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TECHNOLOGISCHE RÜCKSTÄNDIGKEIT
ISLAMISCHER LÄNDER
- Einflüsse des Kolonialismus
- religiös geprägte Forschungsziele -
Munir D. Ahmed
Zufall kann es nicht sein, daß die islamische Welt sich technologisch hoffnungslos im Rückstand befindet. Trotz Anstrengungen der letzten Jahrzehnte hat die wissenschaftlich-technologische Entwicklung dort keine großen Fortschritte gemacht. Die Frage, die uns hier beschäftigt, ist, ob der Grund dafür in der Gesellschaftsstruktur liegt, die sicherlich nicht in geringem Maße vom Islam mitgeformt wurde. Ist der Islam an dieser Entwicklung schuld, oder sind andere Gründe dafür verantwortlich?
Der Prophet und die Schulen
Dem Islam wird keine angeborene Wissenschaftsfeindlichkeit nachgesagt. Die allererste Offenbarung von Mohammed, womit das Heilige Buch des Islam, der Koran, seinen Anfang nahm, war, “lies im Namen deines Herrn, der erschaffen hat“ und dies in einer Gesellschaft, in der die Lesekunst nicht sehr verbreitet war. Die arabischen Historiker haben die Namen von allen 17 Personen überliefert, die damals in Mekka des Lesens kundig waren. Mohammed gehörte nicht zu ihnen, aber er nahm die Aufforderung Gottes sehr ernst. Als ein Jahr nach seiner erzwungenen Übersiedlung nach Medina seine junge religiöse Gemeinschaft von den Mekkanern angegriffen wurde und er den Angriff erfolgreich abwehren konnte, nahmen seine Leute mehrere Mekkaner gefangen. Unter den Gefangenen befanden sich einige Lesekundige. Mohammed schlug diesen ein Geschäft vor, womit sie ihre Freiheit wiedererlangen konnten. Die einzige Bedingung war, jeweils 10 Kindern das Lesen beizubringen.
Kein Wunder also, daß die ersten Schulen, die den Namen Kuttab (Schreibgelehrte oder -stube) erhielten, bereits zu Lebzeiten Mohammeds in Medina gegründet wurden. Sie bildeten später die Elementarstufe eines Bildungswesens, das sich allmählich herausbildete. Dieses im Grundsatz religiöse Bildungswesen war in den Moscheen beheimatet. Später kamen Medressen und andere Institutionen hinzu, wofür getrennte Gebäude errichtet wurden.
Übernahme antiker und persischer Wissenschaften
Es gab aber daneben einen anderen Wissenschaftsbetrieb, bei dem die sogenannten Wissenschaften der früheren Völker gelehrt wurden. Gemeint waren damit die Philosophie, Medizin und andere Naturwissenschaften, die die Araber von den Griechen, Persern, Indern und anderen Kulturvölkern übernahmen. Auch dies geschah im Sinne Mohammeds, dessen Spruch “Suchet das Wissen und wenn ihr dazu bis nach China reisen müßt“ als Wegbereiter der Aufnahmebereitschaft für das gesammelte Wissen der Völker bei den Muslimen angesehen werden muß. Die Lehrstellen für diese Wissenschaften befanden sich außerhalb der Moscheen, in den meisten Fällen in Bibliotheken, Privathäusern und Krankenstationen. Es gab auch einzelne "Wissenschaftshäuser", deren Gründung auf Kalifen, Minister und andere vermögende Bürger zurückging. Dort wurden auch die Bücher aus fremden Sprachen ins Arabische übersetzt, wozu häufig Christen eingesetzt wurden. Angehörige religiöser Minderheiten hatten keinen Zugang zu den Institutionen der islamischen Wissenschaften. Dagegen waren sie bei den "Wissenschaften der früheren Völker" in jeder Hinsicht gleichgestellt.
Kulturhistorisch bedeutend ist die Tatsache, daß Araber bei ihren Ausbrüchen aus der arabischen Halbinsel im sechsten und siebten Jahrhundert ein sehr unterentwickeltes Volk waren. Sie unterjochten Perser, Griechen, Ägypter und Inder, also Völker, die kulturell und technologisch ihnen überlegen waren. Die Eroberer scheuten sich aber nicht, sich die Kenntnisse der Eroberten anzueignen. Sie lernten die Staatsverwaltung und die Architektur von den Persern und Ägyptern, die Philosophie, Medizin und Mathematik von den Griechen und Indern. Überall wo sie hinkamen, bestaunten sie das technische Können ihrer Untertanen und erwiesen sich als gelehrige Schüler. Die Nomadensöhne entwickelten sich binnen kurzer Zeit zu hervorragenden Kennern der landwirtschaftlichen Anbaumethoden, des Wasserbaus, der Architektur und anderer Fertigkeiten.
Neue Widerstände
Worüber heute noch die Gelehrten rätseln, ist die Tatsache, daß diese Übernahme fremder Technologien und Wissenschaften damals bei den Muslimen nicht das Unbehagen hervorrief, das man gegenwärtig in der arabisch-islamischen Welt den westlichen Einflüssen und auch Technologien gegenüber feststellt. Damals empfand man die Übernahme als einen Akt der Vervollständigung des eigenen Erbes. Heute dagegen ist die Situation anders. Die Verwestlichung wird als eine Gefahr angesehen, die die Bindungen des Volkes an die eigene Tradition zerstören würde.
Die arabisch-islamische Gesellschaft, an deren Entstehung viele zum Islam bekehrte Völker zwischen China und Indonesien im Osten, Spanien und Portugal im Westen, die Türkei im Norden und Tschad und Niger im Süden beteiligt waren, entstand in einer Zeit, als Europa im tiefsten Mittelalter steckte. Wo der Islam den Menschen ein Gefühl der Zugehörigkeit zu der Umma, der Gemeinschaft der Gläubigen, gab, herrschte eine rege Lehr- und Forschungstätigkeit. Es gab Handel und Wandel, Gelehrte reisten mit Handels- und Pilgerkarawanen bis zu den entferntesten Grenzen des islamischen Weltreiches. Sie halfen dabei, Wissenschaftserkenntnisse und die technischen Fertigkeiten zu verbreiten. Man hat mit Recht die islamische Kultur in der Hochblüte des Islams (750 bis 1258) als eine wissenschaftliche Kultur bezeichnet. In den Werken von Averroes und Avicenna wird der Versuch unternommen, den Kosmos rational, d.h. wissenschaftlich zu deuten.
Eine enorme Anzahl von alten Techniken, die heute noch in der islamischen Welt Verwendung finden, zeigen deutlich den ehemals innovativen Geist dieser Völker. Man ist häufig verblüfft über die Einfachheit und die Wirtschaftlichkeit der alten Techniken. Als Beispiel seien hier nur die Konstruktion von Dhaubooten am Persischen Golf, die dort entwickelte Fischerei- und Tauchertechnik oder das unterirdische Bewässerungssystem des Kanat in trockenen Zonen erwähnt. Das von den Nomaden gesammelte geographische, klimatologische und botanische Wissen setzt uns heute noch in Erstaunen. Sie waren es auch, die die Zucht von Kamelen und Pferden zu einer Wissenschaft entwickelten.
Bis zum 16. Jahrhundert war die islamisch-arabische Welt nicht in erster Linie als Rohstofflieferant für Europa interessant, sondern galt als ein begehrter Handelspartner wegen seiner Fertigwaren, wie Textilien: man braucht nur an Damast und Musselin zu denken. Aus Mogul-lndien kamen die schönsten Seidenstoffe, die die Herzen der Hofdamen in Europa höher schlagen ließen. Es gab Zeiten, in denen lndustriespione Europas in den Orient geschickt wurden, um die bestgehüteten PapierherstelIungsverfahren auszukundschaften.
Lähmender Einfluß des Europa-Handels
Europas Händler, die die Vorhut der späteren Kolonialmächte bildeten, bekamen die Erlaubnis, Handelsniederlassungen in Aleppo, Damaskus, Kairo, Alexandria und Mossul in der arabischen Welt, an der Malabar-Küste in Südwestindien und in Bengalen in Ostindien zu errichten. Im osmanischen Reich erreichten die Niederlassungen aus Europa sehr günstige Handelsbedingungen, die sogenannten Kapitulationen, mit deren Hilfe sie den einheimischen Handel und später auch die Industrie das Fürchten lehrten. Sie maßten sich sogar die politische Macht an und machten systematisch die dortige Industrie kaputt. Zum Beispiel wurden die meisten Weber aus dem indischen Bengalen und Bihar nach England gebracht, damit sie ihre Fertigkeiten in den Dienst der British India Company stellten. Diejenigen, die sich dazu nicht bereit fanden, wurden verstümmelt oder umgebracht. Das Ziel war die Zerstörung der indischen Textil- und Seidenindustrie. Erst auf der Asche der indischen und arabischen Textilindustrie konnte das Imperium von Liverpool entstehen. Indien, das für seine Baumwolle einen immer niedrigeren Erlös erhielt, mußte immer höhere Preise für fertige Textilien aus England bezahlen.
Erbauung und nicht Naturbeherrschung
Dies ist sicherlich nicht die ganze Wahrheit und keine ausreichende Erklärung für den technologischen Rückstand des Orients. Sehr viel hat dazu auch der Umstand beigetragen, daß das islamische Bildungswesen sich als unfähig erwies, den Erfordernissen der Zeit Rechnung zu tragen. Die religiöse Ausrichtung dieses Bildungssystems schloß die Naturwissenschaften fast völlig vom Lehrplan aus. Nicht die Beherrschung der Natur war das primäre Ziel islamischer Bildungseinrichtungen, sondern die religiöse Erbauung. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, befähigte diese Ausbildung nicht zum Ergreifen eines Berufes: und die Gelehrten, die ihre naturwissenschaftlichen Studien im Hinterstübchen betrieben, hatten Mühe, öffentliche Anerkennung zu finden.
Die islamische Kultur blieb auf einer agrarischen Stufe stecken und stagnierte. Ihre gelehrigen europäischen Schüler, die einstmals den muslimischen Medizin-, Mathematik- und Philosophie-lehrern in Cordoba, Granada und anderswo zu Füßen saßen, ließen ihre einstigen Autoritäten hinter sich. Sie drängten in Richtung Naturbeherrschung. Der Untergang der politischen Macht der muslimischen Reiche ging mit dem Zurückbleiben ihrer Wissenschaften Hand in Hand. Die koloniale Expansion schaffte für Europa günstige Bedingungen der technologischen Entwicklung, die wiederum zur Beherrschung der Welt durch die Industriestaaten der Alten Welt führte. Die islamische Welt konnte mit der Expansion des Wissens im Entdeckungszeitalter nicht Schritt halten.
Fruchtlose Technologietransfers
lnteressanterweise haben bisher auch alle Versuche des Technologietransfers nicht viel gefruchtet. Die islamischen Länder konsumieren vorwiegend Produkte ausländischer Technologien. Die arabischen Staaten schneiden beim Stand ihrer Technologie besonders schlecht ab, obwohl sie im Falle der Erdölstaaten über beträchtliche Geldmittel verfügen.
Bereits im 19. Jahrhundert hatten die Osmanen und der ägyptische Statthalter Mohammed Ali Europa um technische Hilfe für die Bereiche Landwirtschaft, Ingenieurwesen und Militär gebeten. Die Rückständigkeit in den genannten und weiteren Bereichen besteht immer noch. Der Aufbau des Erziehungs- und Bildungswesens macht zwar Fortschritte, was die Zahlen entsprechender Lehranstalten anbelangt, nicht aber, was die Qualität der Ausbildung betrifft.
In den fünfziger und sechziger Jahren gerieten einige arabische Länder in eine selbstgewollte Isolation, zu einer Zeit, als einige Entwicklungsländer aus Südost- und Südasien über exportorientierte Entwicklungsstrategien die Industrialisierung vorantrieben. Der Entwicklungsstand zwischen den Schwellen- und den arabischen Ländern ist mittlerweile beträchtlich. In den Erdölländern hegte man die Illusion, mit Petrodollars die neueste Technologie kaufen zu können, ohne dabei zu bedenken, daß damit noch lange nicht das technologische Defizit ausgeglichen werden kann. Die meisten dieser schlüsselfertig gelieferten Industrieanlagen arbeiten weit unter der Kapazität, und zudem stammt das Personal aus dem Ausland. Der bisher einzige muslimische Nobelpreisträger für Physik, Abdus Salam (1979), schlug vor, ein Grundkapital von einer Milliarde Dollar zur Belebung wissenschaftlicher Forschung im islamischen Raum zu investieren. Die Islamische Konferenz-Organisation (ICO) nahm seinen Vorschlag auf.
Die vierte ICO-Gipfelkonferenz setzte ein Komitee für wissenschaftliche und technische Zusammenarbeit ein. Bisher gegründet wurden eine Akademie der Naturwissenschaften, Institute für Ozeanographie in der Türkei, für Biotechnik in Ägypten, für tropische Medizin in Malaysia, Wasserbau in Jordanien, Raumfahrt und wiederverwendbare Energie in Pakistan. Aber die Abwanderungstendenzen unter den Wissenschaftlern und Fachkräften sind sehr groß. Ein Teil der Studenten, die zur Spezialisierung und Fortbildung ins Ausland gehen, ziehen es vor, in den Industriestaaten zu bleiben. Auch Staaten mit besseren Lehranstalten wie etwa Pakistan oder Ägypten kämpfen mit dem gleichen Problem. Sie bilden Mediziner, Ingenieure und andere Fachkräfte in weit höherer Zahl aus, als sie sie beschäftigen können. Davon profitieren zum Teil die anderen Länder der Region, insbesondere die Erdölstaaten, aber noch mehr Westeuropa und die USA.
Tendenzen der Islamisierung
In der islamischen Welt hat die Erfolglosigkeit von Modernisierungs-
und Industriahisierungsbemühungen begonnen, in Form von Islamisierungstendenzen
zurückzuschlagen. Die Unterentwicklung wird als Schande empfunden,
deren Ursache man gern in der Verwestlichung sieht, die nichts anderes
als Desorientierung gebracht haben soll. Diese Bewegung, die man fälschlicherweise
Reislamisierung nennt, ist Ausdruck einer kulturellen Krise in der
islamischen Welt, die seit geraumer Zeit unterschwellig vorhanden war und
uns sicherlich noch lange beschäftigen wird. Diese Auseinandersetzung
könnte für die islamische Welt eine ähnliche Bedeutung erlangen
wie die Französische Revolution in Europa, vorausgesetzt allerdings,
es gelingt den liberal eingestellten Muslimen, den muslimischen Intellektuellen,
den Konflikt in einen Kampf für die geistige und kulturelle Freiheit
umzuwandeln.
Erschienen in NEUE ZÜRCHER
ZEITUNG am 25. März 1987