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Salman Rushdies Satanische Verse
Herausforderung des Islam oder der Beginn einer Aufklärung?
 

Von Munir D. Ahmed

1. Die Handlung im Lichte der islamischen Überlieferung
 

Der 1947 in Indien als Muslim geborene und seit seinem 13. Lebensjahr in England lebende Salman Rushdie gilt seit dem Erscheinen seines Buches Midnight's Children, in dem er die Geschichte lndiens seit der Unabhängigkeit 1947 erzählt, als eine große literarische Begabung. Das Buch erhielt zahlreiche Preise, darunter den renommierten Booker Prize, wurde aber in Indien verboten, weil Indira Gandhi sich darin verunglimpft sah.

Das nächste Buch Shame befaßte sich mit Pakistan und dem dort herrschenden Militärdiktatur Zia-ul-Haq und seinem Vorgänger Zulfikar Ali Bhutto. Die pakistanische Regierung ließ das Buch im Lande verbieten. Rushdie ist also ein unbequemer Autor, der in seinen phantasievollen Geschichten viel Zündstoff zu verstecken pflegt. Er schafft eine eigene Wahrheit, die mit der geschichtlichen Wahrheit oft wenig gemeinsam hat.

Diese Methode hat er nun in seinem Buch  The Satanic Verses auf den Islam und seinen Begründer Muhammad, der im Roman mit dem alten englischen verächtlichen Namen Mahound bezeichnet wird, angewandt. Er hinterfragt die Entstehungsgeschichte des Islams und stellt Muhammads Motive in Frage. Dazu ist ihm eine phantasievolle Geschichte eingefallen.

Ein aus Indien kommendes Flugzeug wird von den Entführern beim Anflug auf London gesprengt. Zwei Passagiere erleben während des Absturzes eine Metamorphose. Der eine verwandelt sich in den Erzengel Gabriel (im Roman Gibreel Firishta genannt), der einst Muhammad den Koran überbrachte; der andere, der unverkennbar die biographischen Züge des Autors trägt, nimmt die Gestalt des Satans an. Beide sind in Wirklichkeit Immigranten, und der Autor will ihre Einwanderungsgeschichte mit den zahlreichen Demütigungen, die ihnen die englische Polizei und die Einwanderungsbehörde bereiten, erzählen und davon berichten, wie sie dies alles ertragen können und wie sie zugleich in der Lage sind, sich zu verwandeln.

Diese Verwandlungsfähigkeit ist es, die den Gibreel immer wieder von weit zurückliegenden Dingen träumen läßt. So zum Beispiel von Mekka vor dem Islam, als dort 360 Götzen verehrt wurden, Araber aus nah und fern dorthin pilgerten und den Reichtum der Mekkaner vermehrten. Einer aus der vornehmen Händlerschaft, eben dieser Mahound, sagt der Götzendienerei seiner Vaterstadt den Krieg an. Er predigt von einem Gott, Allah, der neben sich keine Götzen duldet. Nur wenige, darunter ein Negersklave, ein Perser und ein Wasserträger, schließen sich ihm an. Sie werden ausgelacht und blutig verfolgt. Dann macht überraschend Mekkas mächtigster Mann dem Propheten ein Angebot. Man sei bereit, den neuen Glauben anzunehmen, wenn er neben Allah die drei Göttinnen Lat, Manat und Uzzah gelten lassen würde. Sie galten im allgemeinen als Töchter Allahs.

Im wirklichen Leben hat Muhammad zu keinem Zeitpunkt seinen Glauben an einen einzigen Gott verleugnet. Rushdie will nach eigenen Angaben Muhammad testen. Der erste Test ist, ob er wegen seiner schwachen Position einen Kompromiß eingehen werde, damit seine Mission würde überleben können; oder ob er alles auf eine Karte setzen und so die Existenz und das Weiterleben seiner Idee gefährden würde. Nachgeben würde allerdings bedeuten, der eigenen Sache Schaden zuzufügen. Eine wahre Idee würde niemals nachgeben, auch nicht auf die Gefahr hin, "neun und neunzig Mal von hundert in Stücke zerrissen zu werden".

Den Test besteht Mahound angeblich nicht. Er gibt nach und erkennt die drei Göttinnen an und zwar in der Sure 53: 19-21: "Was meint ihr drum von al-Lat und al-Uzzah. Und Manat, der dritten daneben?"

Die Fortsetzung soll nach Rushdie gelautet haben: ,,Dies sind hochfliegende Schwäne. Und ihre Fürsprache werde erhofft".

Nach diesem Vers sucht man allerdings vergebens im Koran, weil Mahound ihn, so Rushdie, aus dem Koran entfernen ließ. Er entschuldigt sich damit, daß hier der Satan dazwischengefunkt und ihn in die Irre geleitet habe. Wenn man Rushdies Argument anerkennt und zu Ende denkt, könnte man den ganzen Koran nicht als zweifelsfrei von Gott ansehen.

Die Sache freilich steht auf tönernen Füßen. Rushdie ist hier den Fälschern auf den Leim gegangen. Dieser angebliche Vers wurde von den Koranwissensehaftlern von Anfang an als eine Fälschung angesehen. Er steht zwar in einigen Büchern der Koranexegese, aber nur um widerlegt zu werden. Der Textzusammenhang steht dieser Version entgegen, wie ein Blick in die Verse 53: 20-23 belegt. Dort heißt es:

,,Sollen euch Söhne sein und ihm Töchter? Dies wäre dann eine ungerechte Verteilung. Siehe, nur Namen sind es, die ihr ihnen gabt. Ihr und eure Väter. Allah sandte keine Vollmacht für sie hinab..."

Im wirklichen Leben hat Muhammad zu keinem Zeitpunkt seinen Glauben an einen einzigen Gott verleugnet. Im Roman läßt Rushdie ihn auf den Kompromiß eingehen. Als er aber die Enttäuschung seiner Gemeindeglieder ob dieser Ungeheuerlichkeit bemerkt, brandmarkt er den besagten Vers als eine Eingebung des Satans und entfernt ihn aus dem Koran. Wollte der Autor damit vielleicht suggerieren, daß auch die übrigen Verse des Korans vom Satan sind?

Der Perser Salman, der Mahound als Schreiber dient, will im Roman den Propheten testen und verändert den Korantext. Zu seiner Verwunderung merkt Mahound die Manipulationen nicht und läßt den veränderten Text gelten. Salman wird dadurch zum Mitautor des Korans und verliert sein Vertrauen in die angebliche Botschaft Gottes. Er verläßt Mahound und endet als Trunkenbold.

Der zweite Zeuge Rushdies dafür, daß Muhammad selber den Koran erfunden hat, ist niemand geringeres als Muhammads Lieblings Frau Aischa. Sie konnte angeblich nicht ertragen, daß Muhammad so viele Frauen haben wollte. Deshalb stritt sie mit ihm. Er war wie üblich im Trancezustand, aus dem er mit einer Botschaft Gottes erwachte, die ihm der Erzengel Gabriel gebracht haben soll.

,,Gibreel hatte Verse übermittelt, die ihm höchste göttliche Unterstützung gewährten: Gottes eigene Erlaubnis, so viele Frauen zu ficken, wie er wollte."

Aischa wirft ihm vor: "Dein Gott springt mit Sicherheit an, wenn Du ihn dazu brauchst, Dinge für Dich zu regeln."

Rushdie ist die ganze Geschichte mit der Offenbarung suspekt. An einer Stelle sagt er: ,,Erzengel können nur reden, wenn der Mensch sie zu hören bereit ist".

Es ist also der Mensch, in diesem Fall Muhammad, der den Erzengel Gabriel dann zum Reden bringt, wenn er keinen anderen Ausweg weiß oder wenn es dadurch eine gewünschte Lösung herbeizuführen gilt.

Rushdie lehnt fast alles ab, was den Muslimen teuer und heilig ist. Gott ist nur eine Fiktion, die davon lebt, daß Menschen daran glauben wollen. ,,Es gäbe keine Feen", wie er es formuliert, ,,wenn Kinder nicht in die Hände klatschen würden". Man hat einen Gott erfunden, um alles Unentschuldbare rechtfertigen zu können. Als Abraham seine ägyptische Frau Hagar und ihren Sohn Ismael in der wasserarmen Wüste aussetzte, fragte sie, ob das Gottes Wille sei. ,,Ja, sagte der Bastard und ging fort". Und heute pilgern Leute nach Mekka, sagt Rushdie, nicht etwa um des wundersamen Überlebens Hagars zu gedenken, sondern um Abrahams Besuch an diesem Ort zu feiern.

An diesem Beispiel wird deutlich, daß Rushdie sich nicht immer an Tatsachen hält, sondern je nach Bedarf Umdeutungen vornimmt. Einen Bestandteil der Pilgerfahrt nach Mekka bildet der Lauf zwischen Safa und Marwa, zwei Hügeln, zwischen denen Hagar siebenmal hin und her rannte, um nach vorbeiziehenden Karawanen Ausschau zu halten, von denen sie Wasser für ihren durstigen Sohn erbitten wollte. Hagars Suche nach Wasser wird symbolisch von jedem Pilger nachgemacht. Es ist also durchaus Hagar, an deren verzweifelte Suche nach Wasser man sich erinnert.

Rushdie schafft eine eigene Wahrheit, die mit der geschichtlichen Wahrheit oft nichts gemeinsam hat. Er rechtfertigt sich damit, daß er kein Geschichtsbuch schreibt, sondern einen Roman. Die Sache mit den zwölf Huren Mekkas, die die Namen von Muhammads Frauen annehmen, ist ehelos Rushdies Erfindung wie die
Bemerkung des Dichters Baal, der Muhammad vorwirft, daß er Huren und Dichtern nicht verzeihen kann. Muhammad antwortet: ,,Dichter und Huren, ich sehe darin keinen Unterschied".

Muhammad besteht Rushdies Meinung nach auch den zweiten Test nicht. Dieser besagt: ,,Was geschieht, wenn du gewinnst. Wenn deine Feinde dir ausgeliefert sind: Wie würdest du gegen sie vorgehen? Kompromiß ist die Versuchung des Schwachen, dies ist ein Test für den Stärkeren".

Auch diesen Test besteht Muhammad angeblich nicht. Er läßt die Huren und den Dichter, der ihn in seinen Versen lächerlich gemacht hatte, hinrichten. In Wirklichkeit hatte Muhammad am Tage der Eroberung Mekkas eine Generalamnestie erlassen, die jeden erfaßte, der Zuflucht im Heiligtum Ka'ba suchte oder einfach in seinem Haus blieb.

Die Kritik der ,,Satanischen Verse" geht weit über das hinaus, was bisher die Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen hat. Es wird die Art und Weise kritisiert, wie der Islam mit den Frauen umgegangen ist. Nach Rushdie gilt es, die Frauen zu unterjochen, wofür er in seiner polemischen Art die Stellungen heranzieht, die beim Geschlechtsverkehr zulässig sind: "... welche Sexualstellungen erhielten göttliche Bestätigung, wodurch sie erfuhren, daß Sodomie und die Missionarsstellung vom Erzengel erlaubt wurden, wogegen zu den verbotenen Stellungen diejenigen gehören, in denen das Weib obenauf ist".

Und als sein Romanheld in Bombay am Obersten Gerichtshof vorbeifährt, erinnert er sich an Schah Bano, eine Inderin muslimischen Glaubens, der ein Gericht nach der Scheidung Unterhalt zugesprochen hatte. Die Fundamentalisten gingen daraufhin auf die Straße, weil ihrer Meinung nach im islamischen Recht einer geschiedenen Frau kein Anrecht auf Unterhalt zugebilligt wird. Unter dem Druck der Straße mußte der Oberste Gerichtshof gegen die Unterhaltszahlung entscheiden, weil ,,dies gegen den Willen Gottes war, wodurch Indiens Rechtsprechung noch reaktionärer wurde als zum Beispiel Pakistans".

Pakistan wird im Roman als ,Peristan' (Land der Feen) oder auch .,Perownistan' bezeichnet, wo wundersame Dinge geschehen. Zum Beispiel findet man an einem Morgen ein neugeborenes Kind in einer Moschee in Karatschi. Der Vorbeter erklärt es als Teufelswerk und läßt es steinigen. So geschehen in Zias Pakistan vor wenigen Jahren.

Es trug sich dort eine noch wundersamere Geschichte zu. Eine minderjährige Hellseherin erhielt vom Erzengel Gabriel den Auftrag, mit ihrer gesamten Dorfgemeinschaft nach Mekka zu pilgern. Die Reiseroute führte mitten durch das Arabische Meer. Der Hellseherin war eingegeben worden, daß das Meer für die Pilger einen Weg freimachen würde, wie seinerzeit für Moses. Niemand zweifelte daran, auch die Behörden wohl nicht. Die wenigen, die aus den Fluten des Meeres gerettet werden konnten, wurden später auf Staatskosten nach Mekka geflogen. Rushdie macht für diesen blinden Glauben die Fundamentalisten verantwortlich.

Khomeini gehört seiner Meinung nach zu diesen Leuten, die die Wissenschaft und den Fortschritt ablehnen. Die ,,gesamte Wissenschaft wurde an dem Tag vollendet, an dem al-Lah seine Offenbarung an Mahound vollendete". Khomeinis Revolution sieht Rushdie als gegen Fortschritt, Wissenschaft und Menschenrechte und gegen die Geschichte gerichtet, die Khomeini als Teufelswerk und die größte Lüge betrachtet.

Die Iraner schmerzt die Herabwürdigung ihres Landsmannes Salman al-Farasi, der Muhammad Zeit seines Lebens treu blieb und nie die von Rushdie ihm zugeschriebenen Fälschungen begangen hat. Vielleicht noch mehr fühlen sie sich durch die Art und Weise verletzt, in der Khomeini im Roman behandelt wird, zu dem im Roman auch der Erzengel mit der Botschaft kommt. Er kommt aber auch zu der minderjährigen pakistanischen Hellseherin, die ihr Dorf ins Verderben führt. Wird etwa Khomeini auch sein Land und die Iraner in eine Katastrophe Führen?
 

2. Die Reaktion der Muslime

Rushdie hat in den Augen der Muslime die Grenze des Erträglichen überschritten, sich der Geschichtsfälschung ebenso schuldig gemacht wie des Vorwurfes, den Vorurteilen gegenüber dem Islam neue Nahrung gegeben zu haben. Nicht nur läßt er Mahound eines Morgens im Bett der Ehefrau des Oberhauptes von Mekka aufwachen; bei seinem Tode erscheint die Göttin al-Lat, die er einst aus dem Heiligtum verbannt hatte und verkündet, daß sie an ihm Rache genommen habe.

Die islamische Geschichte kennt blutige Beispiele von Selbstjustiz auch gegen Autoren, die nach Meinung der Muslime sich der Prophetenbeleidigung schuldig machten. Im April 1929 wurde in Lahore Rajpal, der Verfasser des Buches Rangila Rasul (Der liederliche Prophet), von einem Muslim namens Ilmuddin umgebracht. Vorangegangen waren monatelange Proteste, die zum Schluß darin gipfelten, daß die Mullahs die Tötung des Autors zur religiösen Pflicht eines jeden Muslims erklärten. Der Mörder wurde von der englischen Justiz zum Tode verurteilt und hingerichtet. Hunderttausende Muslime gaben dem Leichnam Ilmuddins das letzte Geleit, und in Pakistan wird er heute noch als Märtyrer verehrt.

Rushdie wird von den Muslimen vorgeworfen, den Propheten Muhammad beleidigt zu haben, indem er ihn als einen Menschen beschreibt, der nicht in Gottes Auftrag, sondern aus Berechnung und aus Eigennutz handelte. Damit hat er gewissermaßen den Islam seines Fundaments beraubt, das darin besteht, daß Muhammads Mission ein Werk Gottes war, der ihm den Koran offenbarte. Der Koran wird von den Muslimen als Gotteswort verehrt. In den Augen der Muslime ist das Buch ,,Satanische Verse" ein Machwerk gegen den Islam und gegen den Propheten Muhammad. Darauf steht zum Beispiel in Pakistan seit April 1984 die Todesstrafe.

Khomeinis Spruch (fatwa) gegen Rushdie geht darüber hinaus. Er konstatiert möglicherweise nicht nur die Prophetenbeleidigung, sondern Apostasie, wofür im islamischen Recht im allgemeinen die Todesstrafe als gerechtfertigt angesehen wird. In neuerer Zeit gibt es Stimmen dagegen, insbesondere in Pakistan, wo mehrfach die Verabschiedung eines entsprechenden Gesetzes gefordert wurde. Im Koran befindet sich lediglich die generelle Feststellung, daß diejenigen, die gegen Gott und seinen Propheten einen Krieg führen, mit dem Tod bestraft werden müssen, Darauf berufen sich die Schriftgelehrten auch im vorliegenden Fall.

Die Reaktionen in der islamischen Welt sind keinesfalls einheitlich, insbesondere im Hinblick auf das Todesurteil gegen Rushdie. Der Rektor der al-Azhar-Universität, Sheikh Gad al-Haq Ali Gad al-Haq, sagte, daß er es vorzieht, wenn Rushdies Buch durch die Veröffentlichung einer Entgegnungsschrift beantwortet werden würde. Der saudische Generalsekretär der Islamischen Liga, Sheikh Abd al-Aziz bin Abdullah bin Baz, bemängelt Khomeinis unkorrekte Vorgehensweise. Gegen Rushdie sollte vielmehr ein ordentliches Verfahren vor einem Gericht angestrengt werden. Dieser Meinung würden wohl die meisten Muslime zustimmen. Aber sie halten sich vorläufig zurück. Es ist gegenwärtig sehr schwierig in der islamischen Welt zu diesem Thema Stellung zu beziehen, insbesondere gilt dies für die liberalen Kreise, die keinesfalls Khomeinis Meinung teilen. Selbst die englischsprachige pakistanische Zeitung ,,DAWN", die für ihr Engagement für die Meinungsfreiheit bekannt ist, zieht es vor, zum Fall Rushdie zu schweigen. Khomeini strebt wohl mit seinem Spruch wieder jene Führungsrolle in der islamischen Welt an, die ihm im Zusammenhang mit dem Krieg versagt blieb (Waffenstillstand ,,bitterer als Gift"). So gesehen dürfte ihm die Affäre um das Buch gelegen gekommen sein. Angesichts ihrer Sensibilität für jeden Muslim können die sunnitischen Geistlichen trotz ihrer Gegnerschaft zu bzw. Rivalität mit Khomeini kaum offenen Widerspruch einlegen. In der Protesthaltung mit Khomeini einig können sie allenfalls - wie die genannten Geistlichen - Varianten der Abwehr gegen das Buch und seinen Autor suchen. Dabei sind sie nicht zuletzt auch von dem Bemühen geleitet, der Welt ein "zivilisierteres"  Bild des Islams zu vermitteln als dies durch Khomeinis Spruch getan wird.

3. Die Bewertung des Buches

Rushdies Buch ,,Satanische Verse" ist ein Roman von seltener sprachlicher Eleganz. Aber vielen westlichen Lesern dürfte die Lektüre schwerfallen. Es handelt sich um eine verworrene Geschichte von Immigranten, die nur verständlich wird, wenn man die indisch-islamische Gesellschaft und ihre religiösen Tabus kennt. Der Roman trägt starke autobiographische Züge des Autors, der sich ehrlich und offen mit seiner Herkunft auseinandersetzt, vielleicht ein wenig aus einer defensiven Position heraus, in der sich die meisten muslimischen Einwanderer in Europa befinden. Das Buch will vielleicht nicht etwa den Islam bekämpfen, sondern ihn besser verstehen und ihn reformieren.

Die Episoden im Leben des Propheten Muhammad sind in zwei Kapiteln beschrieben, die in einem Roman von 547 Seiten kaum 50 Seiten umfassen. Die Polemik gegen das Buch richtet sich nur gegen diesen Teil. Über diesen hinaus wird der Beschreibung des gegenwärtigen Zustands der islamischen Gesellschaft im Roman viel mehr Raum gegeben. Diese Passagen sind unproblematisch, und die darin geäußerte Kritik wird auch von anderen Schriftstellern in ihren Büchern geübt. Über die Episode des neugeborenen Kindes, das in Karatschi auf Geheiß des Vorbeters gesteinigt wurde, haben auch andere Schriftsteller, zum Beispiel die Pakistanerin Razia Fasih Ahmad, die darüber eine Erzählung verfaßte, geschrieben.

Die ,,Satanischen Verse" werden in der islamischen Welt ihre Wirkung nicht verfehlen. Es wird allerdings dazu sehr lange brauchen, weil vorläufig dieses Thema zu sehr mit Emotionen behaftet ist und zudem die religiösen Kreise auf dessen Tabuisierung kräftig hinarbeiten. Mit einer weitgehenden Trennung des ,,Künstlerischen" im Sinne eines Freiraumes des Kunstwerks und seiner Aussage von der ,,Wirklichkeit" (namentlich wenn diese mit religiösen Sachverhalten zu tun hat), wird sich die islamische Welt auch auf lange Sicht schwertun.
 

Erschienen in: Zeitschrift für Kulturaustausch. Stuttgart. Jg. 42 (1992) Nr. 4. S. 525-529.

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