|
|
|
ISLAMISCHER FUNDAMENTALISMUS
Von Munir D. Ahmed
In der Tat sind Verschwörungstheorien in der islamischen Welt sehr verbreitet und verhindern eine nüchterne Analyse der eigenen Lage. Woran liegt es zum Beispiel, daß gerade die islamischen Völker auf der untersten Skala der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung stehen?Die Analphabetenrate unter den Muslimen ist höher als unter den Indios Lateinamerikas. Und dies. obwohl einige der Muslimstaaten über reiche Erdölvorkommen verfügen und Milliarden von Dollars jedes Jahr einnehmen. Die Muslime bilden ein Fünftel der Weltbevölkerung, beheimatet in über fünfzig Staaten, die sich in einer Dachorganisation OlC (Organisation of the lslamic Congress) zusammengeschlossen haben. Aber der Einfluß der OlC auf die Weltpolitik ist geringer als der des Zwergstaates Israel. Die Ursachen der Unterentwicklung liegen auf der Hand, aber niemand will sie wahrhaben, geschweige denn beseitigen. Man hat die islamische Zivilisation als eine vorindustrielle Kultur genannt, die unfähig ist, im technologisch-wissenschaftlichen Zeitalter adäquat zu reagieren. Die gegenwärtige Krise der islamischen Welt kann deshalb zu Recht als eine Defensivreaktion auf die Probleme bezeichnet werden, die zu lösen man nicht imstande ist.
Die Rückbesinnung auf die ursprüngliche Botschaft des Propheten Muhammad. die einstmals die islamische Welt zur dominierenden Zivilisation auf der Erde machte, mag kurzfristig die islamische Gesellschaft nicht zur einstigen Blute führen, aber der Aufruf danach entbehrt nicht einer gewissen Logik. Die dadurch entstandene .,lslamisierungsbewegung" knüpft sich historisch an die Herrlichkeit der vergangenen muslimischen Reiche. Es ist aber auch ein Appell zur Rückkehr zu den moralischen Werten, die ein Merkmal der islamischen Gesellschaft gewesen sind, bevor sie im Prozeß der Akkulturation von fremden Werten überlagert wurden. Der Fortschritt steckt nicht im Konsum überflüssiger Güter, die uns die Industrie aufnötigt, noch in Drogen oder verwegenen Haarfrisuren. Ebensowenig ist die Rückkehr zu den alten Bewirtschaftungsmethoden oder Wohnformen gleichbedeutend mit Glück und Zufriedenheit.
Diese Rückbesinnung auf die Werte des Islams hat einerseits eine positive Entwicklung eingeleitet, die auch von Außenstehenden mit Wohlwollen betrachtet wird. Andererseits hat sie gewissermaßen die ,,Fundamentalisten" als Trittbrettfahrer auf den Plan gerufen, die darauf aus sind, die gegenwärtige Situation für ihre Zwecke auszuschlachten. Der islamische Fundamentalismus ist seinem Wesen nach von dem christlichen oder jüdischen Fundamentalismus nicht sehr verschieden. Er nimmt eben den Islam als seine Ausgangsbasis, ist ansonsten genauso einfältig, selbstgerecht und kennt keine Zweifel. Er ist eine Zeiterscheinung und muß deshalb ernst genommen werden. Denn er versucht auf seine Weise Antworten auf Fragen zu geben, die sich dem modernen Menschen stellen. Der islamische Fundamentalismus nutzt die allgemeine Islamisierungseuphorie für seine Zwecke aus. Er ruft aber nicht zur Frömmigkeit auf, sondern zur politischen Agitation. Er will die Gesellschaft nicht durch Emanzipation verändern, sondern er strebt nach Macht. Deshalb sollte man hier zwischen zwei Strömungen unterscheiden. Die lslamisierungsbewegung ist religiös motiviert und zielt auf die Wiederbelebung der islamischen Werte, wogegen die Islamisten – dies wäre der richtige Name für die islamischen Fundamentalisten - eine geschlossene politische Theorie präsentieren, die sich angeblich auf Prinzipien des Islams aufbaut.
So gesehen ist der Islamismus eine politische Ideologie, die in den Worten des Führers der iranischen Revolution Ayatullah Khomeini verkürzt als ,,weder West noch Ost" wiedergegeben werden kann. Genauer ausgedrückt ist der Islamismus eine sozioökonomische Bewegung. die den Zustand des identitälsbedrohenden Wandels durch einen nativitstischen Totalitarismus beheben will. Die Normen. die er für Staat, Erziehung, Gesellschaft und Wirtschaft zugrunde legt, entlarven sich bei genauem Hinsehen als unpraktisch und nicht unbedingt islamisch, wofür sie ausgegeben werden. Bereits die Entstehungsgeschichte des islamischen Fundamentalismus weist deutliche Parallelen zum Faschismus auf, mit dem er nicht nur zeitgleich entstand, sondern auch weitere Merkmale teilt. Es ist kein Zufall, daß die beiden wichtigsten Begründer des Islamismus, Hassan al-Banna (Ägypten) und Abul A'la al-Maududi (Pakistan), glühende Verehrer von Benito Mussolini und Hitler gewesen sind. Auch andere Autoren, die Entstehung des Islamismus durch ihre Schriften gefördert haben oder von den Islamisten einfach für sich beansprucht werden, zeigen deutliche Anzeichen einer Infizierung durch den europäischen Faschismus der dreißiger und vierziger Jahre. Zu ihnen zählt der Inder Allama lnayatullah Mashriqi. der von sich behauptete, daß er in den dreißiger Jahren in Berlin mit Adolf Hitler zusammentraf und daß die Organisationsform der NSDAP auf einen von ihm entwickelten Plan zurückging. Er gründete nach seiner Rückkehr aus Europa, wo er Mathematik studiert hafte, eine Partei mit dem Namen Khaksar, deren Mitglieder nicht nur eine ähnliche Uniform trugen wie die Nazis, sondern zu deren Merkmalen die Schaufel gehörte, die sie bei ihren Aufmärschen trugen. Merkwürdigerweise gehört zu den geistigen Wegbereitern des Islamismus auch Dr. Muhammad lqbal, den die Pakistaner als ihren Nationaldichter feiern. Er traf auf einer Europareise mit Mussolini zusammen und schrieb ein Lobgedicht auf den Führer des neuen Italiens. Gerechterweise muß man sagen, daß er auch Lenin mit einem Gedicht beehrte. Jedenfalls gehört er mit seiner Islameuphorie zu den Autoren, die Islamisten für sich in Anspruch nehmen.
Es fällt auf, daß kaum einer der Führer des Islamismus ein Theologe mit einer klassisch-theologischen Ausbildung war. Sie waren durchweg Laien, die weltliche Berufe ausübten. Hassan al-Banna war Lehrer und Maududi, der keine sonderliche Schulbildung genossen hafte, war von Beruf Journalist gewesen. Ebenso war Dr. Ali Schari‘ati. der für die islamische Revolution in Iran den Weg bereitete, ein Amateurtheologe. Sie alle beschäftigten sich sozusagen nebenberuflich mit der Theologie und wurden zeitlebens von den ausgebildeten Theologen gemieden und teilweise ausgelacht. Maududi machte zudem noch den Fehler, daß er die Forderung der Mehrheit der indischen Muslime nach der Gründung Pakistans scharf bekämpfte. Später mußte er in diesem Staat Zuflucht suchen und hatte Mühe, dort als Partriot anerkannt zu werden. Aber er verblüffte die Politiker mit der Forderung nach einer islamischen Verfassung für Pakistan. Niemand wollte ihn wegen der im Volk populären Forderung widersprechen. Also beschloß man, die Souveränität Gottes in der Präambel der Verfassung aufzunehmen. Die Regierung glaubte, daß dies zu keinerei praktischen Konsequenzen führen würde. Maududi dagegen argumentierte, daß in einem Staat, wo die Herrschaft Gott gebührt, auch Sein Gesetz, also die Schari'a, das Landesgesetz bilden sollte. Damit begann die bis heute fortdauernde Diskussion um die Einführung des islamischen Rechts in Pakistan. Mittlerweile gilt die ,,Schari'a" als Landesrecht und der Islam ist zur Staatsreligion proklamiert worden. Zu welchen Konsequenzen dies führen kann, mußte die Ahmadiyya sehr drastisch erfahren. Sie wurde im September 1974 vom Parlament aus dem Islam ausgeschlossen.
Dieses Beispiel sollte uns daran erinnern, daß der Islam gar keine Amtskirche kennt, die über die Zugehörigkeit eines Gläubigen zum Islam befinden kann. Am wenigsten ist ein weltliches Parlament dazu berechtigt. Aber der einmal eingeschlagene Weg, der übrigens vom Premierminister Zulfikar Ali Bhutto unter dem Druck der Islamisten gewählt wurde, dürfte zu weiteren drastischen Konsequenzen führen. Khomeinis Bann gegen den Autor Salman Rushdie oder die Todesdrohungen seitens der Islamisten in Bangladesch gegen die Autorin Taslima Nasrin reihen sich in diese Kette. Der Islamismus, nicht aber der Islam, ist unerbittlich und intolerant gegenüber jedem, der es wagt, ihm zu widersprechen. Für Andersdenkende gibt es keinen Platz in seinem Reich. Die blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Sunniten und Schiiten in Pakistan geben einen Vorgeschmack auf das, was kommen würde, wenn die Islamisten im Staat das Heft in die Hand bekämen. Der Pluralismus ist es jedenfalls nicht, den die Islamisten zu verwirklichen suchen.
Sie geben zwar an, daß es in dem von ihnen angestrebten islamischen Staat Platz für alle, auch für Nichtmuslime geben wird. Sie werden allerdings von den Schlüsselpositionen ausgeschlossen sein. Im übrigen wird es den Frauen nicht viel besser ergehen als Nichtmuslimen. Es herrscht zwar keine Einigkeit unter den Islamisten, welche Stellung die Frauen in einem islamischen Staat einnehmen dürfen. Aber soviel steht bereits jetzt fest, daß sie keine Führungsposition übernehmen dürfen. Maududi versteht darunter Ministerposten, und in Iran hat man die Frauen vom Richteramt ausgeschlossen. Dort allerdings dürfen Frauen ins Parlament gewählt werden, obwohl keine von ihnen es bisher zu Ministerehren gebracht hat. In Pakistan, wo Frau Benazir Bhutto zweimal das Premierministeramt bekleidete, gibt es Islamisten, die strikt dagegen sind, daß die Frauen im Parlament sitzen oder gar den Männern Rededuelle liefern dürfen. Eigentlich gibt es keine Einigkeit darüber, ob und welche Art der Demokratie es in einem islamischen Staat geben darf.
DIE ,,THEODEMOKATIE"
Die westliche Demokratie wird von den Islamisten kategorisch abgelehnt, weil sie ihrer Meinung nach die Nation spalten würde. Qaddafi nennt sie ,,Diktatur einer relativen Mehrheit", die gegen den Willen der Minderheit regiert. Die Islamisten stellen die Einheit der Umma, womit die Gesamtheit der Gläubigen gemeint ist, über alles andere. Die Einheit der Umma darf nicht gespalten werden, weshalb man keine Opposition zulassen möchte. Dies läuft auf einen Einparteistaat hinaus, wo es außer der Regierungspartei keine andere politische Partei geben darf. Es liegt auf der Hand, daß dieser Staat als Diktatur enden muß, wie man dies von den osteuropäischen kommunistischen Staaten kennt. Dort herrschte ja bekanntlich die ,,Diktatur der Arbeiterklasse". Es fanden zwar Parlamentswahlen statt, und es gab eine ,,sozialistische Demokratie" aber sie hatte mit der wirklichen Demokratie nichts gemeinsam. Ähnlich hat sich in Iran die ,,islamische Demokratie" entwickelt. Dort gab es ursprünglich eine Regierungspartei, die in zwei Lager gespalten war. Sie wurde noch vor Khomeinis Tod auf Antrag der Parteioberen aufgelöst. Die Theoretiker des "islamischen Staates" lehnen sogar die Gründung einer politischen Partei per se ab. Aber die islamische Geschichte gibt ihnen nicht recht. Die erste Partei im Islam war diejenige, die sich für Ali als Nachfolger des Propheten Muhammad einsetzte und sich selbst ,,Alis Partei" (Schi'at Ali) nannte. Daraus entstand die Gruppe der Schiiten, die heute die zweitgrößte islamische Glaubensrichtung darstellt.
Den sunnitischen Islamisten gilt die Zeit der ersten vier Nachfolger Muhammads als Musterbeispiel eines "islamischen Staates". Danach verwandelte sich das Kalifat in eine Erbmonarchie, bis es 1924 von der türkischen Nationalversammlung abgeschaftt wurde. Es gab keine Möglichkeit zur Entwicklung demokratischer Institutionen, obwohl der Koran ausdrücklich dazu aufruft, die Angelegenheiten der Umma durch ,,Beratung untereinander" zu regeln. Es ist verwunderlich, warum die Muslime daraus keine Institution entwickelten, die einem Parlament vergleichbar wäre. Muhammad soll einen Beraterstab (im heutigen Jargon "Küchenkabinett") gehabt haben, dessen Mitglieder er selbst ernannte. Bis heute bestehen die Regierungen in Saudi-Arabien und in weiteren Golfstaaten darauf, daß die Mitgliedschaft im Beratungsgremium (Majlis Schura) nicht durch Wahl, sondern lediglich durch Ernennung erworben werden kann. Bis vor wenigen Jahren war man nicht einmal bereit gewesen, solche ernannten Beratungsgremien einzuberufen. Diese Regierungen sind ohnehin in den Augen der Islamisten keine mustergültigen islamischen Regierungen. Aber die Regierungsform, die sie an deren Stelle setzen würden, dürfte alles andere als demokratisch (im Sinne der Repräsentativdemokratie) sein.
Maududi nannte sie ,,Theodemokratie", weil sie Gott als Souverän akzeptiert, wo Sein Gesetz (sprich: Schari‘a) Geltung haben soll. Aber wir wissen, daß das islamische Gesetz (Schari‘a) in mehreren Jahrhunderten von Menschen geschaffen wurde. Es ist daher zeitbedingt und nicht ewig. Ewig mag nur das sein, was im Koran steht. Und im Koran stehen keine Gesetze, sondern lediglich Grundsätze, aus denen man heute sicherlich ganz andere Gesetze schaffen würde, als dies vor eintausenddreihundert Jahren getan wurde. Was man damals als zeitgemäß empfand, zum Beispiel die Todesstrafe, wird heute von vielen als unpassend und barbarisch empfunden. Das Handabhacken für Diebstahl oder die Vollstreckung der Todesstrafe für Ehebruch durch Steinigung mag in biblischen Zeiten keinen Widersrpuch erregt haben, sie sind jedenfalls heute nicht mehr akzeptabel. Zudem muß man wissen, daß ein Souverän nur derjenige sein kann, der nötigenfalls in die Staatsgeschäfte eingreifen und seinen Willen durchsetzen kann. Bekanntlich tut Gott dies nicht. Daher mag man philosophisch darüber trefflich streiten, ob letztendlich doch alle Gewalt von Gott ausgeht oder nicht. Er kann aber den Islamisten nicht als Alibisouverän dienen, hinter dem sie sich verstecken können.
Und genau das tun die Islamisten, wenn sie mit dem Hinweis auf die Schari‘a Gesetze durchsetzen wollen, die in unsere Zeit nicht passen. Dazu zählt die Bestrafung für den Abfall vom Islam (Apostasiegesetz). Dies ist ein Relikt aus der Zeit des Absolutismus, als auch in Europa Menschen auf Geheiß der Amtskirche wegen Apostasie gerädert und gevierteilt wurden. Der Koran spricht dagegen davon, daß es keine Gewalt in Glaubensangelegenheiten geben darf. Dieses Prinzip ist mittlerweile allseits anerkannt. Und wer glaubt, daß man durch Strafandrohung die Menschen davon abhalten kann, emanzipatorischen Bestrebungen nachzugehen und Überlegungen dazu mündlich und schriftlich zu formulieren und zu verbreiten, der irrt sich. Der Autor des Buches ,,Satanische Verse", Salman Rushdie, ist ins Visier der Kritik geraten, weil er sich in beschämender Art und Weise über den Propheten Muhammad und seine Gattinnen lustig macht. Dafür könnte er auch in der Bundesrepublik unter dem Paragraphen 166 des Strafgesetzbuches belangt werden. Die meisten europäischen Staaten erkennen den Tatbestand der Schmähung einer Religion und Glaubensüberzeugung als strafbar an. In England gibt es sogar den Tatbestand der Apostasie, allerdings eingeschränkt auf das Christentum. Im allgemeinen wird aber in Europa heute niemand dafür bestraft, obwohl vom Gesetz her die Möglichkeit dazu gegeben ist. Und die Islamisten wollen nun ausgerechnet in der tolerantesten aller Religionen, also im Bereich des Islam, die Todesstrafe für die Apostasie einführen! Die aus Bangladesch stammende Autorin Taslima Nasrin weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, unbedachte Äußerungen über den Koran oder den Islam zu machen. Sie soll in einem Interview gesagt haben, daß der Koran neugeschrieben werden sollte. Was sie vermutlich damit meinte, war, daß man ihn zeitgemäß interpretieren sollte. Die Islamisten. denen sie wegen ihrer Parteinahme für die Hindus in ihrem Land, die nach der Schleifung der Babarimschee in Ajodhia (Dezember1992) verfolgt worden waren, aufgefallen war, brandmarkten sie als Apostat und forderten ihren Tod. Noch drastischer gehen in Pakistan die Islamisten gegen die Mitglieder der Ahmadiyya vor, denen es zwischenzeitig sogar gesetzlich verboten worden ist, das islamische Vokabular zu verwenden. Wer zum Beispiel trotzdem die islamische Begrüßung ,,as-salam alaikum" (Friede sei mit Dir) benutzt, kann wegen ,,Beleidigung des Propheten zum Tode verurteilt werden. Ein Gummiparagraph im pakistanischen Strafgesetzbuch gibt den religiösen Fanatikern die Möglichkeit, Ahmadis, aber auch Christen nach Belieben anzuzeigen. Hier sei an den Vorgang erinnert, bei dem zwei Christen in Pakistan wegen angeblicher Schmähung des Propheten Muhammad zum Tode verurteilt wurden. Sie wurden später auf politischen Druck aus dem Ausland freigesprochen und konnten in der Bundesrepublik Deutschland Asyl finden. Der Vorgang kann sich aber jeden Tag wiederholen, weil die Anzeige eines Muslims dazu ausreicht, auch ohne Beweismittel jemanden dem Henker auszuliefern. Dies geschah im Falle eines 25 Jahre alten Katholiken Ayub Massih, der im April 1998 in Sahiwal zum Tode verurteilt wurde, nachdem ihn ein Nachbar beschuldigt hatte, Salman Rushdie verteidigt und damit dem Islam beleidigt zu haben. Als die Proteste der Christen Pakistans dagegen nichts ausrichten konnten, beging der Präsident der Caritas in Pakistan, Bischof John Josepf von Faisalabad, am 6. Mai 1998 auf dem Gelände des Gerichts öffentlich Selbstmord. Er hoffte dadurch einen Meinungswandel in Pakistan herbeiführen zu können. Seine drastische Tat gegen sich selbst hat zwar unter den Intellektuellen des Landes eine Diskussion in Gang gesetzt, die darüber sehr beunruhigt sind, und das Blasphemiegesetz aus der Welt geschafft sehen wollen, aber ansonsten ist eine Wirkung auf die Regierung und die Justiz ausgeblieben. Hunderte von Ahmadis sind in Pakistan schon dafür angeklagt worden, daß sie das Glaubensbekenntnis - Es gibt keinen Gott außer Allah und Muhammad ist Sein Prophet - in ihren Häusern und Läden sichtbar geschrieben und auch vor anderen ausgesprochen haben. Die Begründung ist, daß die Ahmadis damit nicht den Propheten Muhammad meinen, sondern den Begründer ihrer Bewegung. Die Beteuerungen der Ahmadis, die das Gegenteil behaupten, werden einfach ignoriert.
Wenn man diesen Sachverhalt genauer untersucht, kommt man zu dem Ergebnis, daß sich dahinter merkwürdige Vorstellungen verbergen. Zum Beispiel ist nach Meinung der Islamisten ein Muslim als Zeuge glaubwürdiger als ein Nichtmuslim. Das würde heißen, daß ein Muslim immer die Wahrheit sagt, wogegen dem Zeugnis eines Nichtmuslims nicht zu trauen ist. Anders und drastischer ausgedrückt ist der Nichtmuslim immer ein Lügner. Interessanterweise ist nicht nur der Nichtmuslim als Zeuge vor Gericht minderwertig, dies gilt auch für die Muslimfrauen. Sie werden lediglich als halbe Zeugen gegenüber einem Mann akzeptiert. Zwei Frauen werden als Zeugen benötigt, um vor Gericht als ein vollwertiger Zeuge angehört zu werden. Nach dem in Pakistan seit 1984 geltenden islamischen Zeugenrecht dürfte die ehemalige Premierministerin, Frau Benazir Bhutto, vor dem Gericht nur als halbe Zeugin zugelassen werden. Sie konnte zwar während ihrer Regierungszeit Staatsverträge im Namen der pakistanischen Regierung abschließen, darf aber vor Gericht nicht als vollwertige Zeugin auftreten.
Diese Merkwürdigkeiten kommen dadurch zustande, weil die Islamisten rückwärtsgerichtet sind. Sie glauben fest daran, daß die Menschheit seit Muhammads Zeiten keinen Schritt vorwärts getan hat. Es fällt einem schwer, zu glauben, daß die Islamisten. von denen viele im Westen ausgebildet wurden, nicht begreifen, daß man das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen kann. Dies gilt insbesondere für Menschenrechte, die vom Islam durchaus hochgehalten werden, aber in den Augen von Islamisten nicht in jedem Fall sakrosankt sind. Sie machen Unterschiede zwischen Männern und Frauen, zwischen Muslimen und Nichtmuslimen. Dagegen spricht der Koran von der Gleichheit der Geschlechter vor Gott. Ebenso steht nirgends geschrieben, daß ein loyaler Bürger nichtmuslimischen Glaubens in einem islamischen Staat weniger gelten soll als ein Muslim. Die von vielen als diskriminierend empfundene Kriegssteuer (Jizya), die ein nichtmuslimischer Staatsbürger zu entrichten hatte, war nicht mehr und nicht weniger eine Ersatzsteuer für den Kriegsdienst, zu dem jeder wehrtüchtige muslimische männliche Staatsbürger verpflichtet war, von dem aber sich die Nichtmuslime befreien lassen konnten, wenn sie die genannte Steuer entrichteten. Es stand ihnen frei, sich zum Kriegsdienst zu melden. Man ging aber davon aus, daß ein Nichtmuslim dazu nicht verpflichtet war, den islamischen Staat zu verteidigen. Ein Muslim konnte sich vom Kriegsdienst nicht befreien lassen, weder durch Geldzahlung noch durch Übernahme anderer Ersatzdienste. Er mußte einen Großteil seiner Jugend fern vom Heimatort an der Grenze verbringen, wo er häufig in kriegerisches Geschehen verwickelt wurde. Wenn er nach Jahrzehnten in seinen Heimatort zurückkehrte, stellte er häufig fest, daß seine nichtmuslimischen Mitbürger, die dank seines Einsatzes für das Vaterland ihr Leben in Frieden und Freiheit verbracht hatten, es zum Wohlstand gebracht hatten. Sie konnten in aller Ruhe ihren Geschäften nachgehen, wogegen der muslimische Soldat sich und seine Familie mit dem kargen Soldatensold ernähren mußte.
Diese Anomalie hatte auch einen weiteren Grund, der von den Wirtschaftshistorikern festgehalten wurde. Den Muslimen waren Zinsgeschäfte verboten, wogegen die Christen und Juden sie frei tätigen durften. Die Konsequenz war, daß die muslimische Geschäftswelt die Dienste der Nichtmuslime in Anspruch nehmen mußte. Sie waren sozusagen die Geldverleiher und Bankiers, die weitestgehend die Wirtschaft des Landes beherrschten. Die Islamisten schwören auf das Zinsverbot und bauen ihr gesamtes Wirtschaftssystem auf dieses eine Prinzip auf. Sie verkennen dabei, daß das koranische Verbot nicht den heutigen üblichen Bankzinsen galt, sondern dem Wucherzins (Riba), der zu Lebzeiten des Propheten Muhammad in Arabien üblich war. Die Zinssätze betrugen damals hundert Prozent und mehr, während die Laufzeit für Kredite sich auf wenige Wochen oder Monate erstreckte. Wenn am Zahltag die fälligen Zinsen samt dem entliehenen Grundbetrag nicht in einer Summe zurückgezahlt werden konnte, wurde die Schuldsumme verdoppelt. Diese mörderische Praxis war es, die der Koran unterbinden wollte, und nicht die heutigen Bankzinsen. In diesem Sinne sprach kürzlich Ägyptens Mufti Hussein Tantawi, als er die gängigen Bankzinsen für zulässig erklärte.
Überall dort, wo in den islamischen Ländern die Bankzinsen abgeschafft wurden, hat man ein künstliches Konstrukt geschaffen, um von den Zinsgeschäften wegzukommen. Herausgekommen ist allerdings eine nicht sehr überzeugende Praxis. Dem Bankkunden wird zwar kein Zins für seine Depositen gutgeschrieben, dafür erhält er eine Gewinnbeteiligung, die merkwürdigerweise genauso wie die Zinsen von vornherein feststeht. Es wird lediglich das Wort ,,Zins" durch das Wort ,,Gewinn" ersetzt. Im umgekehrten Fall, wenn der Bankkunde einen Kredit bei der Bank beantragt, zum Betspiel zum Bau eines Hauses, erhebt die Bank ,,Bearbeitungsgebühren" und vermeidet das Wort "Zinsen". Die Bearbeitungsgebühr entspricht in der Regel Zinssätzen, zu denen kaum jemand in Deutschland ein Haus bauen würde. In einem Fall ließ ich mir die ,,Bearbeitungsgebühr" für ein Darlehen von einer Bank in Saudi-Arabien ausrechnen und war erstaunt, daß sie 14 Prozent pro Jahr ausmachte. Diese Praxis dürfte den Islamisten nicht gefallen. aber eine Alternative dazu ist bisher jedenfalls von ihnen nicht vorgelegt worden.
Der Fundamentalismus ist bestrebt, im sozialen Bereich eine Alternative zu der gegenwärtigen Misere zu präsentieren. Darin liegt offensichtlich seine Stärke, wie die effektive Sozialarbeit der Islamisten in Algerien, Palästina und in einigen anderen Ländern gezeigt hat. Auch unter den Muslimen in Europa sind die Islamisten diejenigen, die sich am stärksten um die sozialen Belange der Muslimgemeinden kümmern. In Frankreich haben sie es fertiggebracht, daß in den Orten mit starker muslimischer Bevölkerung aus den Maghrebstaaten die Drogenkriminalität zurückgegangen ist. Es ist sicherlich nicht falsch, wenn der Fundamentalismus von sich behauptet, daß er auf diesem Gebiet einen positiven Beitrag leisten kann. Vor allen Dingen ist seine Botschaft an diejenigen gerichtet, die auf dem besten Weg sind, alle Hoffnungen zu verlieren. Die ,,No-Future-Generation" braucht Ideale und Vorbilder, an denen sie sich orientieren kann. Mir ist es lieber. wenn diese Ideale aus einer Zeit stammen, als der Mensch und nicht der Profit im Mittelpunkt stand. So gesehen kann der rückwärtsgerichtete Fundamentalist für die Gesellschaft bisweilen von Nutzen sein, vorausgesetzt, er geht mit der Zeit und versucht nicht, die Uhren zurückzudrehen. Eine Feindschaft zur Technologie kann nicht die Antwort auf ihren Mißbrauch sein. Umgekehrt macht die Technologie allein die Menschen nicht glücklich. Die Technologiegläubigkeit ist in der Bildungsschicht unter den Muslimen ebenso verbreitet wie in Europa. Interessanterweise gibt es unter den Islamisten viele auch nach hiesigem Kriterium hochgebildete Personen, die zum Teil in Europa und den USA Naturwissenschaften studiert haben.
MISTRAUEN IN DIE VOM WESTEN ÜBERNOMMENEN INSTITUTIONEN DES STAATES
Man muß die Frage stellen, warum gerade diese Personen sich von der Moderne abwenden. Insbesondere fällt auf, daß sie kein Vertrauen in die vom Westen übernommenen Institutionen des Staates haben. Im Grunde sind es nicht die Institutionen, die sie bekämpfen, sondern deren Mißbrauch. Wenn die politischen Parteien mit falschen Versprechungen um die Gunst der Wähler buhlen, die Politiker nur persönliches Wohlergehen vor Augen haben und die Parlamente von den Regierenden manipuliert werden, um die eigene Herrschaft zu sichern, soll man sich darüber nicht wundern, wenn sich das Volk angewidert von ihnen abwendet. Die parlamentarische Demokratie hat in den meisten islamischen Ländern versagt, nicht weil sie ,,unislamisch" war, sondern weil sie von der selbstsüchtigen Elite für eigene Zwecke mißbraucht wurde. Die Korruption ist dort allgegenwärtig, und die Institutionen des Staates fördern sie nach Kräften, statt sie zu bekämpfen. In dieser Lage sind es die Islamisten, die das Volk mit einfachen Losungen zu ködern versuchen. Sie treten als Heilsbringer auf und versprechen, daß sie die Misere, in der die meisten islamischen Länder stecken, schnell und wirkungsvoll bekämpfen können.
Der Islamismus hat bisher mit Ausnahme von Iran, dem Sudan und Afghanistan noch keine Erfahrungen beim Regieren sammeln können. Iran stellt insofern einen Sonderfalt dar, als dort die schiitischen Kleriker herrschen, die eine Klasse für sich sind. Sie sind gut organisiert und genossen bereits vor der Revolution von 1979 Respekt und Ansehen beim Volk. Vieles davon haben sie mittlerweile verspielt. Sie waren im Regieren ungeübt, aber dies kann nicht als Entschuldigung dafür gelten, daß der Krieg gegen den Irak acht Jahre dauern mußte, wo er doch bereits in wenigen Monaten hätte beendet werden können. Die Geiselnahme des Personals der US-Botschaft trug zur Isolierung Irans bei. Die Wirtschaftspolitik hat versagt, und die Kluft zwischen den Regierenden und Regierten ist gewachsen, statt sich zu verringern. Es wurde eine Verfassung proklamiert, die widersprüchlich und inoperabel ist. Die ,,Herrschaft des Gottesgelehrten" ist anachronistisch, weil sie einem Menschen Rechte zuerkennt, die dem demokratischen Prinzip abträglich sind, zumal die Regierungsform in Iran als eine ,,islamische Demokratie" bezeichnet wird. In diesem Fall wird dem geistigen Führer eine Position zuerkannt, die ihn über die Verfassung stellt. Er kann die Entscheidungen des Parlaments (Madschlis), die ohnehin von einem ,,Verfassungswächterrat" gebilligt werden müssen, zurückweisen. Seit der Gründung der Islamischen Republik Iran haben bisher fünfmal Parlamentswahlen stattgefunden aber sie waren alles andere als demokratisch. Die Kandidaten wurden vor der Wahl gesiebt, um sicherzustellen, daß keine unliebsamen Personen daran teilnehmen können. Nach der Wahl fand eine zweite ,,Säuberung" statt. Abgesehen von den freimütig gehaltenen Reden im Parlament hat sich dieses Gremium als ineffektiv erwiesen, wo jahrelang Gesetzesvorlagen hin und her geschoben werden. Was an diesem Gremium ,,islamisch" sein soll, ist unergründlich. Es ist zweifelhaft, daß die iranisch-islamische Demokratie eine Alternative zum westlichen Parlamentarismus darstellt. Ohnehin wird Iran von den Sunniten. die über neunzig Prozent der Muslime bilden, als Vorbild eines "islamischen Staates" abgelehnt. Die verschiedenen Versuche Khomeinis, sich als Führer der islamischen Welt aufzuspielen, konnten daran nichts ändern. Mit seinem Bann gegen Salman Rushdie hat er dem Ansehen des Islams mehr geschadet als genutzt. Als Erbe hat er eine ,,Islamische Republik" hinterlassen, die von den Islamisten nicht als Idealfall angesehen wird.
Noch weniger kann der Sudan für sich in Anspruch nehmen, der Idealfall eines "islamischen Staates" zu sein. Die Islamisten wurden zu Komplizen der Miltärjunta, die einen mörderischen Krieg gegen den christlichen und animistischen Südsudan führt. Aber von einer Islamisierung des Staates kann keine Rede sein. Die Islamisten sind zwar nicht ohne Anhängerschaft im Volk, aber sie gelangten nicht durch Wahlen an die Macht. Dies hätten die Islamisten in Algerien fast geschafft, wenn dort der politische Prozeß durch die Armee nicht unterbrochen worden wäre. Sie waren bereits 1990 aus den Kommunalwahlen als Sieger hervorgegangen und hatten bei den Parlamentswahlen im Dezember 1991 im ersten Wahlgang die Mehrheit der Sitze gewonnen. Der zweite Wahlgang wurde vom Staatsrat, der an die Stelle des Staatspräsidenten Bendjadid nach seiner Demissionierung getreten war, wohl auch auf Druck aus dem Ausland, insbesondere aus Frankreich, abgesagt. Hier gab es für eine islamistische Partei die seltene Gelegenheit, die Macht im Staate zu übernehmen. und zwar als Wahlsieger. Seither herrschten in Algerien der Notstand und Bürgerkrieg. Es wird dort, aber auch im Westen darüber diskutiert, ob der Staatsrat, der die Macht quasi durch einen Putsch übernommen hatte, dazu berechtigt war, den demokratischen Prozeß gewaltsam zu beenden, Wurde vielleicht dadurch die einmalige Chance vertan, die Absichten der Islamisten zu testen? Es hätte natürlich genauso schiefgehen können, wie im Falle des Wahlsieges der NSDAP 1933 in Deutschland, als die Nazis die Demokratie abschafften. Theoretisch aber bestand die Chance, daß die FIS (Front lslamique du Salut) einen anderen Weg gewählt hätte, denn auch sie gibt vor, daß der von ihr zu gründende ,,islamische Staat" ein demokratischer Staat sein wird.
Zyniker unter den Beobachtern der politischen Szene in der islamischen Welt meinen daß die Islamisten solange Anhänger finden werden, wie sie die Regierungsverantwortung nicht übernommen und bei der Lösung der enormen Probleme versagt haben, die sich den Ländern stellen. Erst wenn dieser Fall eingetreten ist, wird ihre Heilsbotschaft die Anziehungskraft verlieren. und die Menschen werden anfangen, ihre Parolen kritischer zu betrachten. Eine unerprobte Staatsideologie ist gefährlich, weil sie Phantasien anregt. Erst die Anwendung ihrer Prinzipien zeigt, ob und inwieweit sie praktisch auch durchführbar und nützlich sind.
Die Vorgänge in Afghanistan, wo die islamistischen Taleban die Regierungsgewalt übernahmen aber versagten, haben unter den Islamisten Ernüchterung hervorgerufen. Auch sie meinen nachträglich, daß die Taleban zu primitiv waren, um einen "islamischen Staat" zu führen. Die Behandlung der Frauen war jedenfalls nicht so, wie Maududi und andere Theoretiker des "islamischen Staates" sich vorgestellt hatten. Der Taleban-Staat hatte ehr tribale als islamische Grundzüge, weshalb er zum Scheitern verdammt war.
(Zuerst erschienen in: Fundamentalismus contra Weltfriede?
Herausgegeben von Günter Gehl im Auftrag der Katholischen Akademie
Trier, Weimar: Dadder 1996.)