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Traditionelle Formen der Erziehung in der islamischen Welt

Von Munir D. Ahmed
 
 
Die islamische Kultur hat eine höchst interessante Erziehungstradition geschaffen. Kulturhistorisch gesehen war die Sendung des Propheten Muhammad in mannigfaltiger Weise bemerkenswert. Er wollte sein Volk nicht nur vom Polytheismus zum Monotheismus führen, sondern strebte grundlegende Veränderungen im soziokulturellen Bereich an. Er wollte die Wirtschaft vom Wucherzins reinigen, die Sklaverei beseitigen, den Frauen mehr Rechte verschaffen und den unter den Arabern verbreiteten Rassendünkel austilgen. Nicht weniger bemerkenswert war auch sein Eintreten für das Wissen. Er schärfte seiner Gemeinde ein, stets auf der Suche nach dem Wissen ('ilm) zu sein, und „wenn ihr dazu bis nach China reisen müsst". Der Koran fordert die Muslime immer wieder dazu auf, Wissen zu erlangen. Man hat ausgerechnet, daß ein Achtel des Koran-Textes sich mit diesem Thema befasst.

Mit dem Auftreten des Islam gewann die arabische Schrift, die noch in den Anfängen steckte, eine zentrale Bedeutung. Der Koran verlangte, dass alle finanziellen Transaktionen schriftlich festgehalten werden sollten. Man solle keine Scheu davor haben, die unbedeutendste Kreditsumme aufzuschreiben, noch solle sich derjenige davor drücken, der wegen seiner Beherrschung der Schreibkunst gebeten wird, den Vertrag für die Vertragsparteien aufzuschreiben. Die arabischen Historiker haben die Namen von siebzehn Personen, die zu jener Zeit in Mekka des Schreibens kundig waren, festgehalten. Muhammad gehörte nicht zu ihnen. Als er beim Empfang seiner ersten Offenbarung, die den Anfang des Koran bildet, vom Engel Gabriel aufgefordert wurde: „Lies im Namen Gottes, der dich erschuf", antwortete er, dass er des Lesens nicht mächtig sei. Der Bote Gottes brachte ihm die Verse mündlich bei, die Muhammad später seiner Gemeinde vortrug.

Muhammad war bemüht, den Koran-Text aufschreiben zu lassen, wozu ihm verschiedentlich Skribenten zur Verfügung standen. Viele aus der Urgemeinde lernten den gesamten Koran-Text auswendig. Diese Tatsache sollte uns nicht verwundern, denn die arabische Gesellschaft beherrschte die Kunst des Auswendiglernens seit Urzeiten. Die sehr umfangreiche vorislamische Dichtung und die Texte von berühmten Ansprachen wurden auf diese Weise überliefert. Auch der Koran wird bis zum heutigen Tag von Millionen Muslimen auswendig gelernt, ohne dass dazu eine religiöse Verpflichtung bestünde. Die Überlieferung des Koran-Textes ist sowohl schriftlich als auch mündlich erfolgt.
Für die rasche Verbreitung der Schreibkunst sorgte Muhammad, der selber vom Koran als „ungelernt" (ummi) bezeichnet wird. Als seine Gemeinde nach der Schlacht von Badr Mekkaner gefangen nahm, unter denen sich einige Personen befanden, die des Schreibens kundig waren, bot er ihnen die Freiheit an, wenn sie einigen Leuten aus seiner Gemeinde das Schreiben beibrächten. Den betreffenden Personen wurden jeweils zwölf Kinder zugeordnet.

Vermutlich bereits vor Muhammad entwickelte sich speziell für die Vermittlung der Schreibkunst eine Lehranstalt, die den Namen Kuttab trug. Über den Charakter des Kuttab im frühen Islam besteht unter den Gelehrten bis heute Uneinigkeit. Es dürften zwei unterschiedliche Arten von Kuttab in der früh islamischen Zeit gegeben haben. Die eine war auf die Schreibkunst und Sprache spezialisiert, und in der anderen wurden auch die elementaren Kenntnisse der religiösen Fächer gelehrt. Die arabische Schrift war zu dieser Zeit sehr undifferenziert, weil sich die Schreibweise mehrerer Grapheme zu sehr ähnelte. Die Unterscheidungsmerkmale zwischen den einzelnen Buchstaben, wie die Punkte und andere diakritischen Zeichen, wurden erst später entwickelt. Die Kufi-Schrift kann nur jemand lesen, der die arabische Sprache beherrscht.

Die Elementarsstufe des islamischen Erziehungswesens

Die Lehranstalt Kuttab (später wurde sie auch Maktab genannt) entwickelte sich nach und nach im Gefiige des islamischen Erziehungswesens zu einer Art Elementarstufe, wo den Kindern neben der Schreibkunst weitere Fertigkeiten beigebracht wurden und Fachwissen in verschiedenen Lehrbereichen vermittelt wurde. Im Vordergrund stand die arabische Sprache, deren Beherrschung für jeden unerlässlich war, der seine Studien in den höheren Lehranstalten fortsetzen wollte. Die Beschäftigung mit der Sprache, insbesondere mit der Dichtung, gehörte seit jeher zu den Bildungsidealen der arabischen Gesellschaft. Die Entwicklung der arabischen Philologie stand ursächlich in Zusammenhang mit dem Studium der Dichtung und des Koran. Das heilige Buch des Islam avancierte zur Pflichtlektüre. Wie später näher ausgeführt wird, stand der Koran im Mittelpunkt aller wissenschaftlichen Betätigung in der islamischen Gesellschaft.

Die Lehranstalten Kuttab und Maktab waren aus Privatinitiative entstanden, wie dies auch im Bereich der höheren Erziehung der Fall war. Die Regierungen haben sich kaum jemals dafür verantwortlich gefühlt. Deshalb gab es fast nie kontinuierliche finanzielle Zuwendungen von Seiten der Regierung. Die ersten Schreibstuben entstanden in den Privathäusern von Lehrern. Gelegentlich wurden auch Moscheen dazu verwendet, aber generell gab es eine Abneigung dagegen, weil Kinder die religiöse Atmosphäre der Gebetshäuser störten und auch nicht sehr sauber waren. Es steht außer Zweifel. dass die Lehranstalten dieser Art in der islamischen Welt sehr verbreitet waren. Da aber der Unterricht in den meisten Fällen nicht kostenlos war, muss angenommen werden, dass nur solche Eltern ihre Kinder dorthin zur Ausbildung schickten, die finanziell in der Lage waren, das Unterichtsgeld bar oder in Naturalien zu bezahlen.

Begüterte Eltern engagierten häufig für die Ausbildung ihrer Kinder Privatlehrer, Mu'addib genannt, zu denen eine Reihe namhafter Gelehrter gehörte. In einigen Fällen sind Anweisungen der Väter für die Lehrer ihrer Kinder überliefert, die interessante Einblicke in die Vorstellungen der damaligen Zeit hinsichtlich der Bildung erlauben. Ein Vater empfahl dem Hauslehrer seiner Söhne als erstes, auf sein eigenes Benehmen zu achten, weil die Kinder ihn als Vorbild nehmen würden. Sie würden das mögen. was er mag, und sich von den Sachen zurückhalten, die er meidet. Er forderte ihn auf, seinen Söhnen den Koran zu vermitteln, ohne sie zu langweilen. Danach sollte er sie die Überlieferungen des Propheten (Hadith) und gute Dichtung lehren. Ein anderer wollte, dass der Lehrer seinen Sohn nachdem Koran die Poesie, die überlieferten großen Ansprachen, die Berichte über die berühmten Schlachten, die Kunst der Konversation und die Unterscheidung zwischen gut und Böse lehre. Der Kalif Harun ar-Raschid verlangte, dass der Lehrer seinem Sohn al-Amin den Koran. Geschichte, Poesie und Traditionen des Propheten beibringen. Er solle ihm die Beredsamkeit beibringen und ihn lehren, nur dann zu lachen, wenn es sich ziemt. Er solle nicht zu mild zu ihm sein. Wenn nötig, solle er ihn auch bestrafen. Der Kalif Mu'awiya wollte, dass der Lehrer seinem Sohn als erstes das Schwimmen und erst danach das Schreiben beibringe. Er sagte: Er wird immer jemand im Leben finden, der für ihn schreibt, aber niemand, der für ihn schwimmt."

Die Bedeutung der Erziehung wird unter anderem auch von einem Spruch Muhammads abgeleitet. Er sagte, dass jedes Kind mit einer reinen Seele geboren und erst durch die Erziehung, die ihm seine Eltern angedeihen lassen, zum Christen oder Juden gemacht werde. Kein Wunder daher, dass die Muslime dem neugeborenen Kind den Gebetsruf (Azan) ins eine Ohr und die Formel zur Ankündigung des Gebetsbeginns (Iqama) ins andere flüstern. Die ersten Worte im Leben eines Menschen, erklärt ein moderner muslimischer Autor, haben eine prägende Wirkung auf ihn. Daher sei diese Maßnahme weder unsinnig noch überflüssig.

Überhaupt kommt dem Gebet (Salat) im Islam die zentrale Bedeutung im Hinblick auf Erziehung wie auch in anderer Hinsicht zu. Das Gebet ist eine Reinigungspflicht vorgeschaltet, die genau beachtet werden muss. Die Waschungen sind keine religiösen Rituale, sondern hygienische Anweisungen. Die Kleidung des Betenden, sein Körper, aber auch die Stelle, wo er sein Gebet verrichtet, müssen sauber sein.

Muhammad forderte die Eltern auf. ihre Kinder frühzeitig zum Gebet anzuleiten. Im Aller von sieben Jahren solle man sie dazu anhalten, und im Alter von zehn Jahren sie sogar züchtigen, wenn sie die Gebetsverrichtung vernachlässigen. Hier trifft man auf konkrete Anweisungen, die später bei der  Herausbildung einer islamischen Philosophie der Erziehung eine Rolle spielen sollten.

Die Züchtigung galt als legitim und wurde generell angewendet. Die muslimischen Autoren betonen aber, dass diese Erlaubnis keinesfalls ein Freibrief zum Quälen der Kinder sei.  Eine bis heute gebräuchliche Formel, die die Eltern am Tage der Einschulung ihrer Kinder den künftigen Lehrern gegenüber aussprechen, lautet: "Das Fleisch des Kindes gehört Ihnen, aber seine Knochen sind unser". Gemeint ist die Züchtigungserlaubnis, wobei der Lehrer das Kind nicht derart schlagen darf, dass die Knochen dadurch in Mitleidenschaft gezogen werden.


Die meisten Kinder besuchten den Kuttab im Alter zischen fünf und zehn bis elf Jahren. In vielen Füllen wurden sie vorher zu den Koran-Lehrern geschickt, um den Koran auswendig zu lernen. Im Falle solcher Länder, wo die arabische Sprache eine Fremdsprache war, mussten Kinder die arabische Schrift an Hand des Studiums des Koran lernen. Die Einschulung in die Elementarschule erfolgt vielfach heute noch bei den Muslimen auf dem indischen Subkontinent, nachdem die Kinder den Koran in der Familie oder in der Moschee fertig gelesen haben. Sie sind in dem Alter nicht in der Lage, die Bedeutung der Koran-Verse zu  verstehen, weil der Koran in einer ihnen fremden Sprache geschrieben ist. Aber sie haben zumindest Arabisch lesen gelernt. Und wenn man denjenigen, der lesen kann, den Alphabetisierten zählen würde, dürfte die Zahl der Analphabeten unter den Muslimen in Wirklichkeit viel niedriger sein, als sie gegenwärtig angenommen wird.

Die Lehranstalt Kuttab findet man teilweise heute noch in Tunesien und in einigen weiteren arabischen und afrikanischen Ländern. Zum teil ist sie in das moderne Schulsystem integriert, gelegentlich aber fristet sie ihr Dasein im Verborgenen, manchmal existiert sie unter anderen Namen wie die Zawiya im Sudan. Der bekannte syrischer Dichterer Sulaiman al-'lsa erzählte mir, daß er seine Ausbildung im Kuttab eines nordsyrischen Alawitendorfes begonnen habe. Sein Vater brachte ihn dorthin an dem lag, als er vier Jahre, vier Monate und vier Tage alt wurde. Dies war im Orient seit Jahrhunderten das tradierte Einschulungsalter. Vielfach wird in diesem Alter mit dem Koran-Lesen begonnen, das der Einschulung in einer modernen Elementarschule vorgeschaltet ist.

Das höhere Erziehungswesen in der islamischen Welt

Die Entstehung eines allgemeinen Erziehungswesens lässt sich bis in die Tage des Propheten Muhammad zurückverfolgen. Er unterrichtete seine Gefährten persönlich, wofür er besondere Sitzungen (Majlis) in seiner Moschee einrichtete. Sowohl die Art der Sitzungen als auch der Ort, an dem sie stattfanden, wirkten auf die spätere Entwicklung normierend. Sogar seine Unterrichtsweise, das heißt mündlicher Vortrag, galt für die Weitervermittlung des Wissens als verbindlich. Er interpretierte in seinen Sitzungen den Koran und gab weitere religiöse Anweisungen. Dadurch wurde auch der Lehrstoff gewissermaßen kanonisiert.

Neben dem Koran galten die Überlieferungen des Propheten (Hadith) in frühislamischer Zeit als die Summe der Wissenschaft, weshalb lange Zeit die Bezeichnung Wissenschaft (al-'ilm) fast exklusiv für sie verwendet wurde. Insbesondere die Hadith-Wissenschaft prägte den Charakter des Lehrbetriebes. Muhammads Gefährten hatten teilweise noch zu seinen Lebzeiten mit der Sammlung seiner Sprüche begonnen. Dabei wurde Wert darauf gelegt, die Quelle der jeweiligen Überlieferung festzuhalten. Jeder Übermittler (Rawi) musste seinen Gewährsmann (Schaich) nennen. Diese Übermittlerkette (Isnad) wurde bis zu demjenigen Gefährten Muhammads zurückverfolgt, der selber Augenzeuge der betreffenden Prophetenhandlung gewesen war oder ihn unmittelbar die besagten Worte hatten sprechen hören. es entwickelte sich nach und nach eine eigenständige Wissenschaft, die sich mit der Verifizierung der Überlieferungen befasste. Für den Lehrbetrieb wurde daraus der Grundsatz entnommen, dass der Schüler seinen Lehrstoff unmittelbar vom Lehrer gehört (Sama') haben muss. Nur dann war er befugt, das Gelernte weiterzugeben.

Bereits sehr früh fand eine Kategorisierung der Wissenschaften statt. Die Wissenschaften der alten Völker ('ulum al-awa'il; al- 'ulum al-qadima), zu denen Philosophie, Logik, Geometrie. Alchimie, Astronomie, Musik und Medizin gehörten, etablierten sich getrennt von den islamischen Wissenschaften ((al-'ulum  al-islamiya; al-'ulum al-schar'iyya; al-'ulum al-mutschar'iyya; al-'ulum an-naqliya). Zu den letztgenannten gehörten: Koran, Überlieferungen, Jurisprudenz und Theologie sowie die Hilfswissenschaften: a) arabische Philologie (mit ihren Untergliederungen: Grammatik, Lexikographie, Morphologie, Metrik. Reim, Prosodie; b) arabische Stammesgeschichte; c) arabische Stammesgenealogie.

Die Wissenschaften der alten Völker

Die Ausbildungssituation war bei den beiden Wissenschaftszweigen sehr unterschiedlich. Während der
Lehrbetrieb der islamischen Wissenschaften sich in aller Öffentlichkeit vollzog, mussten die Ausbildungsstätten der Wissenschaften der altenVölker ein Schattendasein führen. Leider wissen wir sehr wenig über die Art und Weise, wie der Unterricht gestaltet wurde. Die Ausbildung der Mediziner fand weitgehend in den Krankenhäusern (Maristan) und Privat Kliniken statt. In der Regel hielten die Lehrer der alten Wissenschaften ihre Unterrichtssitzungen in Privathäusern ab. Möglicherweise wurde auch in den Bibliotheken (Khizanat al-Kutub) und Akademien der Wissenschaften (Bait al-Hikma). von denen es eine ganze Reihe gegeben hat, gelehrt. Hier wird nur eine von ihnen erwähnt. Der Kalif Harun ar-Raschid (786-809) und sein Sohn al-Ma'mun (813-833) gründeten das „Haus des Wissens" (Bait al-Hikma; Khizanat al-Hikma), wo griechische, indische und persische wissenschaftliche Schriften ins Arabische Übersetzt wurden. Dieses Haus war ein astronomisches Observatorium angegliedert, außerdem gab es Wohnungen für die Wissenschaftler. Es bestanden weiterhin Übersetzungsbüros und Spezialbibliotheken, zum Beispiel die Bibliothek des Ministers Sabur (Khizanat as-Sabur) in Bagdad, die 1059 von den fanatischen Klerikalen zerstört wurde.

Wenn man sich die großartige Arbeit vorstellt, die in der islamischen Welt in fast allen naturwissenschaftlichen und philosophischen Disziplinen geleistet wurde, muss man annehmen, dass es für diese Fächer leistungsfähige Ausbildungseinrichtungen gegeben hat. Wir besitzen zwar Informationen über die übersetzten Schriften und auch biographische Notizen über Philosophen, Mediziner und Spezialisten aus vielen anderen Wissenschaftszweigen, aber noch fehlt uns eine detaillierte Geschichte der Naturwissenschaften in der islamischen Welt.

Die Islamischen Wissenschaften

Über den Lehrbetrieb der islamischen Wissenschaften wissen wir ungleich mehr. Die Moschee bildete in Nachahmung des Beispiels Muhammads die natürliche Lehrstätte. Dieser Umstand trug dazu bei, dass der Lehrbetrieb in der islamischen Welt eine weite Verbreitung finden konnte. Die Moscheen stehen über ihre Gebetshausfunktion hinaus für weiteres kommunales Angelegenheilen offen, weil sie nicht geweihte Stätten sind. Davon abgesehen, wurde die Beschäftigung mit den islamischen Wissenschaften als eine religiöse Tat, fast als Gebetsersatz angesehen.

Jahrhundertelang war der Lehrbetrieb in den Moscheen beheimatet. Die Lehrveranstaltungen der einzelnen Lehrer behielten meistens ihre Eigenständigkeit, so dass zwar in einer Moschee verschiedene Lehrer gleichzeitig unterrichteten, die Moschee aber zu keiner zentral verwalteten Lehrinstitution umgewandelt wurde. Häufig entwickelten sich die einzelnen Lehrveranstaltungen zu permanenten Institutionen, die den Namen eines berühmten Lehrers trugen. Man stiftete aber auch Lehrstühle (Kursi), woher die heutige Namensgebung an den westlichen Universitäten stammt. Die Lehrstühle waren buchstäblich Stühle, die zu Ehren hervorragender Gelehrter in den Moscheen aufgestellt wurden. Ein in der Hauptmoschee von Bagdad (Jami' al-Mansur) gestifteter Lehrstuhl war hundertfünfzig Jahre später noch in Betrieb.

Normalerweisc waren die Lehrveranstaltungen jedermann zugänglich. Dies galt insbesondere für das Koran Studium und für die Prophetlenüberlieferungen. Die Zahl der Teilnehmer an solchen Veranstaltungen war unbegrenzt und ging bisweilen in die Tausende. Das Studium dieser Fächer hatte den Charakter von Erwachsenenbildung, für die das islamische Bildungswesen gerühmt wird. In diesem Zusammenhang wird ein Spruch Muhammads zitiert, der besagt: "Suchet das Wissen von der Wiege bis zum Grab". Die islamischen Lehrstätten kannten keine Altersbegrenzung, weder nach unten noch nach oben.

Für die Aufnahme des Studiums gab es fast keine Bedingungen hinsichtlich der Vorbildung, man wurde nicht einmal nach dem Abschluss des Kuttab gefragt. Die Entscheidung darüber, wer an den Lehrveranstaltungen teilnehmen durfte, lag beim Lehrer. Zu den Lehrveranstaltungen waren Anfänger ebenso zugelassen wie Fortgeschrittene. Die Ausnahme bildeten Spezialstudien wie zum Beispiel die Jurisprudenz, für die theologische Vorkenntnisse unerlässlich waren. Die Dauer des Studiums richtete sich nach den persönlichen Bedürfnissen und Fortschritten des einzelnen.

Die Grenze zwischen dem Studium und der Lehrtätigkeit war fließend. Jeder konnte lehren, sofern er Studenten fand, die ihn als Lehrer akzeptierten. Gleichzeitig war es für den Bereffenden möglich.
als Student an den Lehrveranstaltungen anderer Lehrer teilzunehmen. Die Antrittsvorlesung galt fast immer als eine Art Prüfung, bei der die Teilnehmer die Fachkompetenz des Anwärters auf das Lehramt festzustellen trachteten. Lange Zeit gab es gar keine Abschlussprüfungen oder Diplome. Man konnte lediglich die Lizenz. (Ijaza) für jeweils ein bestimmtes Buch erwerben, das der Schüler von seinem Lehrer hörte. Die Lizenz war aber kein Ersatz, für einen akademischen Grad, noch wurde sie im Namen einer Institution ausgegeben. Man kann sie eher dem Seminarschein gleichsetzen, der ja auch lediglich die Teilnahme au einem Kursus oder einer Übung bescheinigt. Sie besaß allerdings den Vorzug, dass ihr Inhaber befugt war, das Buch, wofür er die Erlaubnis besaß, zu lehren. Später gab es zum Beispiel bei der Beendigung des Jurastudiums eine „Lizenz zur Unterrichtsbefähigung der Jurisprudenz" (al-ijaza li't-tadris). Die schiitischen Ausbildungseinrichtungen verleihen den Mujtahid-Grad.

Eine Eigentümlichkeit des islamischen Erziehungswesens war, dass fast alle ernsthaften Studenten auf der Suche nach Wissen (Talab al-'ilm) auf die Reise (Rihla) gingen. Dazu boten ihnen die Pilger- und Handelskarawanen eine gute Gelegenheit. Dies hat sehr zur Vereinheitlichung der islamischen Kultur zwischen Portugal und Spanien im Westen sowie Persien und Transoxanien im Osten beigetragen. Auch die arabische Sprache, die einheitlich Unterrichtssprache war, spielte dabei eine gewichtige Rolle.

In der Fremde wurde meistens für Studenten und Gelehrte durch ihre einheimischen Kollegen und durch Philanthropen gesorgt. Vielleicht waren sie sogar der Grund für die Entstehung von Residenzschulen gewesen. Vielfach lebten die ortsfremden Studenten in den Gasthäusern (Khan. Funduq), die es in den meisten Großstädten, teilweise sogar auf dem Lande und auch dort, wo sich die Wege der Handels- und Pilgerkarawanen kreuzten, gegeben hat. Häufig wohnte man in Fremdenheimen und studierte in den nahe gelegenen Moscheen. Daraus entwickelte sich der Brauch. Studenten in einem Gebäude unterzubringen. Der nächste Schritt, nämlich der Bau von Gebäuden, in denen mau wohnte und auch studierte, lag auf der Hand.

Diese Institution, die den Namen Madrasa (Medrcsse) erhielt, entstand bereits im 10. Jahrhundert in den zentralasiatischen Städten und wurde erst im folgenden Jahrhundert in Bagdad und anderen Städten der islamischen Welt kopiert. Im Jahre 1067 entstanden nur wenige Monate voneinander getrennt zwei solcher Hochschulen in Bagdad. Darunter war die berühmteste aller Medressen, die Nizamiya, deren Erbauer der mächtige Minister Nizam al-Mulk war. Die zweite wurde am Grabmal des Juristen Abu Hanifa gegründet, dessen Rechtsschule heute in der islamischen Welt am weitesten verbreitet ist.

Das Studium in der Moschee ging trotz der Gründung von Medressen weiter. Einige der Moschee-Hochschulen haben ihren Lehrbetrieb bis in unsere Tage aufrechterhalten. Dazu zählen die Moscheen in Nadschaf (Irak), Qom (Iran), Medina und Mekka (Saudi-Arabien), Kairo (Ägypten), Fez (Marokko), Damaskus (Syrien) und eine ganze Reihe weiterer Orte. Trotzdem setzten sich Medrcssen im Allgemeinen durch. Sie genossen große Beliebtheit bei den Fürsten und wohlhabenden Bürgern, die sie als Stiftungen (Wakf) gründeten. In Samarkand standen am Registanplatz gleich vier Medrcssen einander gegenüber, von denen jetzt drei nach Renovierungsarbeiten in alter Pracht wiedererstanden sind und von Millionen Touristen jährlich bewundert werden. Die islamische Welt war einstmals von Spanien bis nach Indien und Transoxanien mit Medressen und anderen Einrichtungen der höheren Bildung überzogen. Allein in Buchara soll es zweihundert Medressen gegeben haben, von denen zwar viele erhalten sind, aber nur in einer (Madrasa Mir-i Arab) wird noch unterrichtet, wovon ich mich anlässlich eines Besuches im Oktober 1987 überzeugen konnte. Neben den Medressen, die ursprünglich für juristische Studien eingerichtet wurden, gab es zahlreiche andere Spezialinstitute für das Studium des Koran (Dar al-Qur'an) und das der Prophetenüberlieferungen (Dar al-Hadith; Dar as-Sunna).

Heute findet man in der islamischen Welt nur noch Überreste dieser glorreichen Tradition. In vielen Ländern wurden die alten Ausbildungseinrichtungen den neuen, aus Europa importierten Schulen geopfert. In wenigen Fällen gelang es den Klerikalen, das Lehrangebot an den alten Schulen zu modernisieren und den neuzeitlichen Bedürfnissen anzupassen. Dadurch entstanden neue Einrichtungen, die teilweise in das heutige Ausbildungswesen integriert sind, so zum Beispiel in Algerien. Marokko. Tunesien und Ägypten. Jüngst geschah dies auch in Iran. In Pakistan wurden die Ausbildungsstätten der Klerikalen den Universitäten angeschlossen oder zu eigenständigen Universitäten ausgebaut.


Litterateur


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Erschienen in: Zeitschrift für Kulturaustausch. Stuttgart. Jg. 38 (September 1988) Nr. 3. S. 332-337



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