Iqbal betrat die literarische Bühne Indiens um die Jahrhundertwende
als ein glühender Nationalist, der die Einheit des indischen Volkes besang
und für ein neues Nationalbewußtsein aller Inder unabhängig
von ihrer Zugehörigkeit zu Volksstämmen, Rassen und Religionen eintrat.
In einem Gedicht aus dieser Zeit kündigt er die Errichtung eines neuen
Tempels der Brüderlichkeit an, in dem die Liebe das Handeln der Menschen
bestimmt und das Bildnis Indiens angebetet werden wird. Er dichtete eine
Hymne auf Indien, die jahrzehntelang in zahlreichen urdusprachigen Schulen
des Landes an Stelle des Frühgebets tagtäglich gesungen und von
Hindus und Muslimen gleichermaßen als Ausdruck der Einheit aller Inder
gewertet wurde.
Diese Phase war allerdings relativ kurz und steht im Widerspruch zu seiner
späteren Ansicht über den Nationalismus. In einem Gedicht nennt
er ihn verächtlich "den höchsten Gott", den die moderne Zivilisation
hervorgebracht hat, der der Menschheit nur schaden könne. An anderer
Stelle nennt er den Grund seiner Ablehnung des Nationalismus: "Ich lehne ihn
ab, weil ich darin Keime des atheistischen Materialismus erblicke, den ich
als die größte Gefahr für den modernen Menschen betrachte".
Während seines Aufenthalts in Europa (1905-1908) stellte er fest, daß
die negativen Auswirkungen des übersteigerten Nationalismus viele nachdenklich
gemacht hatte.Noch mehr aber erschreckte ihn der immer stärker werdende
Nationalismus unter den Muslimvölkern des Vorderen Orients, woduch die
brüchige aber immerhin faktische Einheit der Muslime im Vorderen Orient,
wie sie sich im Osmanischen Reich manifestierte, zu zersplittern drohte. Daher
begann Iqbal sich für den Pan-Islamismus 1) zu interessieren. Darin sah
er eine Antwort auf den immer stärker werdenden Kolonialismus Europas,
den es einzudämmen galt. Je mehr ihn das Schicksal der Muslime auf dem
Balkan beschäftigte, desto mehr entfernte er sich auf der heimatlichen
Front von dem Gedanken einer einheitlichen indischen Nation.
Ihm lag das Wohl der Umma (die Gesamtheit der muslimischen Gemeinde)
am Herzen, deren Zusammenhalt einerseits durch das Vordringen des Nationalismus,
andererseits durch die Gefahr von Außen bedroht war. Er sah die islamische
Welt als eine Einheit an, die durch den Bestand eines muslimischen Staates,
oder durch seine Zerschlagung zwar Schaden nimmt, deshalb aber nicht um ihr
Fortbestehen zu fürchten braucht. Der Islam will eine über die nationalen
Grenzen hinausreichende Einheit schaffen, deren Grundlage weder die Zugehörigkeit
zu einer Rasse, noch zu einer Sprachgemeinschaft oder zu einem Land bildet.
Dieser Gedanke liegt auch dem Pan-Islamismus zu Grunde, allerdings mit einer
Einschränkung: der letztere will eine Gemeinschaft der Gläubigen
schaffen, die allein durch ihr Bekenntnis zum Islam zustandekommt. Dadurch
werden zwar einige wesentliche Merkmale der Nationenbildung im modernen Verständnis
gesprengt, es wird aber letzten Endes doch noch eine begrenzte überstaatliche
Einheit - man könnte sagen eine Nation der Muslime geschaffen.
Daß dies dem Anspruch der Universalität, den der Islam eigentlich
erhebt, gewissermaßen widerspricht, läßt Iqbal nicht gelten.
Seiner Meinung nach verkündete der Islam zum erstenmal in der Geschichte
der Menschheit die Botschaft, daß die Religion weder an Nationen und
Völker gebunden sei, noch eine individuelle oder persönliche Angelegenheit
darstelle. Sie richte ihre Botschaft an die ganze Menschheit und wolle sie
trotz der vorhandenen natürlichen Unterschiede vereinen. Dadurch entsteht
allerdings auch eine fast unüberbrückbare Teilung. Die Menschheit
teilt sich danach in ein monotheistisches und ein polytheistisches Lager.
Entsprechend der islamischen Tradition zählt Iqbal die Atheisten zu den
Polytheisten. Ganz im Gegensatz zu der erwarteten Schlußfolgerung, daß
die Anhänger aller monotheistischen Religionen eine Einheit bilden,
konkretisiert Iqbal diese zwei Lager als a) die Gemeinschaft der Muslime
in der ganzen Welt und b) die Nation der Nicht-Muslime. Damit knüpft
er an das im frühen Islam entstandene Weltbild an, wonach die Welt zweigeteilt
ist. Die von den Muslimen beherrschten und verwalteten Gebiete bezeichnete
man als Dar as-Salam (das Gebiet des Friedens), wogegen diejenigen
Gebiete, die außerhalb ihres Territoriums lagen Dar al-Harb
(das Gebiet des Krieges) genannt wurden 2).
Dieses Weltbild mag Außenstehenden egozentrisch erscheinen, seine
außerordentliche Wirkung auf die Muslime darf aber nicht übersehen
werden. Insbesondere verschaffte die Vorstellung, einer großen und
mächtigen Gemeinschaft anzugehören, bei den indischen Muslimen,
die seit jeher numerisch eine Minderheit darstellten, ein Sicherheitsgefühl.
Im Kontext der weltweiten Unterlegenheit der Muslime gegenüber den Kolonialmächten
bedeutete die Parole des Pan-Islamismus ein Programm und den Aufruf, die
eigenen Reihen zu schließen.
Der Ruf nach der Einheit des Weltislam ist eine Maximalforderung, auf deren
Verwirklichung die Umma schon lange wartet und voraussichtlich noch
lange warten wird. Iqbal besitzt trotz seines Hangs zur Romantik die bemerkenswerte
Eigenschaft, die Grenzen zwischen Idealvorstellungen und Machbarem zu erkennen.
So gelangte er in späteren Jahren zur Erkenntnis, daß die Verwirklichung
der Einheit des Weltislam nur dann gewährleistet ist, wenn man die nationalen
und staatlichen Gegebenheiten miteinbezieht. Er stellt sich demnach wohl einen
Staatenbund der islamischen Vaterländer vor, die bei Wahrung ihrer Identität
der Gemeinschaft beitreten können.
Der Untergang des Osmanischen Reiches ist auch in der Geschichte des Islam
auf dem indischen Subkontinent ein Wendepunkt. Die Abschaffung des Kalifats
durch das türkische Nationalparlament wurde von den indischen Muslimen
mit Bestürzung zur Kenntnis genommen. Damit wurden nach ihrer Meinung
alle Hoffnungen auf die Wiederherstellung einer Großmacht des Islam
zerstört. Anfänglich gehörte Iqbal auch zu denen, die dieses
'Unglück' aufs Schmerzlichste empfanden, wie dies seine Teilnahme an
der Khilafat-Bewegung 3) beweist. Die spätere Entwicklung zeigte,
daß sein Eintreten für die Beibehaltung des Kalifats ebenso "reaktionär"
war, wie das Festhalten vieler an einer imaginären Einheit Indiens.
Iqbal erkannte als einer der ersten Muslimführer Indiens, daß
eine Koexistenz zwischen der muslimischen Minderheit und der Hindumehrheit
wegen der konträren Ausrichtung beider Religionsgemeinschaften nicht
möglich war. Dies wurde nicht zuletzt durch die Veröffentlichung
des Nehru-Reports 4) , der den Lebensraum der Muslime in einem künftigen
freien Indien weitgehend einschränken wollte, deutlich zum Ausdruck gebracht.
Die Muslime zeigten sich betroffen, gar zurückgestoßen. Vielen
wurde bewußt, wie eng die Grenzen einer Zusammenarbeit zwischen beiden
Religionsgemeinschaften gezogen waren. Einige hielten die Verabschiedung des
Nehru-Reports eher für einen Betriebsunfall, dessen Schaden in
Grenzen gehalten werden könne. Sie hofften immer noch, daß am Ende
die Vernunft siegen und der IndianNational Congress 5) sich
mit der All-India Muslim League 6) zu einem Kompromiß
zusammenraufen würde. Iqbal war seinen Weggenossen weit voraus. Er erkannte
frühzeitig die Sinnlosigkeit aller Bemühungen seitens der Muslime,
die Kongress-Partei dazu zu bewegen, Garantien für die gerechte Behandlung
der muslimischen Minderheit im freien Indien zu geben.
Während der Jahresversammlung der All-India Muslim League von
1930 in Allahabad, die unter Iqbals Präsidentschaft stattfand, schlug
er die Gründung eines separaten Staates der Muslime im Nordwesten Indiens
vor. Diese Rede, die heute als die Genesis der Pakistan-Idee bezeichnet wird,
fand merkwürdigerweise fast kein Echo unter den Delegierten. Niemandfand
sich bereit, die Vision des Dichters durch die Formulierung einer Resolution
zu unterstützen. Die All-India Muslim League brauchte genau zehn
Jahre, bevor sie sich 1940, also fast zwei Jahre nach Iqbals Tod, dazu durchrang,
die Forderung nach der Teilung Indiens und zur Gründung eines separaten
Staates der Muslime zu verabschieden.
Die Verwirklichung dieser Forderung schien selbst dem späteren Staatsgründer
Pakistans, Muhammad Ali Jinnah, noch im Jahre 1946 sehr zweifelhaft. Jinnah
hatte sich der Argumentation von Iqbal nur zögernd angeschlossen; denn
sein Lebenswerk bestand darin, als Vermittler zwischen Muslimen und Hindus
zu wirken. Er, den man jahrzehntelang als einen Mann des Ausgleiches und der
Versöhnung zwischen beiden Religionsgemeinschaften gekannt hatte, legte
im Jahre 1938 die Zwei-Nationen-Theorie 7) vor, die gewissermaßen
als Rationale für die Teilung Indiens dienen sollte. In Wirklichkeit
waren die Grundlagen für diese Theorie von Iqbal geliefert worden.
Iqbal war es auch, der für die Muslime sehr überzeugend darlegte,
daß der Islam es nicht zulasse, mit den Ungläubigen zusammen eine
Gemeinschaft zu bilden. Die islamische Umma sei vielmehr eine über
geographische und ethnische Grenzen hinausreichende Gemeinschaft. Es sei auch
nicht Zufall, der die Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft bestimme,
sondern die persönliche Entscheidung jedes einzelnen Mitgliedes. Denn
es stehe jedem frei, dieser Gemeinschaft beizutreten. Die Vorstellung, die
Muslime Indiens bildeten mit den Hindus zusammen eine indische Nation, lehnte
er entschieden ab. Ein Muslim könne und dürfe sich nicht mit einem
Ungläubigen gleichstellen.
Jedem aufmerksamen Leser von Jinnahs Zwei-Nationen-Theorie wird auffallen,
wie sehr diese sich an das von Iqbal erläuterte Grundprinzip anlehnt.
Jinnah war ein Realpolitiker, der es meisterhaft verstand, die Gedanken des
Dichters den politischen Gegebenheiten Indiens anzupassen. Im Gegensatz zu
Iqbal lehnte Jinnah allerdings die Vorstellung einer alle Inder umfassenden
Nation mehr aus soziologischen als aus religiösen Gründen ab. Er
geht davon aus, daß Muslimen und Hindus das Gefühl einer einzigen
Nation anzugehören einfach fehle. Sie bilden zwei getrennte und jeweils
in sich geschlossene Gesellschaften, die nebeneinander oder gegeneinander
bestehen. Demnach könne man nur von zwei Nationen in Indien sprechen,
von denen jede ihren Staat im unabhängigen Indien haben sollte.
Jinnah vermeidet jede Diskussion darüber, wie die Nation der Muslime
in Indien geographisch zu lokalisieren sei. Für ihn ist die Zugehörigkeit
zum Islam ausschlaggebend bei der Bildung einer muslimischen Nation. Der von
ihm geforderte Staat - ursprünglich war es ein Staatenbund bestehend
aus Bengalen, Sind, Punjab, Baluchistan und der Nordwest-Grenzprovinz - sollte
auf keinen Fall ein religiöser Staat sein. Vielmehr schwebte ihm eine
Regierungsform vor, die der Mehrheit die Möglichkeit böte, ihre
staatsrechtlichen Vorstellungen durchzusetzen. Dadurch würden die Muslime
in die Lage versetzt, die Lehren des Islam zu verwirklichen. Er ging davon
aus, daß eine Hinduminderheit im Lande bleiben und entsprechend den
Grundregeln der Demokratie mit Toleranz und Entgegenkommen behandelt werden
würde. In der ersten vor der verfassunggebenden Versammlung des künftigen
Staates Pakistan gehaltenen Rede appellierte Jinnah an seine Landsleute, die
religiösen Unterschiede zu vergessen. Er entwarf ein Bild künftiger
Tage, in denen die Religion zur Privatsache eines jeden Bürgers würde,
die aufhörten, Muslime oder Hindus zu sein 8). Offensichtlich glaubte
er, die Bewohner Pakistans würden eines Tages unabhängig von ihrer
Zugehörigkeit zu Religionsgemeinschaften ein Nationalbewußtsein
entwickeln.
Jinnah ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, daß der von
ihm konzipierte Staat die demokratische Grundordnung haben und seinen Bürgern
- unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu Volksstämmen, Rassen
oder Religionsgemeinschaften - gleiche Rechte und Pflichten auferlegen würde.
Er lehnte die Theorie entschieden ab, die die Beherrschung des Staates im
Namen Gottes beansprucht und sich parlamentarischer Kontrolle entzieht.
Sie schafft eine Teilung des Staatsvolkes in Bürger erster und zweiter
Klasse. Jinnah trat für die Trennung von Kirche und Staat ein.
In diesem Punkt gehen Jinnah und Iqbal, die lange in der Unabhängigkeitsbewegung
zusammenarbeiteten und in vielen Punkten übereinstimmten, diametral auseinander.
Für Iqbal ist die Trennung des Staates von der Religion höchst
verwerflich. Eine Institution, der jegliche geistig-moralische Grundlage
fehlt, würde sich zwangsläufig in ein Instrument der Ausbeutung
und der Unterdrückung verwandeln. Genau dies ist sein Vorwurf an die
parlamentarische Demokratie nach westlichem Muster, die im Zeitalter des
Kolonialismus kläglich versagt habe. Die Parlamente der Kolonialreiche
hätten sich bereitwillig als Instrument für die schlimmste Ausbeutung
der Weltgeschichte den jeweiligen Regierungen zur Verfügung gestellt.
Er wirft der republikanischen Regierungsform vor, in Wirklichkeit die gewandelte
Form der alten Herrschaftsstruktur darzustellen, aus der lediglich eine kleine
Schicht ihren Nutzen ziehe. Es sei töricht, von einer derartigen Institution
Gerechtigkeit oder gar Wahrhaftigkeit zu erwarten.
Auf der anderen Seite lehnt Iqbal aber die Demokratie nicht per se ab. Er
akzeptiert durchaus das Prinzip der Volksvertretung, allerdings in einer anderen
Form als allgemein üblich. Er macht sich lustig über das Wahlprinzip
in den westlichen Demokratien, das jedem Bürger ein Stimmrecht gibt.
In Iqbals Worten ist "die republikanische Regierungsform diejenige, in der
die Köpfe gezählt werden, statt sie zu wiegen". Dies zeigt schon,
was für eine Form der Demokratie ihm vorschwebt. Die Massen sind seiner
Meinung nach nicht in der Lage, von sich aus die richtige Entscheidung zu
treffen, weil "die inspirierenden Gedanken nicht aus den Gehirnen von zweihundert
Eseln hervorgebracht werden können". Man braucht für die Leitung
des Volkes eine dynamische, kreative und vor allen Dingen geistige Führung.
Hier sind platonisches Gedankengut und die Ideen von al-Farabi 9) unverkennbar.
Auch Iqbal will die Staatsgewalt in die Hände einer gewählten,
aber besonders qualifizierten und für die Kunst des Regierens vorbereiteten
Elite legen.
Einen wesentlichen Teil seines Wirkens verwendet Iqbal auf die Darstellung
dieses Menschentyps; er soll fest im Glauben verwurzelt sein, sich aber nichtsdestoweniger
ausschließlich auf die eigene Kraft verlassen. Dieser vollkommene Mensch,
den Iqbal als Mard-e Mu'min (gläubiger Über-mensch)
bezeichnet, verkörpert in sich all die Eigenschaften, die ihn befähigen,
ein aufrichtiges, gerechtes und gottesfürchtiges Leben zu führen
10).
Die Idee von einem Übermenschen, der im Stande sein wird, die Menschheit
zu leiten und sie nach eigenem Vorbild zu formen, zeugt von einer elitären
Denkweise. Man könnte fast meinen, ein Denker, der seine Hauptaufgabe
darin sieht, die Heranbildung des Übermenschen zu fördern, leiste
faschistischen Tendenzen Vorschub. Dieser Vorwurf ist auch Nietzsche gemacht
worden, der immerhin für Iqbal, wenn nicht als Lehrmeister, dann zumindest
als Vorbild gelten darf. Allerdings gibt es einen grundlegenden Unterschied
zwischen beiden. Nietzsche verabscheut die Herrschaft des Plebejers und setzt
seine Hoffnung auf eine standesgemäße Aristokratie des Übermenschen
für die Schaffung und Erhaltung des höheren Kulturgutes. Dagegen
geht Iqbal davon aus, daß jeder Mensch latent die Fähigkeit besitzt,
durch Erziehung in einen Übermenschen verwandelt zu werden.
Zu Iqbals Verteidigung muß man gerechterweise erwähnen, daß
er durchaus die Vorzüge der parlamentarischen Demokratie anerkennt. Was
er sicherlich mit gutem Grund ablehnt, ist die arithmetische Demokratie, die
sich wie die Geschichte lehrt, leicht manipulieren läßt 11). Iqbal
lehnt jedenfalls eine Regierung ab, in der die Stimmen der in der Mehrheit
befindlichen Kleingeister faktisch über die Regierung und die von ihr
zu verfolgende Politik entscheiden.
Was Iqbal im Sinn hat, ist die Umerziehung der Menschen und die Umgestaltung
der Gesellschaft. Diese Aufgabe kann nur von jemandem vollbracht werden, der
dazu auserwählt und darauf vorbereitet ist. Seiner Meinung nach ist
der Islam im Stande, diesen Übermenschen hervorzubringen. Er hat bereits
einmal diese Fähigkeit unter Beweis gestellt, als er aus Wüstenbewohnern
Träger einer der großartigsten Kulturen machte. Iqbal ist davon
überzeugt, daß die Zeit für eine derartige Umerziehung reif
ist; die Zukunft gehöre dem Islam, der einzigen zukunftsweisenden Religion.
Sein Vertrauen in die Gemeinschaft der Muslime ist überaus groß.
Diese muß sich allerdings in ihrem Handeln vom Islam leiten lassen,
wenn sie ein Vorbild für die Menschheit sein will. Iqbal befürwortet
ein demokratisches System, welches durch ein göttliches Gesetz reguliert
wird, verbindlich für alle, ohne Ausnahme, groß und klein, reich
und arm.
Wie bereits an anderer Stelle festgestellt wurde, ist Religion für
Iqbal keineswegs eine Privatsache des Gläubigen. Vielmehr bestimmt der
Islam das Leben des einzelnen ebenso wie das der Gesellschaft. Der Islam
spaltet die Einheit des Menschen nicht in eine Dualität von Materie
und Geist. Gott und das Universum, der Geist und die Materie, die Kirche
und der Staat gehören organisch zusammen. Mit der Ablehnung der Spaltung
von Kirche und Staat erteilt Iqbal dem Säkularismus eine Absage. Seine
Kritik am Westen rührt nicht zuletzt von dem dort vorherrschenden Säkularismus
her, der dazu geführt habe, daß der Westen sich vom eigentlichen
Sinn des Lebens immer mehr entferne.
Iqbal verkennt nicht die Gefahr, die von der Theokratie für den
Staat und für den Einzelnen ausgeht. Auch er lehnt die Herrschaft des
Klerus und die eines selbsternannten Stellvertreters Gottes ab, der, wie er
es formuliert, "seine despotischen Taten hinter einer angeblichen Unfehlbarkeit
verstecken kann". Der islamische Staat kann also gar nicht in diesem Sinne
eine Theokratie sein. Die drei Grundpfeiler der wahren Demokratie, nämlich
Gleichheit, Solidarität und Freiheit sind ein Bestandteil des islamischen
Glaubens an die Einheit Gottes (Tauhid). Der Staat muß also
versuchen, diese Prinzipien in die Raum-Zeit Dimensionen umzusetzen, d. h.,
er muß sie in bestimmte menschliche Organisationsformen verwandeln.
Lediglich in diesem Sinne könne der islamische Staat eine Theokratie
sein.
Daraus ist klar ersichtlich, daß Iqbal nicht etwa an einer Wiederholung
der einst in der islamischen Geschichte vorherrschenden Regierungsform liegt.
Im Gegensatz zu anderen Exponenten des islamischen Staates in der Gegenwart
scheut er sich nicht, auch die Modifizierung des islamischen Rechts zu fordern,
was in den Augen vieler der Häresie nahekommt.
Gelegentlich wird das, was Iqbal vorschwebt, als "Theodemokratie" bezeichnet.
Diese vermutlich von Maududi 12) erfundene Bezeichnung für eine Form
der Staatsführung, die gewisse demokratische Grundregeln beachtet, sich
in Sachen Gesetzgebung aber völlig dem von Gott offenbarten Recht (Koran)
unterwirft, stimmt nicht ganz mit dem überein, was Iqbal im Sinn hat.
Seine Vorstellung vom islamischen Staat ist zwar weitgehend idealistisch,
aber im Gegensatz zu dem, was Maududis Jama'at-e Islami zu verwirklichen
trachtet, ist sie durchaus demokratisch. Im Gegensatz zu Maududi, der das
Staatsoberhaupt (Amir) über das Parlament stellt, will Iqbal für
niemanden ein derartiges Privileg beanspruchen. Er hält sogar die Übertragung
des Kalifenamtes an das Parlament durchaus für zulässig.
Iqbal selber verwendet die Bezeichnung "spirituelle Demokratie", um die
Staatsform zu kennzeichnen, die seiner Meinung nach letztlich die Zielsetzung
des Islam darstelle. Dies will er bewußt als Gegensatz zu der vom Materialismus
beherrschten Demokratie des Westens verstanden wissen.
Die Abscheu vor dem Materialismus ist ebenfalls sein Hauptmotiv für
die Ablehnung des Westens und vieler Dinge, für die dieser verantwortlich
sei. An erster Stelle seien es der Kapitalismus und der damit verbundene Imperialismus,
die nach Iqbals Meinung durch die Trennung zwischen Kirche und Staat sich
überhaupt erst zu dem haben entwickeln können, was sie heute sind.
Nach der Beseitigung der moralischen Kraft der Kirche habe sich der Kapitalismus
in ein Instrument der Ausbeutung verwandelt, die weder fremde Völker
noch das eigene verschone. Es herrsche im Westen eine Atmosphäre heillosen
Durcheinanders, denn jeder sei auf den eigenen Vorteil auf Kosten anderer
bedacht, weil das Fundament der westlichen Zivilisation auf Geldgier und
leichtem Gewinn basiere. Iqbal glaubt, die Tage solcher Zivilisation seien
gezählt.
Iqbal erhebt seine Stimme für die Rechte der Schwachen und Entrechteten.
Er bittet nicht um mehr Rechte für sie, sondern fordert, daß man
sie sich nehme. Er ruft unmißverständlich zur Revolution auf. Er
prophezeit den Arbeitern und Bauern eine große Zukunft; denn ihr Zeitalter
sei angebrochen. Er sagt: "Das Zeitalter der Volksherrschaft naht; beseitigt
alle Überreste der (morschen) Vergangenheit". Man hat Iqbal vorgeworfen,
ohne ein klares Programm zur Lösung der Probleme seiner Zeit zur Revolution
aufzurufen. Trotz einer gewissen Berechtigung muß man diesen Vorwurf
zurückweisen, weil Iqbal grundsätzlich davon ausgeht, daß
jede Revolution zwangsläufig zum Islam führen müsse, der in
seinen Augen in der Lage sei, alle Probleme der modernen Welt zu lösen.
Der Islam ist für ihn die Revolution par excellence. Dies ist auch der
Grund für seine Annahme, daß die russische Revolution entweder
im Islam münden, oder den Islam in sich aufsaugen werde.
Als einer der ersten Dichter Asiens begrüßte Iqbal die bolschewistische
Revolution begeistert und war davon überzeugt, den Beginn eines neuen
Zeitalters zu erleben. Diese Revolution hatte nicht nur Imperialismus und
Kapitalismus eine empfindliche Niederlage bereitet, Iqbal glaubt auch bei
Marx die islamische Lehre der absoluten Gleichheit aller Menschen vor Gott
entdeckt zu haben. Marx sei sich nicht einmal der Anleihe aus dem Islam bewußt
gewesen. Er nennt Marx sogar einen Propheten, der allerdings ohne die Mittlerrolle
des Erzengels Gabriel blieb und daher die Wahrheit nur bruchteilhaft erfaßte.
An anderer Stelle läßt er über Marx verkünden: "(Er ist)
Moses ohne Gottes Erscheinungserlebnis; Christus ohne Kreuz, und besitzt eine
Schrift, ohne allerdings ein Prophet zu sein". Lenin tritt in einem Gedicht
von Iqbal vor Gott als Vertreter der Arbeiter und Entrechteten. Iqbal ging
in seiner Begeisterung soweit zu behaupten, "der Bolschewismus plus Gott
sei fast mit dem Islam identisch".
Es hat wenig Zweck, diese und ähnliche Äußerungen von Iqbal,
die eher mit der Absicht getan wurden, die Bewunderung für die Durchführung
der Revolution kundzutun, wichtiger zu nehmen, als sie in Wirklichkeit sind.
Trotzdem muß man zugeben, daß Iqbals Meinung über den Sozialismus
von einer gewissen Oberflächlichkeit zeugt, die man bei ihm sonst nicht
erwarten würde.
In seinen Augen haben beide, der Sozialismus und der Islam, dasselbe Ziel,
nämlich: die Gleichbehandlung aller Menschen durchzusetzen. Der Islam
ist dem Sozialismus überlegen, weil er anders als dieser nicht nur für
das materielle Wohl der Menschen Sorge trägt, sondern darüber hinaus
ihnen eine geistige Führung bietet. Iqbal tendiert zu der Meinung, der
Sozialismus stelle in Wirklichkeit einen Aspekt des Islam dar. Er weist aber
auch auf die Wesensunterschiede zwischen atheistischmaterialistischem Sozialismus
und Islam hin. Seiner Meinung nach organisiert der Sozialismus, die Gesellschaft
dermaßen, daß dem Einzelnen kein Spielraum bleibt. Mit der Abschaffung
des Besitzes lahmt er die Privatinitiative, die gerade im Islam eine sehr
wichtige Rolle spiele. Iqbal erkennt durchaus gewisse kapitalistische Züge
im Islam an, ist aber von der Wirkung der Regulative, die in dieser Religion
vorgesehen sind, überzeugt. Die Institution des Zakat 13)
zum Beispiel hat eine reinigende Kraft für die Wirtschaft. Iqbal würde
es gern sehen, wenn eine ähnliche Steuer auch für den Landbesitz
erhoben würde. Abgesehen von dieser einen Steuer, die vom Staat erhoben
und verwaltet wird, kennt der Islam lediglich die freiwilligen Abgaben der
Besitzenden, die mit religiösen Werten gekoppelt sind.
Es ist nicht zu leugnen, daß Iqbal, ebenso wie andere Theoretiker
des islamischen Staates, keine allzu überzeugende Figur abgibt. Es hat
den Anschein, als ob diese die Problematik der modernen Wirtschaftsstruktur
nicht kennen. Bislang hat keiner zum Beispiel eine Alternative zum Zinssystem
vorgelegt, auf dem unsere gegenwärtige Wirtschaftsordnung beruht. Iqbal
ist ehrlich genug zuzugeben, daß er die Konturen des Wirtschaftssystems
des von ihm propagierten islamischen Staates gar nicht so genau kenne.
Dennoch war er der Meinung, die Muslime Indiens sollten den islamischen
Staat auf indischem Boden gründen. Er war bemüht, vor allem Jinnah
von der Notwendigkeit dieses Schrittes zu überzeugen. Ausgerechnet Jinnah
war es, der aus Pakistan eine liberale Demokratie nach dem Vorbild von Westminster
machen wollte. Möglicherweise war er der Auffassung, die islamische Regierungsform
käme der parlamentarischen Demokratie am nächsten. Immerhin haben
Apologetiker des Islam seit Ende des neunzehnten Jahrhundert behauptet, daß
die koranische Empfehlung zur Beratung der Angelegenheiten der Muslime untereinander
14) auf diese Regierungsform hindeute. Vieles spricht aber dafür, daß
Jinnah, der zu einer Zeit, als der Liberalismus in England vorherrschend war,
dort seine Studienjahre verbracht hatte, der Zeit seines Lebens ein Liberaler
blieb, sich unter dem islamischen Staat nichts anderes als einen liberalen
Staat vorstellen konnte.
Seit der Gründung des Staates Pakistan ist eine nicht endende Diskussion
über den Charakter des Staates im Gang. Wie nicht anders zu erwarten,
führen konservativ-religiöse Kreise, die für die Umwandlung
Pakistans in einen islamischen Staat plädieren, Iqbal als ihren Kronzeugen
auf. Mittlerweile ist seine Idee des Übermenschen längst in Vergessenheit
geraten, nicht aber seine Begeisterung für die islamische Gesellschaftsordnung,
von deren Überlegenheit über den Kapitalismus und über den
Sozialismus er fest überzeugt war.
Die Auseinandersetzung in Pakistan zwischen Anhängern des Säkularismus
auf der einen Seite und den Befürwortern der islamischen Staatsordnung
auf der anderen ist noch nicht eindeutig entschieden 15), Die Säkularisten
verlieren immer mehr an Boden und befinden sich auf dem Rückzug. Die
lange Serie ihrer Niederlagen begann bereits kurze Zeit nach der Staatsgründung,
als das Parlament die Einsetzung eines Gelehrtengremiums (Board of Ta'
limat-i Islamiyya) beschloß, welches bei der Ausarbeitung der Verfassungsgrundlagen
dafür sorgen sollte, daß keine islamischen Vorschriften verletzt
würden. Mit Hilfe dieses Gremiums wurde eine Formel gefunden, die die
Vorstellungen der religiösen Kreise von der Souveränität Gottes
auf die Verfassung übertrug. Die Idee dazu lieferte kein geringerer als
Iqbal, der verschiedene Male darauf aufmerksam gemacht hatte, daß der
Koran ausdrücklich die absolute Souveränität Gottes auf Erden
proklamiere. Allen drei bisherigen Verfassungen Pakistans ist ein Schönheitsfehler
unterlaufen, der in Wirklichkeit lediglich darauf zurückzuführen
ist, daß ein Kompromiß zwischen den Säkularisten und den
religiösen Kreisen gesucht wurde. Das hatte zur Folge, daß die
Verfassung sowohl die Souveränität Gottes als auch die des Volkes
feststellt 16).
Wenn nun Gott die Souveränität gebührt, muß man logischerweise
auch sein Gesetz (Schari'a) als Landesgesetz proklamieren. Dies bedeutet
eine Einschränkung für die gesetzgebende Versammlung insofern,
als Gesetze nur in Einklang mit den Lehren des Islam erlassen werden dürfen.
Dies zu verwirklichen ist ein Problem, mit dem Pakistan bisher nicht fertig
geworden ist. Nach dem Beispiel der iranischen Verfassung aus dem Jahr 1906
wurde die Einsetzung eines Council of Islamic Ideology zur Beratung
des Parlaments bei der Gesetzgebung und zur Überwachung darüber
beschlossen, daß die Gesetze mit den Lehren des Islam in Einklang stehen.
Ein solches Gremium hätte wahrscheinlich nicht Iqbals Billigung gefunden.
Er hatte nämlich seinerzeit das iranische Beispiel sehr heftig kritisiert,
insbesondere die Tatsache, daß einem nicht gewählten Gremium implizit
Veto-Befugnisse eingeräumt würden. Er hätte es lieber gesehen,
wenn Gelehrte Mitglieder des Parlaments würden, statt ungewählt
über dem Parlament zu stehen.
In Pakistan ist die Effektivität dieses Gremiums bislang gleich
null. Während der Dauer der ersten zwei Verfassungen aus den Jahren 1956
und 1962 konnte der Council of Islamic Ideology kaum zur Gesetzgebung
beitragen, da die Mitglieder untereinander heillos zerstritten waren. Bislang
war die einzige Verfassungsänderung, die durch die Mitwirkung dieses
Gremiums stattfand, der Ausschluß der Ahmadiyya aus dem Islam im September
1974 17). Diese umstrittene Entscheidung hätte wiederum sehr wahrscheinlich
die Billigung von Iqbal gefunden; denn er unterstützte im Jahr 1936
ein Begehren der Majlis-e-Ahrar-e Islam 18) an die britische Regierung
zur Deklarierung der Ahmadiyya als eine nicht-islamische Religionsgemeinschaft,
also deren Exkommunizierung. Unter Umständen hätte Iqbal diese
Entscheidung des Parlament als einen Akt von Idschma' (Konsensus)
anerkannt, wie dies mittlerweile das staatliche Islamic Research Institute,
Islamabad, zu deuten versucht. Iqbal hatte seinerzeit vorgeschlagen, die
Ausübung von Idschma' für die lokalen Bedürfnisse einzelner
islamischer Staaten den jeweiligen Parlamenten zu überlassen. Dadurch
glaubte er, diese in Vergessenheit geratene Rechtsquelle des islamischen
Gesetzes wiederzubeleben und nutzbar machen zu können.
Iqbal wird von den verschiedensten religiösen und nichtreligiösen
Gruppen und Parteien als Kronzeuge für die eigene Politik zitiert. Auch
Kommunisten und Sozialisten profitieren von seinen positiven Äußerungen
über diese, obwohl Iqbal unmißverständlich zum Ausdruck gebracht
hat, daß er weder Kommunist sei noch werden könne. Eine atheistische
Ideologie war seiner Meinung nach außerstande, etwas Positives zu leisten.
Deshalb warf er den bolschewistischen Revolutionären vor, lediglich eine
negative Rolle gespielt zu haben. Die Ablehnung Gottes wiegt in seinen Augen
schwerer als die Schaffung eines Systems, "das die Mägen der Bevölkerung
absolut gleich füllen will."
Iqbal hat sicherlich durch seine positiven Äußerungen über
den Sozialismus dazu beigetragen, daß auch viele Muslime sich dafür
zu interessieren begannen. Laut Iqbal befinden sich die Wirtschaftsvorstellungen
des Sozialismus mit den Lehren des Islam im Einklang. Beide ergänzten
sich so vorzüglich, daß man daran denken könne, sie zu vereinen.
Damit war fast zwangsläufig die Ideologie des islamischen Sozialismus
20) geboren. Wer diese Bezeichnung zum erstenmal gebrauchte, ist in diesem
Zusammenhang unerheblich. Fest steht, daß Jinnah sie 1948 in einer Rede
in Dacca benutzte, um die Richtung zu kennzeichnen, die die pakistanische
Regierung einschlagen sollte. Er erläuterte aber den islamischen
Sozialismus nicht näher. Nach der Ermordung von Liaquat Ali Khan,
der ebenfalls davon sprach, geriet diese Ideologie, die bis dahin noch gar
keine war, in Vergessenheit. Ayub Khan erwähnte sie einige Male, ohne
allerdings daraus eine Staatsideologie zu machen. Als Zulfiqar Ali Bhutto
eine zugkräftige Ideologie für seine Partei (Pakistan People's
Party) suchte, wurde der islamische Sozialismus aus der Versenkung
hervorgeholt. Seither beherrscht diese - in den Augen vieler eine anachronistische
Ideologie, die weder dem Islam noch dem Sozialismus gerecht wird - die pakistanische
Politik. Ausgerechnet diejenigen politischen Kräfte, die sonst Iqbal
bei jeder Gelegenheit im Munde führen, wollen von einer Verbindung zwischen
Islam und Sozialismus nichts wissen. Das zeigt zugleich, inwieweit die religiösen
Kreise in Pakistan bereit sind, Iqbal zu folgen und worin sie ihm die Gefolgschaft
verweigern.
Den nachhaltigsten Erfolg hatte Iqbal bei seinen Bemühungen um die
sogenannte Bewegung des Pan-Islamismus. Diese Bewegung zur Herstellung der
Einheit der Muslime in der ganzen Welt ist zwar weder eine Erfindung von
Iqbal noch ist er unter den indischen Politikern der einzige, der sich dafür
besonders engagiert hat; trotzdem ist sein Anteil an deren Popularität
unter den Muslimen auf dem indischen Subkontinent dank seines poetischen
Talents besonders groß. Nach der Gründung Pakistans wurde ernsthaft
über die Möglichkeit diskutiert, allen Muslimen der Welt das Recht
zuzugestehen, auf Verlangen die pakistanische Staatsbürgerschaft zu
erwerben. Alle bisherigen Regierungen des Landes haben sich bemüht,
mit den islamischen Staaten besonders freundliche Beziehungen zu unterhalten.
Vom Tag der Unabhängigkeitserklärung an engagierte sich Pakistan
für die Bildung eines militärischen Paktes der islamischen Länder.
Die Pakistanis begriffen erst sehr langsam, wie idealistisch ihre Vorstellungen
waren, daß die wirtschaftliche und militärische Interessenlage
der in Frage kommenden Länder sehr unterschiedlich und deshalb ein Militärbündnis
aussichtslos war. Trotzdem hat bisher Pakistan jede Gelegenheit ausgenutzt,
seinem Ziel näherzukommen. Jüngst, im Sommer 1977, schlug Ministerpräsident
Bhutto abermals die Bildung eines Militärpaktes aller islamischen Staaten
vor.
Pakistan erwog bereits 1947 seinen Beitritt zur Liga der Arabischen Staaten,
bis man in Kairo höflich darauf hinwies, daß die Mitgliedschaft
in der Liga nur denjenigen Staaten offen stehe, deren Bevölkerung arabischer
Abstammung ist, sich als Araber fühlt oder mindestens die arabische Sprache
als lingua franca benutzt. In Pakistan hat es immer schon Befürworter
der Verbreitung der arabischen Sprache gegeben. Diese sahen sich nun veranlaßt,
verstärkt für die Einführung des Arabischen zu werben 21).
Muslimische Dichter Indiens haben seit jeher von ihrer Sehnsucht nach Medina,
wo sich die Grabstätte des Propheten Muhammad befindet, gesungen. Iqbals
Gedichte diesen Inhalts gehören zu den eindrucksvollsten Beispielen.
Es ist sicherlich zum größten Teil seinem Einfluß zuzuschreiben,
daß die Pakistanis sich dem mittleren Orient zugehörig betrachten.
Man könnte von ihnen als Araber indischer Abstammung reden, die subjektiv
ihre Urheimat in Arabien sehen. Als Höhepunkt der bisherigen Geschichte
Pakistans wird die Gipfelkonferenz islamischer Staatsoberhäupter und
Regierungschefs im Februar 1974 in Lahore gewertet. Pakistanis haben in den
letzten dreißig Jahren eine vollständige Abwendung von Indien
vollzogen und damit gewissermaßen den von Iqbal geforderten Bruch mit
der indischen Nation Wirklichkeit werden lassen. Ob und wann die Vision Iqbals
von der Einheit des Weltislam sich erfüllen wird, bleibt noch abzuwarten.
Anmerkungen
1) Die Bewegung des Pan-Islamismus hat ihren Ursprung im 19. Jahrhundert.
Der Osmanen-Sultan 'Abd al-Hamid versuchte, dadurch seine Herrschaft zu festigen.
Der große Protagonist dieser Bewegung war Jamal al-Din al-Afghani (1838-1897).
Den nachhaltigsten Erfolg erlebte diese Bewegung in Indien, wo bedeutende
Persönlichkeiten der Politik sich dafür einsetzten, darunter Abul
Kalam Azad, die Gebrüder Maulana Muhammad AIi und Maulana Shaukat AIi
- und nicht zuletzt Iqbal. Für weitere Lektüre siehe Faruki, Kemal
A.: Approaches to Muslim unity. In: Pakistan Horizon. Karachi. Jg 25 (1972)
Nr. 2. S. 3-12.
2) Häufig wird auch die Bezeichnung Dar al-Islam (Die Welt des
Islam) verwendet.
3) Die Khilafat-Bewegung entstand als Folge des Einmarsches der Allierten
in der Türkei während des ersten Weltkrieges. Insbesondere die
Bestrebungen zur Absetzung des Kalifen führten dazu, daß in Indien
Khilafat-Konferenzen abgehalten wurden. Gefordert wurde die Beibehaltung
des Kalifat und die Anerkennung der territorialen Rechte des türkischen
Sultans und Kalifen auf die arabische Halbinsel, Syrien und Irak. Diese Bewegung
mobilisierte Millionen von Muslimen in Indien und genoß zeitweilig
die Unterstützung der Indian National Congress Party, die wiederum
die Emotionen der Muslime für die Erreichung eigener Ziele einzusetzen
wußte. Der Höhepunkt der Bewegung war zwischen 1922 und 1926.
4) Zur Ausarbeitung der Grundprinzipien für eine künftige Verfassung
Indiens ernannte eine All-PartyConference, an der allerdings
die All-India Muslim League nicht beteiligt war, ein neun Mitglieder
umfassendes Komitee unter dem Vorsitz von Pandit Motilal Nehru, dem Vater
des späteren Ministerpräsidenten Indiens, Jawaharlal Nehru. Ihr
Bericht, unter dem Namen Nehru-Report bekannt, setzte sich über
alle bis dahin mühsam erreichten Kompromisse zwischen den beiden Religionsgemeinschaften
hinweg. Insbesondere wurde kategorisch abgelehnt, im zukünftigen Indien
für die muslimische Minderheit Parlamentssitze zu reservieren. Dazu
hieß es lapidar: "Eine Minderheit muß eine Minderheit bleiben".
Von den zwei Muslimen im Komitee nahm der eine an deren Sitzungen überhaupt
nicht teil, während der zweite es ablehnte, den Bericht zu unterzeichnen.
5) Die Indian National Congress Party wurde 1885 maßgeblich
von einem Engländer gegründet. Während sich die Muslime anfänglich
politischer Betätigung enthielten, wurde die Kongreß-Partei von
Hindu-Politikern fast vollständig unter ihre Kontrolle gebracht.
6) Die All-India Muslim League wurde 1906 gegründet, um die Interessen
der muslimischen Bevölkerung zu vertreten.
7) cf. Mittelsten-Scheid, Jörg: Die Teilung Indiens. Zur Zwei-Nationen-Theorie.
Köln: Verlag Wissenschaft und Politik. 1970. 160 S.
8) Diese Rede hielt Jinnah vor der verfassunggebenden Versammlung des künftigen
Pakistan am 11. August 1947.
9) Muhammad b. Tarkhan Abu Nasr al-Farabi (gest. 950), der größte
Philosoph des Islam vor Avicenna, war von Plato begeistert, dessen Staatsideen
er in seinem Buch "Die Musterstadt" fortentwickelte. Siehe dazu: Brönle:
Alfarabi - Die Staatsleitung. Leiden. 1904.
10) cf. Ahmad, Ziauddin: Iqbal's concept of Mard-i-Momin. In: Dawn. Karachi.
16. September 1977.
11) Für Manipulationspraktiken in Pakistan siehe: Ahmed, Munir D.: Die
Wahlen in Pakistan im März 1977. Eine erste Bilanz. In.: Orient. Leverkusen-Opladen.
Jg 18 (März 1977) Nr. 1. S. 102-127.
12) Abu'l A'la Maududi (geb. 1903) gründete seine Partei Jama'at
-i Islami 1941. Er gehört zu den begabtesten Theoretikern der fundamentalistischen
Richtung innerhalb des Islam, cf. Mawdudi, Abu'l A'la: The political theory
of Islam, translated into English by M. Siddiqui. Lahore. o. J., siehe auch:
Adams, Charles: The Ideology of Mawlana Mawdudi. In: Smith, Donald Eugene
(Hrsg.): South Asian politics and religion. Princeton, N. J.: Princeton Univ.
Pr. 1966. S. 371-397.
13) Zakat ist eine Steuer, welche nur diejenigen Muslime zahlen, die
ein ganzes Jahr hindurch ein eine bestimmte Höhe überschreitendes
Vermögen besitzen. Der Steuersatz beträgt einen Vierzigsten, also
zwei Prozent, des gesamten Vermögens.
14) Koran 42:38.
15) Über diese Diskussion gibt es mittlerweile reichhaltige Literatur.
Die Lektüre folgender Beiträge dürfte eine gute Übersicht
vermitteln. Khalid, Detlev H.: Islamic secularism. In: Outlook. Karachi.
Jg 2 (6. Okt. 1973) Nr. 27. S. 10-13; Khalid, Detlev H.: Aspects of
the Constitution: 1. The embarrassing "Islamic Provisions". In: Outlook.
Karachi. Jg 2 (28. April 1973) Nr. 4. S. 8-10; Ahmed, Munir D.: The permanent
Constitution of Pakistan. In: Orient. Opladen. Jg 14 (Sept. 1973) Nr. 3.
S. 118-126; Fazlur Rahman: Islam and the new Constitution of Pakistan. In:
Korson, J. Henry (Hrsg.): Contemporary problems of Pakistan. Leiden: Brill.
1974. S. 30-44; ders.: Islam and the constitutional problems of Pakistan.
In: Studia Islamica. Paris. Jg 32 (Dez. 1970) Nr. 4. S. 275-287; ders.: The
ideological experience of Pakistan. In: Islam and the Modern Age. New Delhi.
Jg 2 (1971) Nr. 4. S. 1 ff.
16)Auch darüber ist sehr viel geschrieben worden. Während die erste
nachfolgende Publikation die Meinung der religiösen Kreise unterstützt,
versucht Detlev H. Khalid die Absurdität der gefundenen Lösung
aus islamischer Sicht nachzuweisen. Ahmed, Manzooruddin: Sovereignty of God
in the Constitution of Pakistan. A study in the conflict of traditionalism
and modernism. In: Islamic Studies. Karachi. Jg 4 (Juni 1965) Nr. 2. S. 201-212;
Khalid, Detlev H.: Theocracy and the location of sovereignty. In: Islamic
Studies. Islamabad. Jg 11 (Sept. 1972) Nr. 3. S. 187-209.
17) cf. Ahmed, Munir D.: Ausschluß der Ahmadiyya aus dem Islam. Eine
umstrittene Entscheidung des pakistanischen Parlaments. In: Orient. Opladen.
Jg 16 (März 1975) Nr. 1. S. 112-143.
18) Die Majlis-e Ahrar-e Islam wurde 1929 mit Unterstützung des
Indian National Congress Party gegründet und umfaßte nationalistische
Kräfte aus den Reihen der religiösen Führer.
19) cf. Hasan, Ahmed: Ijma in modern times. In: Dawn. Karachi. 14. Januar
1977; Siehe dazu meine Erwiderung in der gleichen Zeitung am 25. Januar 1977,
in der nachgewiesen wird, daß der "Ijma" zu keinem Zeitpunkt in der
islamischen Geschichte stattgefunden hat. Daher konnte er sich auch nicht
als eine Rechtsquelle etablieren. Die Parlamente in den muslimischen Staaten
können nicht stellvertretend für die Umma irgendwelche Entscheidungen
treffen, da der Islam eine derartige Übertragung des Stimmrechts des
einzelnen auf eine andere Person nicht kennt. Außerdem gibt es im Islam
die Institution der Kommunion nicht, folglich gibt es auch keine Exkommunizierung.
20) Diese Bezeichnung soll bereits 1890 von Jamal ad-Din al-Afghani in Istanbul
benutzt worden sein. In der arabischen Welt ist diese Bewegung ebenfalls
anzutreffen, wie dies aus der dort erscheinenden reichhaltigen Literatur
hervorgeht. Als Standardwerk gilt das Buch von Mustafa as-Sibai: Ischtirakiyat
al-Islam. Damaskus. 1959; siehe ferner: Fazlur Rahman: Sources and meaning
of Islamic socialism. In: Smith, Donald (Hrsg.): Religion and political moderniza-tion.
Yale Univ. Pr. 1974.
21) cf. Ahmed, Munir D.: Der Sprachenstreit in Pakistan. In.: Orient. Opladen.
Jg 13 (Sept. 1972) Nr. 2. S. 156-163.
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