, während dessen Dauer selbst den engsten Familienangehörigen es verboten wird, mit den Bestraften zu reden, geahndet. Der Ausschluß aus der Ahmadiyya ist die härteste Strafe, die aber gelegentlich auch rückgängig gemacht wird, wenn der Bestrafte Reue zeigt. Die Bekanntgabe dieser Strafe in den Zeitungen war jahrelang unter anderem ein Grund für die Kritik an der Ahmadiyya in Pakistan.

Das Sozialverhalten der Ahmadis hat seit jeher Anlaß zur Kritik gegeben. Mitglieder der Ahmadiyya pflegen miteinander einen sehr engen Kontakt, der durch den Zwang zur Teilnahme an den gemeinsamen Gebeten und Versammlungen, sowie durch die Mitgliedschaft in den Unterorganisationen der Ahmadiyya, zwangsläufig bedingt ist. Kein Wunder also, daß die Ahmadis sich gegenseitig helfen, wo sie es nur können. Dies führt häufig zur Begünstigung von Mitgliedern der Ahmadiyya, nicht selten auf Kosten von Nicht-Ahmadis. Auf politischem Gebiet hat es ebenfalls oft Interessenkollisionen mit anderen Muslimen gegeben. Es begann bereits damit, daß Mirza Ghulam Ahmad die Loyalität mit der britischen Kolonialherrschaft guthieß. Dies wurde von vielen Muslimen nicht sehr gern gesehen. Im Allgemeinen enthalten sich Ahmadis jeglicher politischer Betätigung. Es ist ihnen sogar untersagt, an Arbeitsstreiks teilzunehmen. Die Gemeinde hat zwar immer der politischen Vertretung der Muslime in Britsch-Indien, die All-India Muslim League, finanzielle Unterstützt, aber stets für sich die Handlungsfreiheit beansprucht. Trotzdem hat sie sich stetig für die Interessen der Muslime eingesetzt. Nicht zuletzt wurde dies durch die maßgebliche Beteiligung von Mirza Bashir al-Din Mahmud Ahmad an einer Bewegung zur Gewinnung von Grundrechten für die muslimische Bevölkerung von Kaschmir zum Ausdruck gebracht. Er hätte es aber lieber gesehen, wenn Indien nicht geteilt worden wäre. Er wußte sehr genau, daß seine Gemeinde in einem muslimischen Pakistan Verfolgungen ausgesetzt sein würde. Die Welle der Verfolgungen nimmt seit der Gründung dieses Staates kein Ende. In den Jahren 1952-53 und später 1974 kam es zu Pogromstimmungen gegen die Ahmadiyya, denen viele Ahmadis zum Opfer fielen. Ihre Häuser und Geschäfte wurden verbrannt und ausgeplündert. Vorerst war 1974 der Höhepunkt die Erklärung der Ahmadiyya zu einer nicht-islamischen Religionsgemeinschaft durch das pakistanische Parlament. Ahmadis werden seither ebenso, wie andere Nicht-Muslime, als Bürger zweiter Klasse behandelt, die keinerlei Schlüsselpositionen im Staat einnehmen dürfen. Man will ihnen sogar verbieten lassen, sich selber als "Muslim" zu bezeichnen. Ebenfalls sollen sie ihre Gebetshäuser nicht mehr Masdschid (Moschee) nennen. Die Frage, ob man ihnen nicht etwa Verbieten sollte, den Koran zu drucken oder zu übersetzen wird ebenfalls gestellt. Vorerst hat man ihnen mit anderen Nicht-Muslimen zusammen eine eingeschränkte Repräsentation in der Nationalversammlung und in den Provinzparlamenten angeboten, von der sie aber kein Gebrauch machen wollen. Die Zukunftschancen der Ahmadis sind in Pakistan sehr düster. Sie lernen gegenwärtig sich unauffällig zu benehmen und wenn es Not tut, auch ihre Identität zu verheimlichen. Die Ahmadiyya durchmacht zur Zeit die schwerste Krise seit ihrer Entstehung.

Vortrag gehalten vor dem XX. Deutschen Orientalistentag vom 3. bis 8. Oktober 1977 in Erlangen


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