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Munir D. Ahmed
Pakistan wird seit kurzem zu den Staaten gezählt, die die Atombombe besitzen oder in der Lage sind, sie binnen kurzer Frist zu bauen. Die anderen Staaten auf dieser Liste sind die fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates (USA, Rußland, Großbritannien, Frankreich und die Volksrepublik China) sowie Indien und Israel. Zu den atomaren Schwellenländern gehören Südafrika, Brasilien, Argentinien, Nord- und Südkorea. Deutschland und Japan haben quasi freiwillig darauf verzichtet, die Atombombe zu bauen. Sie und weitere Industriestaaten Europas sind technologisch in der Lage, jederzeit atomar aufzurüsten. Auch ohne die Atombombe genießen sie den atomaren Schutz durch die USA oder NATO. So gesehen gehören mehr Länder zum Atomklub, als es auf den ersten Blick den Anschein haben mag.
Pakistans Eintritt in diesen Exklusivklub ist nur insofern
interessant, als damit zum ersten Mal ein Muslimstaat dazugehört.
Und es ist bemerkenswert, daß nur die pakistanische Bombe einen Beinamen
("islamische Atombombe") erhalten hat. Es fragt sich, warum es keine "jüdische",
"hinduistische" oder "christliche" Atombombe gibt? Ist
vielleicht eine Atombombe in muslimischer Hand gefährlicher als Atombomben
in der Hand anderer Religionsgemeinschaften? Oder traut man den Muslimen
nicht zu, mit der Atombombe verantwortungsvoll umzugehen?
Eigentlich ist die Vorstellung von einem verantwortungsvollen Umgang mit der Atombombe absurd. Der bisher zweimalige Einsatz der Atombombe geschah zum Ende des Zweiten Weltkrieges durch die "verantwortungsvollen" USA. Es ist bis heute strittig, ob der Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki wirklich zur Kapitulation Japans und zur raschen Beendigung des Krieges führte. Japans Widerstand war bereits zuvor gebrochen, und alles deutete auf seine bevorstehende Kapitulation hin. Trotzdem kam die Atombombe zum Einsatz, wahrscheinlich um deren Gefährlichkeit für Mensch und Tier unter realen Bedingungen zu testen - und zu demonstrieren. Zumindest der Abwurf der zweiten Bombe auf Nagasaki war überflüssig. Und wie war es während der Kubakrise 1962, als Präsident John F. Kennedy den Einsatz der Atombombe erwog? Israel soll 1973 angesichts einer sich abzeichnenden Niederlage seiner Truppen während der ersten Phase des Oktoberkriegs Ägypten mit der nuklearen Keule gedroht haben. Es gibt daher niemanden auf der Welt, der mit der Atombombe verantwortungsvoll umgehen kann. Der einzige Grund, warum sie im kalten Krieg nicht zum Einsatz kam, war die atomare Abschreckung. Das "Overkill"-Potential der Großmächte hatte eine makabre Logik, die nicht von der Hand zu weisen ist. Die Verhinderung des Einsatzes der Atombombe ist nur durch den Besitz der Atombombe möglich. Und in einer Krisenregion, in der nur eine Seite die Atombombe besitzt, muß die Gegenseite sich um den Erwerb der Atombombe bemühen, wenn sie in Freiheit und Frieden leben möchte.
Indien machte dies geltend, als es im Mai 1974 den Atomtest durchführte. Mit Hinweis auf den nördlichen Nachbarn, die Volksrepublik China, wurde in Neu-Delhi argumentiert, daß der Erwerb der Nukleartechnologie unerläßlich geworden sei. Man wies die Absicht zum Bau und Besitz der Atombombe von sich und versicherte, daß die Atomtechnologie für friedliche Zwecke, also Entwicklungsvorhaben und Medizin, eingesetzt werden soll. Abgesehen davon, daß dafür eine Atomexplosion nicht nötig gewesen wäre, hat es bisher keine Anwendungsbeispiele für Entwicklungsvorhaben gegeben. Im Gegensatz dazu soll Indien seither spaltbares Material angehäuft haben, das für die Herstellung von einhundert Bomben ausreichen dürfte.
Pakistan befürchtet Indiens Hegemonie
Indiens Atomtest löste in den Nachbarstaaten, speziell in Pakistan, große Befürchtungen wegen des indischen Hegemonieanspruches in Südasien aus. Nur drei Jahre zuvor hatte eine massive indische Militärintervention die politische Abspaltung Bangladeschs herbeigeführt. Darüber hinaus hielt Indien zum Zeitpunkt des Atomtests 93000 pakistanische Soldaten als Kriegsgefangene fest. Eigentlich datierten Pakistans Befürchtungen im Hinblick auf Indiens Pläne zum Bau der Atombombe aber bereits aus den sechziger Jahren. Bereits 1965 hatte der damalige pakistanische Außenminister Zulfikar Ah Bhutto Indiens Bestrebungen zum Bau der Atombombe mit dem Satz kommentiert: "Sollte Indien die Atombombe bauen, werden wir eine eigene Bombe bauen, auch wenn wir dafür Gras essen müßten."
Indiens Feindschaft mit Pakistan geht auf die Teilung Britisch-Indiens in zwei Nachfolgestaaten 1947 zurück. Die "Hindu-Revisionisten" haben die Gründung eines separaten Muslimstaates auf heiligem indischen Boden bis heute nicht verwunden. Sie träumen von dem Tag, an dem Mutter-Indien wieder vereint sein wird. Beide Staaten haben im Laufe der Jahre mehrfach Kriege gegeneinander geführt. Bereits unmittelbar nach der Unabhängigkeit gab es zwischen ihnen einen begrenzten Krieg um Kaschmir, weil das ehemalige Fürstentum von beiden Ländern beansprucht wurde. Ein durch die Vermittlung der Vereinten Nationen vereinbarter Waffenstillstand im Jahre 1949 dauert bis heute an, ohne daß der Konflikt endgültig beigelegt worden wäre. Wegen Kaschmir folgte 1965 ein zweiter Waffengang zwischen den verfeindeten Brüdern, der sich zum größten Panzerduell seit dem Zweiten Weltkrieg ausweitete. Danach gelang Indien 1971 ein entscheidender Schlag gegen Pakistan, als es für die bengalischen Separatisten in Ostpakistan Partei ergriff und Bangladesch mit Waffengewalt zur Unabhängigkeit verhalf. Des weiteren gab es zwischen den beiden Staaten wegen Rann of Katsch beinahe einen Krieg, der dank internationaler Vermittlung abgewendet werden konnte. In den Bergregionen des Karakorum führen beide Seiten seit einem Jahrzehnt einen bewaffneten Kampf um den Siachen-Gletscher, bei dem bisher Hunderte von Soldaten auf beiden Seiten getötet wurden.
Unter diesen Umständen war es nicht verwunderlich, daß Pakistan sich von seinem größeren Nachbarn Indien bedroht fühlte. Bald nach der Staatsgründung suchte es deshalb Verbündete, um mit deren Hilfe seine territoriale Integrität bewahren zu können. Sein Beitritt zur South-East Asian Treaty Organization (SEATO) und zum Bagdad-Pakt, der später in der Central Treaty Organization (CENTO) aufging, sowie ein bilaterales Militärabkommen mit den USA erfolgten aus pakistanischer Sicht, um der indischen Bedrohung zu begegnen. Anders als in Washington, wo die Einkreisung des kommunistischen Blocks durch westliche Militärbündnisse im Vordergrund stand, war man in Pakistan auf die Bedrohung durch Indien fixiert. Die sowjetische Rückendeckung für Indien, insbesondere in der Kaschmirfrage, aber auch Indiens Aufrüstung mit sowjetischer Hilfe waren für Pakistan ein ernstzunehmendes Sicherheitsproblem. Als Indien darüber hinaus seine Forschung auf dem nuklearen Gebiet forcierte und im Mai 1974 die Atombombe zündete, wurde dies in Pakistan als ein Alarmsignal angesehen. Der damalige Staatspräsident Bhutto bat den militärischen Bündnispartner USA, Pakistan unter seinen atomaren Schutzschild zu stellen. Die Antwort der USA fiel mit Rücksicht auf Indien negativ aus. Ebenso erfolglos war Bhuttos Initiative, Südasien von den Vereinten Nationen zur atomfreien Zone erklären zu lassen. Er wollte auf diesem Weg dem atomaren Wettrüsten in der Region Einhalt gebieten. Bis auf Indien signalisierten alle südasiatischen Staaten ihre Zustimmung, zumal auch sie Angst vor den Hegemoniegelüsten Indiens hatten. Am Ende blieb der pakistanischen Staatsführung nichts anderes übrig, als auf die indische Herausforderung mit eigenen Anstrengungen zum Bau der Atombombe zu reagieren.
Pakistan war seit Ende der sechziger Jahre definitiv über Indiens Pläne zum Bau der Atombombe informiert. Zu diesem Zeitpunkt verfügte es selbst lediglich über einen Leichtwasserreaktor vom Typ PARR (Swimmingpool-Typ) zu Forschungszwecken, der von den USA 1965 geliefert wurde und den Sicherheitsbestimmungen der Internationalen Atomenergie-Kommission unterworfen war. Er gehörte zum Forschungskomplex Pakistan Institute of Nuclear Science and Technology (PINSTECH) in Nilore bei Islamabad. Pakistans einziger Kernreaktor, die Karachi Nuclear Power Plant (KANUP), wurde 1972 von der Canadian General Electric Company in der Nähe von Karachi fertiggestellt. Der Aufbau einer Wiederaufbereitungsanlage für atomare Brennstoffe in Chashma (Mianwali Distrikt) wurde 1973 beschlossen, und Verhandlungen über deren Lieferung durch Frankreich wurden aufgenommen. Der indische Atomtest im Mai 1974 erschreckte die internationale Gemeinschaft, weil es den Indern gelungen war, entgegen der Abmachung mit dem Lieferanten ihrer Kernreaktoren (wiederum der Canadian General Electric Company) und unter den Augen der internationalen Kontrolleure ihre Kernzündung durchzuführen. Die kanadische Regierung reagierte daraufhin mit der Einstellung der Zusammenarbeit sowohl mit Indien als auch mit Pakistan. Frankreich geriet unter Druck aus den USA, weil diese befürchteten, daß Pakistan es den Indern nachmachen und eigene Atomtests durchführen könnte. Der US-Außenminister Henry Kissinger setzte sich massiv für die Annullierung des Liefervertrages ein, der im März 1976 zwischen den Regierungen von Pakistan und Frankreich unterzeichnet und von der in Wien ansässigen Atomenergiekommission in bezug auf die Sicherheitsregelungen gebilligt worden war. Unter dem Druck der USA zog Frankreich sein ursprüngliches Lieferangebot zurück und legte ein modifiziertes technologisches Angebot vor, das die Gewinnung von waffenfähigem Plutonium ausschloß. Die Volksrepublik China sprang in die Bresche und übernahm den Bau des nunmehr auf 300 Megawatt demissionierten dias Chashma Nuclear Power Plant (CHASNUPP), dessen Fertigstellung für 1998 avisiert ist. Auch die Bundesrepublik Deutschland sah sich gezwungen, die Erfüllung eines bereits abgeschlossenen Vertrags über die Lieferung eines Schwerwasserkernreaktors auszusetzen. US-Außenminister Henry Kissinger soll Bhutto bei einem Besuch in Islamahad im August 1976 massiv gedroht haben, wenn sein Land das Nuklearprogramm nicht aufgebe. Auf seine angebliche Äußerung "We will make a horrible example of you" verwies Bhutto in seiner aus der Todeszelle herausgeschmuggelten und 1979 in Neu-Delhi publizierten Schrift "If 1 am Assassinated...", um die Hintergründe seiner Verurteilung und bevorstehenden Exekution anzudeuten.
Bhutto hatte frühzeitig erkannt, daß der technologische Fortschritt seinem Land nicht geschenkt würde, sondern von seinen Wissenschaftlern erarbeitet werden mußte. Folgerichtig wurden Hunderte von pakistanischen Studenten zum Studium der Technologie und Naturwissenschaften ins Ausland entsandt. Zu ihnen gehörte auch Ahdul Qadeer Khan, der an der Technischen Hochschule in West-Berlin sowie an der Technologischen Universität in Delft (Niederlande) studierte und an der Universität Louvain (Belgien) im Fach Physische Metallurgie promovierte. Praktische Erfahrungen sammelte er in einem Laboratorium des holländischen lndustriegiganten Vereinigde Metaalfabrieken Werkspoor, das sich besonders mit Metall-Legierungen auf dem Gebiet der Reaktortechnik befaßte. Lediglich siebzehn Tage lang war er in der Uranzentrifuge in Almelo beschäftigt, die gemeinsam von der Bundesrepublik Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden betrieben wird und wo Uranbrennstoff für die ganze Welt produziert wird. Angeblich wurden ihm dort wegen seiner guten Sprachkenntnisse streng geheime Dokumente und Konstruktionsunterlagen zur Übersetzung überlassen. Er soll auch Zugang zu einer Liste aller Lieferanten für das Almelo-Projekt gehabt haben. Später, als er die pakistanische Zentrifuge in Kahuta leitete, warf man ihm lndustriespionage vor und beschuldigte ihn des Diebstahls von Geheimdokumenten. Dafür wurde er in Abwesenheit von einem Gericht in Amsterdam am 14. November 1983 zu vier Jahren Gefängnisstrafe verurteilt. Wenig später wurde er von einem Appellationsgericht freigesprochen, und das Urteil gegen ihn mußte aufgehoben werden. Der Spionageverdacht konnte nicht aufrechterhalten werden.
Pakistan baut eine Uranzentrifuge in Kahuta
Die Entscheidung zum Bau der Anlage für Urantrennung in Kahuta wurde im Juli 1976 getroffen, nachdem die ausländischen Vertragspartner die Lieferung von Atombrennstoff für Pakistans Reaktoren eingestellt hatten. Die Pakistanis fingen vom Nullpunkt an und versuchten die Zentrifuge mit dem einheimischen Fachpersonal aufzubauen. BBC berichtete darüber in einer Filmreportage unter dem Titel "Project 706 -The Islamic Bomb" und verschaffte dem Unternehmen so unfreiwillig Kontakte zu den Lieferfirmen. Der Betreiber wurde von den einschlägigen Ausrüstern von Atomfabriken aus dem Westen mit Briefen und Telexen regelrecht bestürmt. Es handelte sich um Firmen, die unter anderen Almelo und Capenhurst ausgestattet hatten. Die Pakistanis kauften, was sie brauchten, ließen aber keinen ausländischen Techniker in die Urananreicherungsanlage, die zur Schutzzone erklärt worden war. Verschiedentlich versuchten Ausländer, darunter auch der damalige französische Botschafter in lslamabad, vergebens, in die Nähe der Anlage zu gelangen, um sich ein Bild davon zu machen. Israel soll lndien vorgeschlagen haben, in einer gemeinsamen Aktion gegen die pakistanische Anlage vorzugehen, die unweit der Grenze zum indischen Kaschmir liegt, wobei es auf einschlägige Erfahrungen aus seinem Angriff auf den Atomreaktor in Irak verwiesen haben mag. Die entsprechenden Berichte wurden in Pakistan sehr ernst genommen. Dafür sprechen die Drohungen des pakistanischen Militärs gegen Indiens Atomreaktoren, die man als Vergeltung in Schutt und Asche legen wollte.
Nach seinem undiplomatischen Auftreten gegenüber
Bhutto wies Henry Kissinger darauf hin, daß er damit lediglich Pakistan
vor dem habe bewahren wollen, was dem Land drohe, wenn der US-Kongreß
einen Zusatz zur "U.S. Foreign Aid Authorisation Bill" verabschiede. Dieser
von Senator Stuart Symington initiierte Zusatz besagte, daß keine
Wirtschaftshilfe an ein Land gezahlt werden dürfe, das eine atomare
Aufbereitungsanlage betreibe, ohne sie unter internationale Kontrolle zu
stellen. Anscheinend war das "Symington-Amendment" von vornherein ausschließlich
gegen Pakistan gerichtet, denn es kam weder gegen Indien noch gegen Israel
je zum Einsatz, obwohl beide Länder jedwede internationale Kontrolle
ihrer Wiederaufbereitungsanlagen ablehnen. Im Gegensatz dazu war Pakistans
Vertrag mit Frankreich von der Wiener Atombehörde gebilligt worden.
Außerdem waren internationale Kontrollen vertraglich festgelegt.
Als Pakistan die Annullierung des Vertrages mit Frankreich ablehnte, stellten
die USA im April 1977 Projekthilfen im Rahmen der Entwicklungshilfe ein.
Im September des gleichen Jahres folgte dann die vollständige Suspendierung
der Wirtschafts- und Militärhilfe. Präsident Jimmy Carter erklärte
ausdrücklich, daß die US-Aktion in Zusammenhang mit dem "Symington-Amendment"
stand. Auf der anderen Seite billigte er zur gleichen Zeit gegen den Widerstand
der Nuclear Regulatory Commission die Lieferung von 16,8 Tonnen angereicherten
Urans nach Indien. Den Pakistani zeigte auch die Weltbank unter dem Druck
aus Washington die kalte Schulter. In dieser schwierigen Zeit griffen einige
islamische Länder, angeführt von Saudi-Arabien, Pakistan unter
die Arme. Dies dient seither Pakistans Gegnern als Beweis dafür, daß
Pakistan seine Atombombe im Auftrag der islamischen Geldgeber hergestellt
hat und sie ihnen im Bedarfsfall zur Verfügung stellen würde.
Pakistan wird zum Frontstaat
Trotz aller Vorbehalte der USA gegen Pakistans Nuklearpläne war ihnen das Land geostrategisch sehr wichtig. Es bildete neben Iran einen Eckpfeiler im Verteidigungspaktsystem für den Persischen Golf und für Südasien. Deshalb war es aus pakistanischer Sicht unverständlich, daß aus Washington kein Zeichen der Besorgnis um Pakistans Sicherheit kam, als der afghanische Präsident Mohammed Daud im April 1978 von den Kommunisten gestürzt wurde. Washington erklärte den Putsch zur internen Angelegenheit Afghanistans, wodurch die Sicherheit der Region nicht weiter bedroht werde. Daß Pakistan zu einem Frontstaat geworden und die Gefahr einer sowjetischen Expansion in Südasien gewachsen war, wurde von der US-Regierung einfach ignoriert. Unbekümmert trieb man in Washington Planspiele zur Zerstörung der pakistanischen Zentrifuge in Kahuta durch eine Kommandoaktion, worüber die New York Tirnes am 14. August 1979 berichtete.
Spätestens am 21. November 1979, als die US-Botschaft in Islamabad von Demonstranten gestürmt wurde, müssen in Washington die Alarmglokken geläutet haben. Die USA waren auf dem besten Weg, einen Freund in Südasien zu verlieren, der bis dahin ein verläßlicher Partner in Sicherheitsfragen gewesen war. Bereits zu diesem Zeitpunkt beherbergte Pakistan über eine Million afghanische Flüchtlinge, und die ersten Verbände der Mudjahidin hatten mit pakistanischer Unterstützung den bewaffneten Kampf gegen Kabul aufgenommen. Erst der Einmarsch der sowjetischen Truppen in Afghanistan Ende Dezember 1979 brachte eine Wende in der amerikanischen Politik gegenüber Südasien und speziell gegenüber Pakistan.
Präsident Carters Angebot von 400 Millionen US-Dollar Militär- und Finanzhilfe wurde von Pakistan abgelehnt, weil man davon in den Worten des Militärmachthabers General Zia ul-Haq höchstens "Peanuts" hätte kaufen können. Die Summe hätte jedenfalls nicht ausgereicht, um der sowjetischen Bedrohung an der pakistanischen Grenze zu begegnen, und ihre Annahme hätte obendrein den Zorn der Sowjetunion gegen Pakistan gelenkt. Der stellvertretende US-Außenminister Warren Christopher verwies auf das Symington-Amendment, das es seiner Regierung verbiete, Finanz- und Militärhilfe an Pakistan zu leisten, solange das Land sein Nuklearprojekt nicht aufgebe. Er schlug deshalb die Einstellung des pakistanischen Nuklearprogramms vor und provozierte damit die pakistanische Ablehnung. Erst 22 Monate nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan sah die US-Regierung unter Präsident Reagan ein, daß die Erpressungstaktik der USA gescheitert war. Also entschloß man sich im Oktober 1981, das Symington-Amendment für die Dauer von sechs Jahren auszusetzen und Pakistan Militär- und Wirtschaftshilfe in Höhe von 3,2 Milliarden Dollar zu gewähren, weil dies "im nationalen Interesse der Vereinigten Staaten" liege. Der US-Kongreß billigte dies unter der Bedingung, daß die Hilfe sofort zu stoppen sei, wenn Pakistan Nuklearwaffen an einen Nicht-Nuklear-Staat weitergeben, selbst welche empfangen oder einen Atomtest durchführen sollte.
Pakistans Rolle im Stellvertreterkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion, die sich durch die Entsendung der Truppen nach Afghanistan in eine schwierige Lage gebracht hatte, war es, dafür zu sorgen, daß der Einmarsch die Sowjetunion teuer zu stehen kam, wie es Präsident Carters Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski formulierte. Es stellte sich heraus, daß die sowjetischen Truppen länger in Afghanistan bleiben würden. Dies machte die Verlängerung der Finanz- und Militärhilfe an Pakistan über die ursprünglich vorgesehenen sechs Jahre notwendig. Aber bevor der amerikanische Kongreß darüber entscheiden konnte, wurde die Forderung erhoben, daß Pakistan als Vorbedingung den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnen sollte. Pakistan versteckte sich hinter Indien mit der Beteuerung, zur Unterzeichnung des Vertrags bereit zu sein, wenn dieser Schritt zugleich auch von seinem Kontrahenten Indien vollzogen werde. In Islamabad war sattsam bekannt, daß Indien dazu nicht bereit war. Der US-Kongreß entschloß sich 1985 zu einem drastischen Schritt, der unter dem Namen "Pressler-Amendment" in die Annalen des Repräsentantenhauses eingegangen ist. Darin wurde dem US-Präsidenten auferlegt, dem Kongreß jährlich eine Bestätigung darüber vorzulegen, daß Pakistan keine Atombombe besitze und die gewährte Finanzhilfe es zu einem endgültigen Verzicht veranlassen werde.
Pakistans Atomprogramm wird gestoppt
Der US-Regierung war nicht verborgen geblieben, daß in Kahuta mit der Anreicherung von Uran experimentiert wurde. Zur Anwendung kam eine vereinfachte Methode eines pakistanischen Wissenschaftlers, die beim US-Patentamt angemeldet worden war. In Dezember 1981 ließ Präsident Zia wissen, daß sein Land die Fähigkeit erworben habe, Uran anzureichern. Dr. Abdul Qadeer Khan gab im Februar 1984 in einem Interview zu, daß der erzielte Anreicherungsgrad von 90 Prozent das Uran atomwaffentauglich machte. Washingtons Forderung nach einer Inspektion der pakistanischen Atomanlagen wurde von Islamabad zurückgewiesen. Deshalb erhöhte Präsident Reagan 1984 den Druck auf Pakistan und ließ wissen, daß er nicht mehr zur Ausstellung der Bescheinigung bereit sei, wie sie das Pressler-Amendment verlangte. Nach Informationen seiner Regierung stand Pakistan kurz vor dem Bau der Atombombe. Washington bestand auf dem Einfrieren der Nuklearforschung in Pakistan. Diesem Druck soll Pakistan schließlich nachgegeben haben. Nach einem Bericht der Carnegie Endowment geschah dies in der Regierungszeit von Nawaz Scharif (1990—1993) im Juli 1991. Andere wollen wissen, daß das Einfrieren dem Stand von 1989 entspricht. Jedenfalls behauptete Scharif vor seiner Entlassung im April 1993, daß sein Land keine Atombombe gebaut habe, obwohl es dazu in der Lage wäre. Später gab er als Oppositionsführer seine Zurückhaltung auf und behauptete, daß Pakistan sehr wohl die Atombombe gebaut habe. Die offizielle Sprachregelung in dieser Frage hat sich insofern geändert, als zwar der Besitz der Atombombe nicht ausdrücklich bestätigt, aber auch nicht mehr geleugnet wird.
Eigentlich kann Pakistan zur Zeit mit seiner vermeintlichen Atombombe nicht viel anfangen: Das Land hat kein geeignetes "delivery system". Es besitzt weder mit Kernwaffen bestückbare ballistische Raketen noch Kampfflugzeuge, die in der Lage wären, die Atombombe ins Ziel zu bringen. Eine Option Pakistans auf 60 F-16-Kampfflugzeuge, für die die Kaufsumme bereits entrichtet worden war, annullierte die US-Regierung einseitig. Die seit Jahren bereitstehenden Flugzeuge sollen anderweitig verkauft werden, damit Pakistan einen Teil seiner Kaufsumme zurückerhalten kann. Zwischenzeitig verhandelte Pakistan mit der Volksrepublik China über den Kauf von M-11-Raketen. Der Kauf wurde in letzter Minute von den USA vereitelt — durch massive Drohungen mit einem Handelsboykott gegen die Volksrepublik China. Seither bemüht sich Pakistan ohne sichtbaren Erfolg um den Erwerb von Mirage 2000-5 aus Frankreich. Die pakistanische Raketenproduktion ist im Gegensatz zu der Indiens bescheiden. Das Land hat auf dem Gebiet des Flugzeugbaus nichts zu bieten. Deshalb kann man mit der pakistanischen Atombombe zwar drohen, aber nichts Schlimmes anrichten.
Die USA wollen Pakistan erklärtermaßen zum
Verzicht auf die Atombombe und zum Abbau bestehender Anlagen für Nuklearforschung
zwingen. Das vorgeschlagene "Einfrieren" des Nuklearprogramms auf den Stand
von 1989 soll der erste Schritt in diese Richtung sein. Dagegen bietet
Pakistan eine allgemeine Inspektion seiner Anlagen an und fordert Gleichbehandlung
mit Indien. Prinzipiell wäre man unter der gleichen Voraussetzung
auch gewillt, dem Vertrag über den "Umfassenden Atomaren Teststopp"
beizutreten. Diese Position bietet Islamabad ein Schlupfloch, weil Indien
diesen Vertrag bekanntlich so lange nicht unterschreiben will, wie die
alten Atommächte sich nicht zur Vernichtung des bestehenden Atomarsenals
verpflichten.
Pakistan wird den Teststoppvertrag mit oder ohne Indien
unterschreiben müssen. Washington besitzt hier zu viele Druckmittel,
die einzusetzen es sich nicht scheuen dürfte. Es ist überhaupt
bemerkenswert, mit welcher Einseitigkeit Pakistan von den USA in dem Nuklearfrage
an den Pranger gestellt wird. (1)
Ist es vielleicht doch wahr, daß man vor einer "jüdischen"
Atombombe weniger Angst zu haben braucht? Böse ist offenbar nur die
"islamische" Bombe, zumal die iranischen Ajatollahs danach lechzen. Von
interessierter Seite werden immer wieder (zuletzt 1995) Meldungen verbreitet,
wonach die iranische Regierung Pakistan sehr viel Geld für die Überlassung
einer Atombombe angeboten habe. Früher tauchte häufig Muammar
al-Gaddafis Name in diesem Zusammenhang auf. Seit sich herumgesprochen
hat, daß zwischen Pakistan und Libyen seit über einem Jahrzehnt
keine allzu freundlichen Beziehungen bestehen, fällt es den Nachrichten-fälschern
schwer, ihn als den möglichen Geldgeber für die pakistanische
Atombombe zu bezeichnen. An Libyens Stelle ist daher Iran getreten, der
im Westen, speziell in den USA, als eine finstere Macht gilt, die mit allen
Mitteln die westliche Zivilisation vernichten möchte. Allen Anfeindungen
zum Trotz will Pakistan sein Nuklearprogramm nicht gänzlich einstellen.
In dieser Frage existiert ein Konsens unter den politischen Parteien. Die
fundamentalistische Jamaat-i Islami fordert offen zum Bau der Atombombe
auf und will, daß Pakistan sich zur Atommacht erklärt. Eine
Meinungsumfrage im Februar und Mai 1996 zeigte hingegen, daß 61 Prozent
der Befragten auf die Atombombe nicht verzichten, sie aber auch nicht bauen
wollen. Lediglich 6 Prozent befürworteten einen Verzicht, wogegen
32 Prozent sich für den Bau der Atombome aussprachen.(2) Es steht
außer Zweifel, daß die diesbezügliche Politik der letzten
Jahre von der Mehrheit der Bevölkerung getragen wird. Daran dürfte
sich in absehbarer Zeit nichts ändern, gleichgültig wer in den
kommenden Jahren in Islamabad regieren wird.
Anmerkungen
1) Vgl. auch Klaus Natorps Leitartikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 13.12.1990.
2) Die Ergebnisse der Umfrage sollen 1997 unter dem Titel "Pakistan
and the Bomb", herausgegeben von David Cortright und Samina ahmed, in Buchform
erscheinen.
Literatur
Akhtar Ali: Pakistan's Dilemma. Energy & Security Dimensions. Karachi 1984.
Dieter Braun / Karlernst Ziem: Die Nuklearpolitik Pakistans. Hintergründe, aktueller Befund, Perspektiven. Ebenhausen 1985.
Jochen Hippler: Islam und westliche Außenpolitik. in: Jochen Hippler / Andres Lueg (Hrsg.), Feindbild Islam. Hamburg 1993.
Zia Mian (Hrsg.), Pakistan's Atomic Bomb & the Search for Security. Lahore 1995.
D.K. Palit / P.K.S. Namboodiri, Pakistan's Islamic Bomb. New Delhi 1979.
Erschienen in: Der Islam und der Westen. Anstiftung zum Dialog. Herausgegeben von Kai Hafez. Frankfurt/M. Fischer. 1997. S. 203.213.