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Feste in Pakistan

Von Munir D. Ahmed


Pakistan verließ ich im Oktober 1960, also genau vor 43 Jahren. Abgesehen von den kurzen Besuchen alle paar Jahre, habe ich dort nicht mehr längere Zeit verbracht. Nun, wo ich über die Feste in diesem Land schreiben soll, kommen mir Bilder aus mei­ ner Kindheit vor Augen. Etwa die eines Knaben, auf den an den Festtagen die ganze Familie ungeduldig vor der Haustür wartet und ihn zur Eile ermahnt, da man sonst den Gottesdienst versäumen würde. Der Knabe ist unterdessen unglücklich über die neuen Schuhe, die beim Gehen quietschen und damit verraten, daß sie neu sind. Auch sein Hemd und seine Hosen sind neu, und er mag sich nicht so auf der Straße zeigen. Er möchte viel lieber die al­ten Sachen anziehen. Die Eltern aber erlau­ben es ihm nicht, weil es seit alters her Sitte ist, daß  man an den Festtagen neu gekleidet wird.

Dies gilt für die beiden religiösen Haupt­ feste: am Ende des Fastenmonats und zum Abschluß der Pilgerfahrt nach Mekka. Das erste Fest steht ganz und gar im Zeichen der Süßigkeiten, weshalb es in der Türkei, wo es wie überall in der islamischen Welt gefeiert wird, Seker Bayrami (Zuckerfest) genannt wird. An diesem Tag werden bereits beim Frühstück Süßspeisen serviert. Die raffi­nierten Gerichte, für deren Zubereitung die Hausfrauen die halbe Nacht aufbleiben, werden an Nachbarn und Verwandte als Festtagsgrüße geschickt, die ebenfalls in gleicher Weise sich revanchieren.

Das zweite Fest Id al-Adha (Opferfest) soll an Abrahams fromme Tat erinnern, als er auf Gottes Geheiß seinen Sohn Ismael   die  Bibel spricht von Is-hak) opfern wollte. Durch ein Wunder wurde der Sohn durch eine Ziege ersetzt. Von da an galt das Tier­opfer anstelle des Menschenopfers, das früher auch bei den Semiten üblich gewe­sen war. Auch an diesem Tag findet ein Gottesdienst statt, dem die Tieropfer folgen.

Im Dorf, wo unsere weitverzweigte Sippe lebt, gab es eine interessante Sitte. Nach dem Gottesdienst, der früh am Morgen ge­wöhnlich außerhalb des Dorfes stattfand und an dem nur Männer und Knaben teil­nahmen, besuchte die Großfamilie gemeinsam das erste auf dem Weg gelegene Haus aus der Verwandtschaft und wurde dort bewirtet. Die Gastgeber begrüßten je­den, schüttelten   jedem die Hand, umarm­ten ihre Gäste, auch diejenigen, mit denen sie sich im Laufe des Jahres erzürnt hatten. Damit wurden die Streitigkeiten beigelegt und man trank und aß gemeinsam. Man blieb aber nicht lange in einem Haus, sondern brach bald zum nächsten Haus auf, um auch dort kurz zu verweilen und alles zu vergeben und zu vergessen, was gewesen war. Da die Familie sehr zahlreich war und es galt, alle Häuser zu besuchen, dauerte diese Prozedur natürlich sehr lange, bis­ weilen bis zum späte Nachmittag.

In der Stadt ist das Leben anders und die Verwandtschaft sowie Freunde leben nicht immer in den gleichen Stadtteilen. Trotz­dem sind die gegenseitigen Besuche gerade an den Festtagen die Regel. Die pakistani­schen Feste sind keine strikten Kleinfami­lienfeste, wie hierzulande das Weihnachts­fest verstanden wird. Man feiert dort ge­meinsam mit Freunden, Verwandten und Nachbarn.

Man beschenkt sich gegenseitig. Aber zu meiner Kinderzeit gab es nicht den Zwang dazu, den es, wie ich höre, heute generell ge­ben soll. Wir kannten kaum fabrikmäßig hergestelltes Spielzeug. Man kaufte viel­ mehr aus gebranntem Ton gemachte Tierfiguren und primitive Musikinstrumente, die von den Zigeunern (dort heißen sie Dum, woraus durch Lautverschiebung die Bezeichnung Roma entstanden ist) feilgebo­ten wurden. Als Entgelt für ihre Ware nah­men sie meisten Naturalien.

In den Städten gibt es Jahrmärkte an den Festtagen, wo die Kinder ihr Taschengeld, das sie reichlich von den Eltern und der übrigen Verwandtschaft bekommen, aus­zugeben pflegen. Die Kinos zeigen die neuesten Filme, die meistens extra zu den Festtagen herauskommen, wie in der BRD die neuen Bücher zur Buchmesse in Frankfurt zu erscheinen pflegen. Viele Familien machen Ausflüge zu den Sehenswürdigkeiten oder sie fahren ins Grüne.

Die Festtage sind auch in Pakistan mitt­lerweile kommerzialisiert. Bereits Wochen zuvor ziehen Familien, insbesondere die Frauen, durch die Geschäftsstraßen und kaufen die Verkaufsstände leer. Es herrscht in den Städten eine Stimmung, wie in Eu­ropa vor Weihnachten, nur weniger pom­pös, dafür ist sie farbenfroher und ausge­lassener. Gekauft werden meistens Schmuck, Kleider und Schuhe. Es herrscht überall Gedränge. Vor dem Opferfest ist es besonders eng in den Straßen, weil Händler die Opfertiere dorthin bringen, um sie an den Mann oder an die Frau zu bringen. Etwa so, wie vor Weihnachten die Weihnachtsbäume in Deutschland an den Stra­ßen zum Verkauf aufgestellt werden.

Feste gibt es in Pakistan viele. Aber nur die oben beschriebenen sind mit dem Weih­nachtsfest vergleichbar. Muhammads Ge­burtstag wird zwar auch gefeiert, aber eher als eine religiöse Erbauungsveranstaltung mit vielen klerikalen Reden, die häufig die ganze Nacht andauern und von den Laut­sprechern in der ganzen Stadt ausgetragen werden. Alle anderen Feste, wie etwa Mela Tscharagan in Lahore, an dem die Stadt festlich geschmückt und nachts mit Kerzen und Öllampen illuminiert wird, oder Feste zu Ehren von Sufi-Heiligen, die sehr ausgelassen, bisweilen ausschweifig gefeiert wer­den, sind Lokalfeste. Als Volksfest gilt der Unabhängigkeitstag (14. August), dessen Gestaltung in behördlicher Hand liegt. Es gibt Militärparaden, Musikveranstaltung­en und Sportwettbewerbe.

Pakistan ist ein Land mit zehntausend Heiligengräbern (eher eine Unter- als Übertreibung) und jedes der Gräber hat ei­gene Urs-Feste. Interessanterweise bedeu­tet das Wort Urs Hochzeit. Also man feiert die Hochzeit des dort begrabenen Heili­gen. Den Ursprung dieses Festes kennt heute kaum jemand. Wie bei vielen Din­gen, die später religiöse Sanktionierung erlangt haben, gab es in diesem Fall eine ganz banale Geschichte. Im Mittelalter wurde bei einem Gefecht der Neffe eines Muslim­heerführers siebzehnjährig getötet und in einer repräsentativen Grabstätte beige­setzt. Die Menschen feierten ihn später als einen Heiligen. Da er unverheiratet gestor­ben war, kam man auf die Idee, ihn mit einer ebenfalls unverheiratet verstorbenen Jungfrau zu vermählen. Man vereinbarte mit den Verwandten der toten Jungfrau ei­nen Hochzeitstermin, an dem eine Hoch­zeitsprozession vom Grab des jungen Hei­ligen zum Grab der Jungfrau geführt wurde. Dort wurde in üblicher Art und Weise die Ehe geschlossen und die Braut symbolisch ins Heim des Ehemannes ge­führt. Diese Feierlichkeit wird dort jedes Jahr wiederholt.

Die Urs-Feierlichkeiten an den Heiligengräbern stellen eine Mischung aus Volksreligiosität und Geschäftssinn dar. Men­schen pilgern dorthin und legen lange Strecken zu Fuß zurück. Sie führen Fahnen und Opfergaben mit sich und werden von Musikanten und Schaustellern begleitet. In meiner Kindheit sah ich in Rawalpindi je­des Jahr solche Prozessionen auf dem Weg zu nahe gelegenen Ort Schahpur Saiyedan, wo die letzte Ruhestätte des bekannten Heiligen Barri Imam lag. Manche Prozessionen benötigen wochenlange Fußmärsche. Die prunkvollste Prozession stammte aus Peschawar und wurde von den dortigen Dirnen finanziert. Überhaupt galt Barri Imam als Beschützer der singenden und tanzenden Dirnen. Diese zählen sich selbst zu den Künstlern und nicht zum Gewerbe der Prostitution zugehörig. Sie kamen zu Hunderten zu ihrem Schutzpatron und zo­gen damit tausende Verehrer und Schaulu­stige nach sich. In Schahpur Saiyedan fand also jedes Jahr die größte Orgie des Landes statt. Es wurde dort gehascht und getrunken, vor allen Dingen trank man einen Trunk aus Bhang , der bei den Fakiren und Mystikern sehr beliebt ist. Generell be­herrschten die Gesang- und Tanzsitzungen die Feierlichkeiten. Es war ein Freudenfest, das in Pakistan seinesgleichen sucht.

Spiele, insbesondere die Glücksspiele, fehlten dabei natürlich nicht. Es gab aber auch Pferdekutschenrennen, dem ganz Ra­walpindi entgegen fieberte. Die erfolgreichste Stute meiner Kindheit war Samandari, die unserem Nachbarn gehörte. Sie war keine gewöhnliche Pferdekut- schenstute, die täglich schwer zu schuften hatte. Sie lebte wie eine Prinzessin und wurde gehegt und gepflegt. Nachmittags wurde sie eingespannt, um die Besitzerfa­milie und gelegentlich uns Nachbarskinder zu einem Spaziergang zu führen. Sie gewann fünf Jahre hindurch die jährlichen Rennen und brachte hohe Preissummen und Wetteinnahmen ein. Die Rennstrecke führte von Rawalpindi zum ca. 15 Kilome­ter entfernten Ort des Heiligen.

Bei anderen bekannten Urs-Feierlichkeiten ist es nicht viel anders. Das Grabmal des Heiligen wird mit parfümiertem Was­ser gewaschen und mit einem bestickten und mit Koranversen verzierten Tuch be­deckt. Diese Zeremonie wird zunehmend von den Regierenden durchgeführt, um ihre Frömmigkeit und Volksnähe zu de­monstrieren. Anschließend lassen sich die Herren Minister von den Nachfahren des Heiligen einen Turban auf ihr Haupt legen als Zeichen für die Weihe in dem betreffenden Mystikerorden. Diese Maskerade, die der frühere Premierminister Bhutto sehr liebte, bringt für das jubelnde und mitfeiernde Volk auch gelegentlich etwas Gutes. Gerade heute habe ich in einer pakistani­schen Zeitung gelesen, daß es Anfang Ok­tober bei den Urs-Feierlichkeiten des My­stikers Data-Gandsch-Bachsch in Labore Freimilch für jederman gab. Die Rechnung bezahlte der Ministerpräsident Nawaz Scharif, der bei den Wahlen kandidiert.

Ganz anders geartet sind die Feste der Bauern. Sie finden meistens in der Zeit statt, wenn die Ernte bereits eingefahren ist und den Bauern zum Feiern zumute ist. Die Standorte solcher Feste sind von alters her bestimmt, nicht selten in der Nähe von ir­gendwelchen Mystikergräbern. Die Feste sind fast immer mit Tiermärkten gekoppelt, wo die Bauern Tiere kaufen und verkaufen, oder ganz einfach ihre Prachtbul­len zur Schaustellen. Häufig sind dort Tierkämpfe an der Tagesordnung und die Bauern verwetten ihr schwerverdientes Geld. Aber es gibt auch sportliche Wettkämpfe. Insbesondere die sehr elegante und bodenständige Sportart Kabaddi , an der zwei Teams teilnehmen, aber jeweils einzelne Spieler aus jeder Mannschaft mit­einander ihre Kräfte messen, lockt Zu­schauer von nah und fern. Nicht selten ge­raten bei den Festen Bauern miteinander in Streitigkeiten, die dann mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln ausgetragen werden. Solche Streitereien arten gelegent­lich in regelrechte Fehden aus, die jahre­lang bei den nachfolgenden Festen zu Tät­lichkeiten führen.

Ich habe aber auch ganz andere Seiten des Wettstreits beim Dorffest erlebt. Es handelte sich um eine literarische Fehde zwischen zwei Nachbargemeinden. Sie be­fanden sich seit Jahren in einem Poesiestreit miteinander. Ausgestragen wurde der Streit auf dem Dorffest, wo jede Seite nach­ einander Verse vortrug. Der nachfolgende Vers mußte mit dem letzten Wort des vor­hergehenden gegnerischen Verses begin­nen. Die Kontrahenten konnten stunden­lang Verse klopfen, ohne daß ihnen die Verse ausgingen. Mancheiner, dessen bin ich sicher, hat gelegentlich aus dem Stegreif Verse geschmiedet, um seine Mannschaft vor der Niederlage zu bewahren.

Ebenso habe ich die Schauspiele bewun­dert, die man bei uns Sang (die Kunst des sich Verstellens und Nachmachens) nennt, die als Nachtprogramm bei den Dorffesten aufgeführt wurden. Es waren meistens Volksschauspieler, die allerdings niemals in einer Stadt auf der Bühne gestanden hatten. Sie spielten, um sich und anderen eine Freude zu machen. Niemand schrieb für sie die Stücke, noch war es bei ihnen üblich, sich nach den Anweisungen eines Re­gisseurs zu richten. Manchmal hatte ich den Eindruck, daß sie ohne vorherige Ver­abredung einen Wettkampf miteinander durchführten. Jeder Schauspieler mußte spontan auf die Handlungen und Dialoge seiner Mitspieler reagieren. Eine ganze Nacht saß ich auf dem Dach eines Hauses und schaute dem köstlichen Schauspiel zu, das auf einem Bauernhof vor mehreren hundert Menschen stattfand.

Übrigens ist der 25. Dezember auch in Pakistan ein Feiertag, nicht wegen Weih­nachten, sondern weil an diesem Tag der Gründer Pakistans Muhammad Ali  Jinnah geboren wurde. Pakistanis des christli­chen Glaubens haben selbstverständlich an den Weihnachtsfeiertagen und anderen christlichen Feiertagen dienstfrei. Da­durch genießen sie den anderen Pakistanis gegenüber einen Vorzug, weil sie zusätzlich zu ihren Festtagen auch an den Feiertagen der Muslime freibekommen.

 

Erschienen in: IAF-Informationen. Frankfurt. 4 (1988).

 

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