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Ahmadiyya: Geschichte und Lehre

Von Munir D. Ahmed

Die Ahmadiyya-Bewegung des Islams entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Britisch-Indien. Sie versteht sich als eine Reformbewegung, die die islamische Lehre von ,,Fehlinterpretationen" säubern und sie im Sinne der ursprünglichen Botschaft Mohammeds darlegen will. Theologisch gesehen ist sie eine messianische Bewegung, die eher puritanitisch-konservativ als liberal ausgerichtet ist 1). Im allgemeinen wird sie von den Muslimen abgelehnt und aufs schärfste bekämpft. Man wirft ihr vor, gegen den Konsens der umma verstoßen zu haben, wonach nach Mohammed kein Prophet kommen darf. Tatsächlich hatte sich der Begründer der Ahmadiyya, Mirza Ghulam Ahmad (1835-1908), als Empfänger göttlicher Offenbarung und Prophet vorgestellt.

Bei der Entstehung der Ahmadiyya haben zwei Faktoren entscheidenden Einfluß gehabt: Erstens begünstigte die inner-islamische theologische Diskussion auf dem indischen Subkontinent geradezu die Entstehung einer messianischen Bewegung, und zweitens war Indien zu jener Zeit eine britische Kolonie, wo weitgehende religiöse Freiheit herrschte. Nur dort und, wie die Erfahrung inzwischen bestätigt hat, in keinem muslimischen Staat hätte die Ahmadiyya entstehen können und gedeihen dürfen.

Die Bedingungen, unter denen sich der Islam in Indien gegenüber einer ihm feindlich gesonnenen Umwelt behaupten mußte, haben tiefe Spuren in ihm hinterlassen. Die deutlich vernehmbaren synkretistischen Tendenzen sind die eine Seite, die andere drückt sich in seinem Hang zum Messianismus aus. Der Moghulkaiser Akbar (1556-1605) verband die beiden genannten Aspekte miteinander und trat als Stifter des Din-i ilahi (Weg Gottes) auf, einer Religion, die aus verschiedenen religiösen Traditionen Anleihen machte 2). Der Begründer der Mahdawiyya, Muhammad Dschaunpuri (1443-1505), handelte systemimmanent und wollte mahdi (der Rechtgeleitete) sein 3).

Abgesehen von den beiden als heterodox eingestuften Akbar und (Dschaunpuri war auch die Orthodoxie in gewissem Sinne dem Messianismus nicht abgeneigt. Sayyid Ahmad Sirhindi (l564-l624), der seither als mudschaddid des zweiten Millenniums (nach islamischer Zeitrechnung) bezeichnet wird, erregte Aufsehen und forderte Widerspruch heraus, als er für sich die qayyumaiyat beanspruchte, d.h. die Rolle des qayyum, von dem die Existenz aller Dinge abhängt 4). Ebenfalls wollte Shah Wali Allah in Anlehnung an Sirhindi Qa'im az-zaman seiner Epoche sein 5). Unter seinen Anhängern wurde, insbesondere nach dem Märtyrertod Ahmad Brailawis (l786-l83I), die Ankunft des mahdi in naher Zukunft erwartet 6). Die Bewegung der Ahl-i Hadith, der Mirza Ghulam Ahmad ursprünglich angehörte, ging aus deren Mitte hervor 7).

1. Die Entstehungsgeschichte

Ahmad entstammte einer mittlerweile nicht mehr so wohlhabenden Grundbesitzer-Moghulfamilie aus Qadian in der nordindischen Provinz Pandschab. Die Grundausbildung erhielt er von Privatlehrern und besuchte danach den Unterricht eines religiösen Lehrers in einem benachbarten Ort, wo er mit der Lehre der Ahl-i Hadith in Berührung kam. Diese Gruppe hatte sich von den militanten Anhängern Ahmad Brailawis, die fälschlicherweise Wahhabis genannt wurden, getrennt und sich gegen die Verpflichtung eines jeden Muslims ausgesprochen, gegen die Kolonialmacht einen Befreiungskrieg zu führen. Theologisch stand sie der Schule Shah Wali Allahs nahe, trat ebenso wie diese für idschtihad 8) ein, und obwohl sie ihre Zugehörigkeit zur hanafitischen Rechtsschule betonte, lehnte sie die Verpflichtung zur unbedingten Befolgung der Rechtsauffassung derjenigen Rechtsschule ab (genannt taqlid), der man von Geburt an angehört. Die Traditionen des Propheten (hadith) bilden die primäre Rechtsquelle in ihrer Lehre, denn ihrer Meinung nach ist nur über diese das Verständnis des Koran möglich.

Ahmad diente in der Kolonialverwaltung vier Jahre lang beim Gericht in Sialkot, wo er die christliche Mission und ihre sehr erfolgreichen Bekehrungsanstrengungen unter den Muslimen kennenlernte. Er faßte den Entschluß, den hartbedrängten Islam mit dem für die Abwehr fremder Einflüsse benötigten Schrifttum zu versorgen. Sein Buch Barahin-i Ahmadiyya, das zwischen 1880 und 1883 in jährlichen Bänden erschien, wurde von vielen Muslimen enthusiastisch aufgenommen. Es enthält eine Apologetik für den Islam und überaus aggressiv formulierte Angriffe auf das Christentum und den Hinduismus. Sein Ziel war die "Verteidigung" des Islams. Das allgemeine Klima war in dieser Hinsicht in Indien derart vergiftet, daß kaum jemand an eine Verständigung und einen friedlichen Dialog zwischen den Religionen dachte. Man verfaßte polemische Flugblätter und Handzettel gegeneinander und forderte die Gegner zum öffentlichen Disput auf. Solche Veranstaltungen endeten häufig in Chaos und Aufruhr.

Ahmad erwarb durch seine Schriften und Disputationen bald den Ruf eines Anwalts des Islams. Die Zahl seiner Anhänger begann zu wachsen, die seiner Feinde auch. Sein Sendungsbewußtsein nahm die ersten konkreten Formen an, als er sich als muhaddith 9) und mudschaddid 10) bezeichnete. Er veröffentlichte seine Visionen und Offenbarungen, die kundtun sollten, daß nur der Islam imstande war, eine lebendige Verbindung mit Gott zu schaffen. Er forderte die Repräsentanten anderer Religionen auf; mit ihm in einen Wettbewerb einzutreten und zu Gott zu beten, damit Er ihnen Kenntnis über die kommenden Ereignisse gäbe. Er selbst veröffentlichte eine Reihe von Voraussagen, z.B. über den Zeitpunkt des Todes seiner Widersacher (was ihm sehr verübelt wurde).

Bis dahin genoß er im allgemeinen das Wohlwollen der Muslime. Als er aber kundtat, daß kein anderer als er selbst der erwartete mahdi sei, der gekommen sei, um dem Islam zum Endsieg zu verhelfen, regte sich Widerspruch in der muslimischen Geistlichkeit.

1889 nahm er die Huldigung (bai‘a) 11) seiner Anhänger entgegen und legte damit den Grundstein für eine religiöse Organisation mit den Namen Ahmadiyya. Er gab außerdem bekannt, daß er gleichzeitig auch im Namen des verheißenen Messias (mnasih-i maw‘ud) gekommen sei, dessen Erscheinen von den Muslimen erwartet worden war und von dem es hieß, daß er zusammen mit dem mahdi für den Endsieg des Islams sorgen würde. Die Muslime hatten dagegen die Wiederkehr des Propheten Isa (Jesus Christus) in Person erwartet, von dem es geheißen hatte, daß er dem Kreuzestod durch seine Himmelfahrt entkommen sei, im Himmel zur Rechten Gottes säße und auf die Erde herabsteigen würde. Ahmad verwarf diese Vorstellung, weil sie angeblich vom Koran nicht unterstützt wurde. Seiner Meinung nach wurde Jesus tatsächlich ans Kreuz gehängt, aber noch vor Eintreffen des Todes abgenommen. Er verließ seine Heimat und gelangte auf seinen Wanderungen nach Indien, wo er als alter Mann in Kaschmir eines natürlichen Todes starb 12)

Ahmad wollte darüber hinaus für die ganze Menschheit gekommen sein. Er vereinte in seiner Person all die erwarteten Heilsbringer sämtlicher Religionen, also Krishna für die Hindus, Mesio Darbahmi für die Zoroastrier, den Messias für die Christen und Juden und den mahdi für die Muslime. Da nun Isa ein Prophet gewesen war, mußte derjenige, der in seinen Namen kam, auch ein Prophet sein. Konsequenterweise wollte also Ahmad ebenfalls ein Prophet sein, der allerdings kein neues Gesetz brachte, sondern dem Islam verpflichtet war. Er bezeichnete sich als Zilli-nabi (Sekundarprophet) und zog einen Vergleich mit Aaron,womit gezeigt werden sollte, daß Mohammed und Moses Religionsstifter waren, wogegen Aaron und Ahmad lediglich deren Helfer und Sekundarpropheten darstellten.

Diese mit viel Geschick formulierten Erklärungen reichten nicht aus, die muslimische Geistlichkeit zu besänftigen, zumal Ahmad in seinem Eifer so weit gegangen war, diejenigen als kafir (Ungläubige) zu bezeichnen, die sich seiner Bewegung gegenüber feindlich verhielten. Die Geistlichkeit antwortete mit gleicher Münze und ließ zahlreiche fatwas (Gutachten) erstellen, die ihn und seine Anhängerschaft als vom Islam abtrünnig erklärten. Beide Seiten belegten jeweils die Gegenseite mit sozialen Boykottmaßnahmen und schlossen gesellschaftliche Interaktion aus. Anfänglich wirkten sich diese Maßnahmen eher zum Vor- als zum Nachteil der Ahmadiyya aus, weil dadurch der innere Zusammenhalt der Organisation gefördert wurde. Längerfristig gesehen hat dies aber bewirkt, daß die Ahmadiyya in eine Isolation geriet, aus der sie sich bisher nicht befreien konnte.

Ahmad ließ die Ahmadiyya bei der Volkszählung vom 1901 als eine eigenständige islamische Sekte eintragen. Der organisatorische Aufbau war bei seinem Tod am 27. Mai 1908 keinesfalls vollendet. Die Gemeinde wählte ohne Gegenkandidaten Maulawi Nur ad-Din zu seinem Nachfolger (khalifa), wobei die Diskussion darüber unterblieb, ob Ahmad nicht vielleicht die Organisation (Sadr Andschuman Ahmadiyya) als Nachfolger vorgezogen hätte. Diese Frage tauchte 1914 beim Tod des ersten Kalifen wieder auf und spaltete die Ahmadiyya in zwei Teile. Die Mehrheit der Direktoren von Sadr Andschuman Ahmadiyya wollten keine Einzelperson zum Kalifen wählen, sondern diese Aufgabe der Organisation übertragen wissen. Dagegen stimmte die Mehrheit der Gemeindemitglieder für die Wahl von Mirza Bashir ad-Din Mahmud Ahmad, des damals erst 25jährigen Sohnes von Ahmad. Der unterlegene Teil zog daraufhin nach Lahore und setzte die Organisation als Nachfolger ein, deren Vorsitzender de facto als das Gemeindeoberhaupt (Amir) fungiert.

Die Spaltung hat sich als dauerhaft erwiesen, und sie ist längst über die organisatorischen Fragen hinausgegangen. Die Hauptgruppe, die in Qadian geblieben war (Qadiani-Gruppe) und nach der Teilung Indiens in Pakistan die Stadt Rabwah gründete und zu ihrem Zentrum aufbaute, hält an Ahmads Anspruch auf das Prophetenamt fest, wogegen die Lahori- Gruppe ihn lediglich als mudschaddid, muhaddith und verheißenen Messias bezeichnet. Deswegen aber wird die letztere nicht weniger von den Muslimen abgelehnt als die Qadiani-Gruppe. Sie ist außerdem zahlenmäßig derart zusammengeschrumpft, daß ihr Weiterbestand als gefährdet gilt. Die Qadiani-Gruppe dagegen konnte stark wachsen13).

Beide Gruppen engagierten sich bei der Missionstätigkeit im In- und Ausland. Lange Zeit waren sie in der islamischen Welt darin konkurrenzlos. Ihre Missionserfolge in Afrika, Europa und den USA waren ihr stärkstes Argument bei der Gewinnung von Anhängern in der Heimat. Gerade daraus erwuchs die Gefahr für sie, die die Verantwortlichen bei der Ahmadiyya lange nicht einsehen wollten. Je mehr ihre Mitgliederzahl stieg, desto lauter wurde die Kritik seitens der Gegner, die bereits seit den dreißiger Jahren dafür eingetreten waren, daß der Ahmadiyya das Recht abgesprochen werden sollte, sich als eine islamische Gruppe zu bezeichnen. Dies gelang schließlich 1974, als das pakistanische Parlament die Ahmadiyya zu einer nichtislamischen Minderheit erklärte 14). Seither wurde ihr gesetzlich verboten, ihre Gebetshäuser als masdschid (Moschee) zu bezeichnen, den Gebetsruf (azan) zu benutzen, das islamische Glaubensbekenntnis (kalima) öffentlich vorzutragen oder den Koran zu übersetzen und überhaupt das islamische religiöse Vokabular zu verwenden. Man will erreichen, daß sie ihr Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit ändert und künftig nicht mehr als eine islamische Gruppe erkennbar ist. Dies hat zur Folge, daß immer mehr Ahmadis aus Pakistan auswandern. Seit 1984 lebt das jetzige Oberhaupt der Qadiani-Gruppe, Mirza Tahir Ahmad, in Großbritannien im Exil.

2. Die Lehre

Der wichtigste theologische Ansatz in der Ahmadiyya-Lehre betrifft den Fortbestand des Prophetentums, allerdings nur insofern, als dies die Position des Propheten Mohammed als khatam an-nabyyin (,,Siegel der Propheten" nach der Ahmadiyya-Auffassung und ,,der letzte Prophet" in allgemeinen Verständnis) nicht tangiert. Die Ahmadiyya-Lehre ist in dieser Frage nicht frei von Widerspruch, weil auch sie davon ausgeht, daß Mohammed der letzte gesetzgebende Prophet war. Ahmad stellt weder die Autorität Mohammeds noch die Gültigkeit der islamischen Lehre in Frage. Seiner Meinung nach wird es auch künftig Propheten der nicht-gesetzgebenden Art geben, allerdings nur innerhalb der muslimischen Gemeinschaft (umma). Um dies zu betonen, bezeichnet er sich selbst als ummati nabi (Prophet aus der Muslimgemeinschaft).

Vielleicht wichtiger noch als die Frage, ob und was Für ein Prophet Ahmad war, war für ihn seine Verkündigung als der verheißene Messias masih-i (maw‘ud). Und dies hing ursprünglich mit seiner Auffassung von der Kreuzigung, Himmelfahrt und Wiederkehr des Propheten Isa zusammen. Wie bereits erwähnt, stand er rnit seiner Meinung in dieser Frage in Widerspruch zu der Mehrheit. Daß er sich einstmals als rnahdi, mudschaddid und muhaddith bezeichnet hatte, ist im Laufe der Jahre immer mehr in den Hintergrund getreten.

Dem Koran kommt im theologischen Gefüge der Ahmadiyya die zentrale Bedeutung zu 15). Er ist von göttlichem Ursprung und enthält die wörtliche Offenbarung, deren Reihenfolge Mohammed an Hand göttlicher Eingebung persönlich vornahm. Der Korantext ist ohne jeden Verlust in seiner Gesamtheit überliefert worden, weist keine Widersprüche auf und ist ausnahmslos in seiner Totalität gültig. Damit wird die Lehrmeinung über abrogierende (nasikh) und abrogierte (mansukh) Verse verwoffen. Der Koran ist unfehlbar und wird auch durch keine neue göttliche Schrift ersetzt. Der Koran stellt die Grundlage für den Islam und für das islamische Recht dar. Die mündlich und durch Nachahmung überlieferte sunna (Aussagen und Handlungen) Mohammeds, die sich durch die Jahrhunderte in der muslimischen Gemeinde lebendig gehalten hat, gilt als die zweite Rechtsquelle, gefolgt von den hadith und dem Analogieschluß (qiyas) 16). Die Ahmadiyya rechnet sich selbst der hanafitischen Rechtsschule zu,lehnt aber den Grundsatz des taqlid (prinzipielle und unverrückbare Nachahmungspflicht in Rechtsfragen) ab. Vielmehr gestattet sie, in jedem einzelnen Fall aus den Lehrmeinungen verschiedener Rechtsschulen eine den Zeitbedürfnissen entsprechende Entscheidung auszuwählen oder sie durch die Anwendung von idschtihäd (selbständige Entscheidung einer Rechtsfrage aufgrund der Interpretation von Quellen) neu zu fällen. Allerdings sind dazu nur Schriftgelehrte befähigt. An erster Stelle sollten sie den Koran, an zweiter Stelle die sunna und an dritter Stelle den hadith konsultieren. Und ein hadith soll, solange er nicht gegen die Bestimmungen des Koran oder der sunna gerichtet ist, über das von Menschen entwickelte fiqh gestellt werden. Falls sich eine Sache mit Hilfe aller drei genannten Quellen nicht entscheiden läßt, sollte man sich nach der hanafitischen Rechtsschule richten. Erst wenn auch dort keine Entscheidung angetroffen wird, sollen die Gelehrten der Ahmadiyya den idschtihad üben 17).

Ahmad übte in mehreren Fällen idschtihad. Er erklärte z.B. den dschihad (religiöse Verpflichtung zur Kriegsführung gegen Ungläubige) vorübergehend für aufgehoben. Weniger Beachtung fand seine Entscheidung zum Fasten für die Arbeiter, denen es schwerfällt, wegen extremer Wetter- und Arbeitsbedingungen ihrer Fastenpflicht nachzukommen. Er billigte ihnen die Möglichkeit zu, nicht zu fasten und die ausgelassenen Tage nachzufasten. Wer auch dies nicht vermag, fällt in die Kategorie von Kranken oder derjenigen, die vom Koran deshalb von dieser Pflicht entbunden wurden, ,,weil sie dazu nicht im Stande sind".

Die Ahmadiyya hält sämtliche islamischen Ge- und Verbote aufrecht, und die Organisation wacht unerbittlich über deren Einhaltung. Jede bekanntgewordene Verfehlung, z.B. Nachlässigkeit bei der Verrichtung von täglichen Gebeten, oder Verstöße gegen Verbote, z.B. Nichtbeachtung des Alkoholverbots, wird geahndet und kann bis zum Ausschluß aus der Gemeinschaft führen. Die Liste der Verbote ist beträchtlich erweitert worden, z.B. um die Teilnahme am Gebet hinter einem Nicht-Ahmadi-Imam. Ebenso verboten ist die Vermählung einer Ahmadi-Frau mit einem Nicht-Ahmadi. Teilnahme am Totengebet (salat al-dschanaza) für einen Nicht-Ahmadi ist ebenfalls untersagt.

Der puritanische Aspekt der Ahmadiyya-Lehre kommt darin zum Ausdruck, daß sie sogar die säkularen Bräuche, die sich aus dem Ur-Islam nicht belegen lassen, insbesondere die indischen Lokalbräuche, welche angeblich hinduistischen Ursprungs sind, ausmerzen will. Auch in dieser Hinsicht läßt sich die Ahmadiyya als eine Fortsetzung der von Shah Wali Allah begonnenen Bewegung ,,zurück zu den Anfängen des Islams" nachweisen 18).

Ferner steht die Ahmadiyya-Theologie in der Schuld von Sayyid Ahmad Khan, der sich im Zeitalter von Entdeckungen bemühte, nachzuweisen, daß es zwischen der Religion und den Naturgesetzen keine Divergenz gibt 19). Seine diesbezügliche Maxime, die von Ahmad übernommen wurde, lautete: ,,Zwischen den Worten Gottes (d.h. der heiligen Schrift) und Seinen Taten (d.h. den Naturgesetzen) kann es keine Divergenz geben". (Die Worte word of God und work of God stehen englisch im Urdu-Text.) Davon ausgehend hatte Sayyid Ahmad Khan verneint, daß den Naturgesetzen widersprechende Wunder existieren. Ebenso sprach er sich gegen Fürbitten aus, die seiner Meinung nach einen Kranken nicht heilen können.

Ahmad widersprach ihm in beiden Punkten. Für ihn gibt es Wunder, die von den Propheten vollbracht wurden; zwar glaubt man auf den ersten Blick, daß sie die Naturgesetze sprengen, bei genauerem Hinsehen aber stellt man das Gegen teil fest. Wer sagt uns zudem, daß wir alle Naturgesetze in ihrer Gesamtheit bereits kennen? Ebenso entschieden bejahte er die Wirkung von Fürbitten, welche seiner Meinung nach die Medikamente nicht substituieren, sondern unterstützen sollen. Es ist überhaupt ein Merkmal der Ahmadiyya-Theologie, daß sie nüchtern und rational argumentiert, ohne allerdings die Ratio zum Schiedsrichter über die Religion zu machen.

Anmerkungen

Zur Lektüre werden empfohlen: Mirza Bashir-ud-din Mahmud Ahmad: Ahamdiyya or the true Islam, Rabwah 1959; Muhammad Zafrullah Khan: Ahmadiyya. The renaissance of Islam. London 1978; Spencer Lavan: The Ahmadiyya Movement: A history and perspective, Delhi 1974; Yohanan Friedmann, Prophecy continous. Aspects of Ahmadiyya religious thought and its medieval background. Berkeley 1988. (Comparative Studies on Muslim Societies III.).
Roy Chaudhury. Makhan Lal, Din-i-ilahi, Calcutta 1941.
S.A.A. Rizvi, Muslim revivalist movements in northern India in the sixteenth and seventeenth centuries, Agra 1965; 68-134.
4. Ebd., 202-260.
J.M.Baljon, Religion and Thought of Shah Wali Allah Dihlawi 1703-1762, Leiden 1968.
Muahhmad Hedayatullah, Sayyid Ahmad: A study of the religious movement of Sayyid Ahmad of Ra’e Bareli, Lahore 1970.
Qeyamuddin, The Wahhabi movement in India, Islamabad 1966. Siehe dazu: Aziz Ahmad, Islamic Modernism in India and Pakistan. 1857-1964, London 1967; 113-122.
Selbständige Entscheidung einer Rechtsfrage aufgrund der Interpretation von Rechtsquellen.
Wörtlich: "Erneurer".
Bedeutungsgleich mit muhaddith, wird aber häufiger gebraucht. Mohammad soll deren Auftreten am Anfang jedes Jahrhunderts vorausgesagt haben.
Der formale Vorgang der Initiation.
Siehe dazu: Mirza Ghulam Ahmad, Jesus in India. Jesus‘ escape from death on the cross and journey to India, London 1978; Muhammad Zafrullah Khan, Deliverance from the cross, London 1978; Munir D. Ahmed, Die Christologie der Ahmadiyya. Vortrag beim XXII. Deutschen Orientalistentag vom 21.-25. März 1983 in Tübingen.
Die Ahmadiyya spricht gegenwärtig von weltweit 75-80 Millionen Ahmadis. Dies dürfte übertrieben sein, zwei Millionen erscheint realistischer.
Munir D. Ahmed, "Ausschluß der Ahmadiyya aus dem Islam. Eine umstrittene Entscheidung des pakistanischen Parlaments", in: Orient 16(1975)1, Opladen, 112-143.
Munir D. Ahmed, "Die Stellung des Korans in der Ahmadiyya-Theologie", in ZDMG-Supplement III,1, 319-330. (Vortrag beim XIX. Deutschen Orientalistentag vom 28. September bis 4. Oktober 1975 in Freiburg in Breisgau. Vorträge herausgegeben von Wolfgang Voigt.)
Munir D. Ahmed, Hadith in the Ahmadiyya Theology, in: Actes du XXIX Congres international des orientalistes. Section organise par Claude Cahen. Etude arabes et islamique. I. Histoire et civilisation. Paris Vol. I., 14-19.
Munir D. Ahmed, Das Fiqh der Ahmadiyya. Vortrag beim XXIII. Deutschen Orientalistentag in Würzburg 1985.
Munir D. Ahmed, Die Soziologie der Ahmadiyya, in: ZDMG-Supplement IV, 545-547. Vortrag beim XX. Deutschen Orientalistentag 1977 vom 3. Bis 8. Oktober in Erlangen.
J.M.S. Baljon, The reform and religious ideas of Sir Sayyid Ahmad Khan. Lahore 1970; M.Hadi Hassain, Syed Ahmed Khan: Pioneer of Muslim resurgence. Lahore 1970.

Erschienen in: Die Religionen der Menschheit. Der Islam. III. Islamische Kultur - Zeitgenössische Strömungen - Volksfrömmigkeit. Band 25,3. S. 415.422.

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