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Munir
D. Ahmed
Der
Islam ist bekanntlich neben dem Judentum und dem Christentum die dritte
und zeitlich gesehen am spätestens entstandene semitische Religion.
Seine wichtigsten Glaubensinhalte gleichen sich in Gründzügen niL
denen seiner Vorgänger. Die Muslime sehen das Judentum als eine mit
dem Islam vergleichbare Gesetzesreligion (Schri’a)
an. Das Christentum gilt dagegen
als eine zum Judentum gehörende religiöse Erneuerungsbewegung.
Jesus Christus gilt als ein wichtiger Prophet (ulu’l
´azm), der sich zwar aus der Reihe der
biblischen Propheten herausragt, aber eben zu diesen gerechnet werden muß
und kann nicht den gesetzverkündenden Propheten Moses oder Abraham
auf einer Stufe gestellt werden. Das Bindeglied zwischen den drei genannten
Religionen ist der Monotheismus, wobei die diesbezügliche islamische
Lehre mit der der jüdischen deckungsgleich ist. Das Christentum hält
zwar ebenfalls am Monotheismus fest, nimmt aber in den Augen der Muslime
durch die Dreifaltigkeitslehre eine Sonderstellung ein. Der Koran verwirft
eben diese Lehre, womit so-zu-sagen die
islamische Christologie ihren besonderen
Charakter bekommt.
Die
islamische Christologie weicht auch in
anderen Punkten von der Lehre ab, die von der christlichen Kirche als verbindlich
angesehen wird. Jesus Christus wird zum Beispiel vom Islam nicht als Sohn
Gottes, sondern als ein Prophet akzeptiert. Auf der anderen Seite gibt
es auch durchaus Übereinstimmungen.
Der
Koran spricht von der unbleckten Empfängnis
Marias, ohne ihr allerdings als Muttergottes zu huldigen. Der Koran berichtet
von der Kreuzigung Christi, aber in einer Weise, aus der ein nicht geringer
Teil der muslimischen Koranexegeten ableitet, daß
an Stelle von Christus ein anderer an das Kreuz geschlagen wurde. Der Kreuztod
blieb Jesus demnach erspart, in dem Gott ihn in den Himmel nahm. Andere
gehen von einer tatsächlich stattgefundenen Kreuzigung Christi aus,
die aber nicht zu seinem Tod führte. Unter den Schriftgelehrten besteht
ein breiter Konsens über die Himmelfahrt Christi und darüber, daß
er eines Tages zur Erde zurückkehren und den Islam zum Endsieg verhelfen
wird. Wichtig für unser Thema wären noch einige weiteren Aspekte,
etwa Wunder, die Jesus auch laut Koran vollbracht haben soll. Oder die
Abneigung gegen die Verwendung von Abbildungen durch Christen bei den Gottesdiensten.
Nicht zuletzt die Verfälschung einiger Textstellen im Alten und Neuen
Testament durch Juden und Christen. Damit sind
keines falls alle Inhalte der islamischen Christologie
angesprochen, wohl aber solche, die in der islamischen Welt kontrovers
behandelt werden und denen in der AhmadiyyaTheologie
eine zentrale Bedeutung zukommt.
Die
Entstehung der Ahmadiyya im letzten Quartal
des 19. Jahrhunderts in Indien ist zum erheblichen Teil eine Folge der Christianisierugsanstrengungen
Indiens mit Hilfe, zumindest aber mit Duldung der Kolonialmacht Großbritannien.
Die christlichen Missionen hatten aus verständlichen Gründen
ihr Augenmerk auf den Islam gerichtet. Dank seines semitischen Ursprungs
hatte man am ehesten den Zugang zu ihm.
Die
Missionare bezogen sich in ihren Reden und Schriften auf den Koran und
die Traditionen des Propheten Muhammad, um zum Beispiel die Sonderstellung
Jesu zu unterstreichen. Der Koran spricht nach Meinung der Schriftgelehrten
von der jungfraulichen Empfängnis Marias und von der Himmelfahrt Christi.
In den Traditionen des Propheten Muhammad wird die Rückkehr Jesu vorausgesagt.
All dies diente den Missionaren dazu, gewissermassen
die Wichtigkeit Jesu Christi gegenüber Muhammad, der ja wie ein gewöhnlicher
Mensch geboren wurde und verstarb, abzuleiten. Man führte ausserdem
aus, daß die Botschaft Christi sich
durchgesetzt habe, wie man dies an Hand der Herrschaft der christlichen
Völker Europas in Indien und anderswo sehen könne.
Dies
ist sicherlich eine sehr vereinfachte und verkürzte Darstellung der
Argumentation der christlichen Missionen in Indien. Natürlich war
dies keineswegs der gesamte oder auch der einzige Inhalt der Missionsschriften.
Es soll hier lediglich aufgezeigt werden, wie der Koran und die Traditionen
Muhammads mit nicht geringem Erfolg benutzt wurden, um die muslimische
Bevölkerung Indiens zur Annahme des Christentums zu bewegen.
Der
Begründer der Ahmadiyya, MirzaGhulam
Ahmad (18~5-1 908), richtete bezeichnender Weise seine publizistische Tätigkeit
in erster Linie gegen die christlichen Missionen. Er führte durch
die Veröffentlichung von Büchern, Traktaten, Wandplakaten und
Handzetteln einen wahren Kreuzzug gegen sie. Es kam sogar 1893 zu einer
spektakulären öffentlichen zwei wochen
andauernden Diskussion mit einem Pastor Abdullah Athim,
der vom Islam zum Christentum konvertiert war. MirzaGhulam
Ahmad wählte die Missionshochburg in Punjab, Ludhiana,
für die formale Verkündigung seines göttlichen Auftrags,
als er am 23. März 1889 dort die Bai’ a von insgesamt 40 Personen
vollzog. Interessant erscheint indes die Art, wie er auf die Argumente
der christlichen Missionare reagierte und seinen Standpunkt sukzessive
veränderte. In seinen ersten Schriften verteidigte er noch den allgemein
bekannten orthodox-islamischen Standpunkt in Bezug auf Jesus Christus.
Die Einmaligkeit der Geburt Christi stellte er mit dem Hinweis auf Johannes
dem Täufer, dessen Geburt laut Koran ebenfalls außergewöhnlich
gewesen war, in Frage. Dessen VetterZakariya
wurde seine Geburt von Gott vorausgesagt, als er bereits ein alter Mann
war und seine Ehefrau bereits als Unfruchtbar galt. Auch die Himmelfahrt
Christi bezeichnete MirzaGhulam
Ahmad als nicht aussergewöhnlich, wenn
man sich in Erinnerung ruft, daß die
Bibel auch von der Himmelfahrt Eliyahs berichtet.
Zu diesem Zeitpunkt vertrat er noch den Standpunkt, daß
Jesus Christus sich im Himmel befindet und eines TagesWiederkehren
wird.
Die
eigentlichen Adressaten MirzaGhulamAhmads
waren aber die Muslime und ihnen gegenüber bemühte er sich als
ein Verteidiger des Islam aufzubauen. Es galt also so wenig wie möglich
von den traditionellen islamischen Positionen aufzugeben. Sir Sayyid
Ahmad Khan hatte bereits zu diesem Zeitpunkt die Vaterlose Erzeugung Christi
ebenso wie seine Himmelfahrt verneint. Seiner Meinung nach hatte Christus
die Kreuzigung überlebt und war später eines
natürlichen Todes gestorben. MirzaGhulam
Ahmad dagegen bejahte die unbefleckte Empfängnis Marias, rückte
aber nach und nach von der Himmelfahrt Christi ab.
MirzaGhulam
Ahmad bezeichnete sich in seinen früheren Schriften als muhaddith,
ab 1885 auch mujaddid. In dieser Eigenschaft
hatte er auch die Bai’a vollzogen. Erst
später will er durch die göttlichen Offenbarungen darauf gekommen
sein, daß der Koran expresis
verbis vom Tod des Propheten Isa spricht,
allerdings nicht am Kreuz, wie dies von den Christen angenommen wird, sondern
erst viel später. Er muß also
die Kreuzigung überlebt haben. Im Neuen Testament glaubte er genügend
Unterstützung für seine Thesen zu finden. Interessant ist aber
die Tatsache, daß er mit keinem Wort
seine Anleihe bei Sir Sayyid Ahmad Khan
zugibt.
Bis
zu diesem Zeitpunkt war MirzaGhulam
Ahmad unter den Schriftgelehrten (‘ulama) gut
gelitten. Sein Buch “Barahin-iAhmadiyya“
hatte eine fast emphatische Aufnahme gefunden. Selbst die Tatsache, daß
er die Bai’ a vorgenommen und dadurch den Grundstein für die Bildung
einer eigenen ihm verpflichteten Gemeinde gelegt hatte, war ihm allgemein
nicht verübelt worden. Aber die Verleugnung der Himmelfahrt Christi
und obendrein die Aufstellung der Behauptung, er sei auf dieser Erde gestorben,
entfachte ein Sturm der Entrüstung. Ab 1891 bezeichnete MirzaGhulam
Ahmad sich selbst als die Verkörperung des verheissenenMessiahs
und nannte sich fortan als “masih-imau’du“.
Er forderte namhafte Gelehrte zu Streitgesprächen über diese
Frage auf. 1891 fand eine öffentliche Diskussion (munazira)
zwischen ihm und MaulaviNazirHusain
in der Hauptmoschee von Delhi statt. Das Gespräch endete fast in einem
Aufruhr.
Mirza Ghulam Ahmads
Hauptinteresse richtete sich zu dieser Zeit darauf, historische Beweise
für die Rettung von Jesus vor dem Kreuztod zu finden. Er forderte
einige seiner Jünger auf, zu diesem Zweck Reisen nach Nasibin/Nasibain
(Nasibus) und anderen Gebieten zu unternehmen. Ganz unerwartet erhielt
er eines Tages einen entscheidenden Hinweis. Einer seiner Jünger schrieb
ihn aus Kaschmir eine Postkarte und berichtete von einem Grabmahl in Srinagar,
in dem ein Heiliger mit dem Namen YusAsaf
begraben sein soll. Damit war in den Augen MirzaGhulamAhmads
die letzte Ruhestätte des Propheten Isa
gefunden worden. MirzaGhulam
Ahmad machte sich sofort an die Arbeit und trug eiligst einige Materialien
zusammen, die 1899 unter dem Titel “Masihhindustanmain“
(Messiahs in lndien)
veröffentlicht wurden. Der Verfasser versucht darin nachzuweisen, daß
Jesus nach seiner wundersamen Rettung vor dem Kreuztod Jerusalem verließ
und auf der Suche nach den verloren gegangenen isrealitischen
Stämmen schliesslich nach indien
gelangte. Mit Zuhilfenahme eines angeblichen Hadith
glaubte MirzaGhulam
Ahmad auch belegen zu können, daß
Jesus im reifen Alter von 120 Jahren verstarb.
Mit
dieser Verkündigung war MirzaGhulam
Ahmad endgültig gelungen, seiner jungen Gemeinde, die bis dahin keinen
eigenen Namen hatte, und erst bei de Volkszählung des Jahres 1901
unter den Namen “Ahmadiyyat“ eingetragen wurde,
von den anderen Muslimen abzusetzen. In Anbetracht der Tatsache, daßIsa
ein Prophet gewesen war und nur als solcher wiederkehren würde,
bezeichnete sich MirzaGhulam
Ahmad, der ja an seiner statt gekommen sein wollte, fortan als Nabi.
Damit stellte er sich endgültig außerhalb des Konsensus der
Muslime. Denn für sie gilt Muhammad als der absolut letzte Prophet,
nach dem keine Propheten mehr geben wird (khataman-nabiyin). MirzaGhulam
Ahmad wollte lediglich als ein Prophet angesehen werden, der kein Gesetz
zu verkünden hatte (gairtaschri’inabiy).
Seiner Meinung nach will der Koran lediglich solche Propheten ausschliessen,
die anstelle der islamischen Schari’a ein
neues Gesetz verkünden wollen. Die Prophetie wird sich innerhalb der
muslimischen Umma fortsetzen. Er bezeichnete
sich deshalb auch Ummatinabiy,
dessen Aufgabe es war, den Islam zum neuen Leben zu erwecken.
Die
Christusfrage steht im Mittelpunkt der Ahmadiyya-Literatur,
sowohl in Bezug auf ihre Auseinandersetzung mit den Christen, als auch
in der inner-islamischen Diskussion. Sie bildete auch die Ausgangsbasis
für die weltweiteAhmadiyya-Missionstätigkeit.
Es herrschte von Anfangan die Überzeugung vor, an Hand dieser Frage
das Fundament des Christentums zerstören zu können. Wie sehr
man von der Richtigkeit eigener Überzeugung war und immer noch ist,
mag man daran messen, daß dieAhmadiyya
bis heute nichts unternommen hat, sich mit dieser Frage wissenschaftlich
auseinander zu setzen. Allenthalben hält man Ausschau nach Publikationen,
die in irgendeiner Weise die eigene Überzeugung verstärken. Dabei
runterlässt man es geflissentlich zu untersuchen, ob die betreffenden
Publikationen wissenschaftlich verwertbar sind, oder nicht. Als Beispiel
wäre da der Fall eines deutschen katholischen Laien zu nennen, der
sich mit dem turiner Grablinnen Jesu beschäftigt
hat und seit 1954 die Ergebnisse seiner Untersuchungen an Hand von Fotografien
des Grabtuches veröffentlicht. Er glaubt mit Hilfe der Fotografien
beweisen zu können, daß Jesus
Christus zum Zeitpunkt seiner Abnahme vom Kreuz noch gelebt hat. Jeder
wachsame Leser wird nach Lektüre weniger Seiten bereits feststellen, daß
der Verfasser es mit der Wahrheit nicht sehr ernst nimmt. Obwohl er der
alleinige Urheber dieser Theorie ist, gaukelt er vor, Untersuchungsergebnisse
einer Kommission bestehend aus Ärzten, Historikern und anderen Fachwissenschaftlern
vorzulegen.
Die Ahmadi-Autoren
haben bisher eine große Anzahl von Büchern zu diesem Thema veröffentlicht.
Die Ahmadiyya hielt 1978 in London eine
internationale Konferenz über die Rettung Jesu vom Kreuz ab. Das damalige
Oberhaupt der AhmadiyyaMirzaNasir
Ahmad nahm persönlich daran teil.
Die
Wiederkehr des Propheten Isa, wie auch das
Auftreten des Mahdi war von den Muslimen im Allgemeinen im 14. Jahrhundert
nach der islamischen Zeitrechnung erwartet worden. Inzwischen befinden
wir uns im 15. Jahrhundert des hijra-Kalenders.
In weiten Teilen des Welt-Islams scheint sieh ein Wandel hinsichtlich dieser
Frage allmählich zu vollziehen. Viele Schriftgelehrte sind dazu übergegangen,
die Wiederkehr Christi als eine sekundäre Frage zu behandeln. Die
Bildungsschicht in den islamischen Ländern hat sich radikal von der
Himmelfahrtslehre ebenso, wie auch von einer Wiederkehr Christi getrennt.
Die Ahmadiyya-Literatur dürfte dabei
eine wichtige Rolle gespielt haben. Der Anteil des eigentlichen Urhebers
dieser Theorie, gemeint ist Sir Sayyid Ahmad
Khan, darf natürlich nicht übersehen werden. Er war es, der zu
einem Zeitpunkt als MirzaGhulam
Ahmad noch die Himmelfahrt Christi verteidigte, vom Koran und Bibel Beweise
für eines natürlichen Todes Christi vorbrachte. MirzaGhulam
Ahmad übernahm diese Argumente und konnte mit deren Hilfe sich selbst
als den verheissenenMessiahs
präsentieren. Er mochte aber Sir Sayyid
Ahmad Khan im zweiten Punkt nicht folgen, der MariasunbefleckstesEmnfängnis
betraf.
Maulavi
Muhammad Ali, der später die Spaltung in der Ahmadiyya-Gemeinde
verursachen sollte, folgte in dieser Frage Sir Sayyid
Ahmad Khan. Die Lahori-Gruppe der Ahmadiyya
folgt seither seinem Beispiel. Ein weiterer Punkt des Dissens zwischen
den beiden Ahmadiyya-Gruppenbetrift
die Frage, ob MirzaGhulam
Ahmad das Prophetenamt bekleidete, wie dies
vom Hauptzweig mit ihrem Sitz in Rabwah
(seit kurzem heißt diese Stadt auf Veranlassung des Provinzparlaments
von Panjab „Chanabnagar“),
bejaht wird, oder ob er lediglich als Muhaddith
und mujaddid angesehen werden soll, wie
die Lahori-Gruppe meint.
Vortrag
gehalten anlässlich des XXII. Deutschen Orientalistentages vom 21.-25.
März 1983 in Tübingen.